Donnerstag, November 06, 2008

Fern wie die Zeit (XII)

Wir gingen ein paar Meter in Richtung des Hafens und setzten uns schließlich an die Kaimauer. Es begann dunkel zu werden. Ich holte den Bourbon raus und bot die Flasche Peter an. Er nahm die Flüssigkeit in sich auf wie ein Schwamm. Dann wollte er ihn mir zurückreichen, aber ich lehnte ab. Ich brauchte später noch einen klaren Kopf.
„Ich hatte schon genug heute, in jeder Hinsicht. Ist ein seltsames kleines Dorf, dass sie hier haben.“
Er blickte mich kurz an und ließ sich nicht lange bitten.
„Naja, es is halt ein Dorf, nicht wahr? Jeder weiß von jedem, und doch weiß man von keinem so richtig, wenn sie verstehn.“
„Und vor allem weiß keiner was. Wie steh’n sie denn zu Jenkins? Er hat sie’n bisschen scheel angeschaut grad da drin.“
„Ach, ich vertrag ne Menge, aber wenn ich dann genug intus hab, dann vergess ich manchmal, wie groß ich bin. Er hat immer’n Auge auf mich, wenn ich bei ihm bin. Hab ihm schonmal ein bisschen ein paar Tische kaputtgehaun.“ Das letzte mit einem schuljungenhaften Augenaufschlag. Ich hätte schwören können, dass er errötete.
„Aber keine Angst nich, ich vergreif mich an keinem, auch wenn ich betrunken bin.“ Sprach’s und nahm einen weiteren Zug. Wenn das so weiterging, reichte die Flasche keine zehn Minuten mehr.
„Oft Besucher hier?“
„Früher gab’s mehr von. ’S kommen nich mehr so viele. Eigentlich kaum noch einer. Naja, dem Dorf tut’s nich weh. Fanny hat noch ihre Pension mit’n paar Zimmern, aber wir andern gehen eben wieder fischen oder Holz fällen und so. Der Wald und das Meer geben genug her. Wir vermissen nix.“
Er nuckelte ein bisschen vor sich hin und blickte raus auf den Wasserspiegel. Ich blickte auch. Ein wunderbarer Sonnenuntergang brach da gerade über der Horizontline aus.
„’S ändert sich alles mit den Zeiten, wissen sie. Mal is unser Dorf groß auf der Landkarte, mal ist’s ein bisschen kleiner. Vielleicht ist es auch irgendwann gar nich mehr drauf. Das kümmert uns nich, verstehn sie? Wir leben hier unsre Leben, und das Dorf lebt sein Leben. So war’s immer, und so wird’s wahrscheinlich immer sein, oder?“
„Wenn ich sie so hör, dann hat’s hier in der letzten Zeit wohl wenig Besucher von außerhalb gehabt, was?“
„Sie sind der erste, an den ich mich erinnern kann, wenn ich ehrlich bin. Ich hab schon lang keine mehr gesehn. Ich bin aber auch oft im Wald, und dann länger weg, verstehn sie?“
„Einen Mann namens Hendrichs kennen sie dann wohl nicht?“, fragte ich mit wenig Hoffnung.
„Hendrichs? Sagt mir erstmal nix, der Name.“
„Frank Hendrichs heißt er. Einen Frank vielleicht?“
„Warum fragen sie? Einer hier aus’m Dorf?“
„Nee, ein Besucher.“ Ich fragte mich, ob ich meine Freundes-Geschichte wieder auftischen sollte, aber stattdessen entschied ich mich diesmal wieder für die Augen-Taktik. Zu blöd, dass ich die Zeichnung nicht eingesteckt hatte.
„Er hat Augen wie Tuft. Ist aber einiges jünger. Bisschen wirres Haar und’n Schnurrbart. Sie kennen doch Tuft, oder?“
„Klar kenn ich Tuft. Und ich glaub ich weiß, an wen sie denken. ’S kann eigentlich nur Frances sein. Woher kennen sie den denn?“
Ich musste erstmal schlucken. Dann langte ich doch noch nach der Flasche, aber die stellte sich inzwischen als leer heraus.

„Dieser Frances, wie heißt er denn weiter?“
„Henrie heißt er. Enroe Henrie war sein Vater. Was woll’n sie denn von ihm?“
„Was macht er so?“
Er blieb stumm und sah mich einfach nur an. Mit sturem Weiterbohren kam ich erstmal nicht weiter. Er hatte mir eine Menge erzählt. Ich musste ihm auch mal was bieten.
„Ich such nen alten Freund von mir.“ Doch wieder die gleiche Leier, aber warum auch nicht. „Hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Frank Hendrichs heißt er. Ich habe gehört, dass er hierher gekommen sei und hab gedacht, ich seh mich mal nach ihm um.“
„Wann soll’n das gewesen sein, dass er hierherkam?“
„Muss wohl nen Monat her sein, dass ich davon gehört habe. Jetzt hab ich gerade Urlaub und wollt mal nach ihm sehen. Er sieht so aus, wie ich’s ihnen beschrieben habe. Aber sie meinen, das klänge nach Frances Henrie?“
„Und der is schon’n bisschen länger hier als nur nen Monat. Würd ihnen ja gern weiterhelfen, aber ich glaub ’s passt nicht wirklich. Frances is schon’n gutes halbes Jahr hier. Und er is ja auch eigentlich kein Besucher. Er is von hier, war nur lange weg. Er is Zeichner, wissen sie?“
Ich nickte.
„Er war in der Stadt. Hat wohl Erfolg gehabt, so wie’s aussieht. Dann is er wiedergekommen. Er hilft Tuft, das Dorf zu zeichnen.“
„Klingt wohl nicht wie mein Freund. Aber danke für’s Erzählen“, sagte ich mit gespielter Gleichmut. Aber innerlich feierte ich einen Kindergeburtstag.
Peter sah wieder aufs Meer. Die ersten Sterne zeigten sich im ermattenden Himmel. Ich sah auf die Uhr. Es wurde Zeit. Ich musste los.
„Peter, hat mich sehr gefreut. Ich denk, ich werd mich jetzt langsam mal aufs Ohr legen. War’n anstrengender Tag heut für mich, mit Kugelhagel und allem. Ich hoff wir sehen uns wieder.“
„Wird nich schwer sein hier im Dorf“, lächelte er. „Danke fürs Bier und fürn Schnaps. Hat nich ganz gereicht, aber ich bin wenigstens ’n bisschen angeheitert, wenn sie verstehn. Ich hoff ich hab sie nich gelangweilt. Ich rede immer’n bisschen viel.“
„Aber keine Spur. Machen sie’s gut.“
Ich stand auf und winkte ihm zu und machte, dass ich fortkam. Die Hand reichte ich ihm lieber nicht. Ich würde meine Hände heute noch brauchen.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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