Freitag, Oktober 17, 2008

Fern wie die Zeit (VI)

Ein Hahn krähte. Ein Hammer krachte mir auf den Hinterkopf. Mein Schädel brummte, und ich zog mich für ein paar Minuten wieder dorthin zurück, von wo ich kam. Der Hahn krähte immernoch. Ich schlug die Augen auf. Zwielicht füllte das Zimmer wie eine trübe Suppe den Suppentopf. Ein Topf Hühnersuppe, mit dem verdammten Hahn darinnen. Ich bewegte mich nicht, sondern lauschte nur dem Krawall. Meine Augen schweiften durch den kleinen Raum und streiften die Dinge mit ihrem Blick. Den Schrank. Die Waschschüssel voller Zigarettenstummel. Eine halbe Flasche Bourbon.
Ich schlug die Decke zurück und brachte mich in die Senkrechte. Es erforderte Willenskraft, und ich hatte lange nicht mehr soviel davon wie früher. Es war ein hartes Leben, und ich hatte schon ein paar Sprünge und Kratzer bekommen und war ein bisschen ausgeleiert. Früher hätte ich die ganze Flasche gesoffen und wäre trotzdem aus dem Bett gesprungen wie mit der Feder geschnalzt. Heute war ich einfach nur müde.
Ich zog die Vorhänge zurück und blickte hinaus. Draußen war die gleiche graue Suppe wie in meinem Zimmer. Der Hahn hatte seine Pflicht erfüllt und war nun verstummt. Es war auch wahrlich kein Tag zum Eierlegen, sondern ein düsterer Herbsttag in einem verlorenen Kaff an der Meeresküste. Ich öffnete das Fenster, und kalte Luft drang herein, und ich hörte die Wellen in der Ferne dröhnen. In meinem Kopf dröhnte es auch.
Ich stellte mich dem Tag. Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich zog eine Jeans und meinen dicken Seemannspullover und Stiefel aus meinem Koffer und ließ den Anzug im Schrank. Er würde mir heute nichts nützen. In den Wald ging man nicht mit Stadtklamotten. Ich entschied mich aus einer Laune heraus für den Wald und die Hütten. Tuft und seine ominöse Galerie wollte ich erst noch einen Tag zurückstellen. Kein Grund, schlafende Hunde zu wecken. Ich packte die Bourbon-Flasche in eine kleine Ledertasche, die ich mitnehmen würde, zusammen mit meinem treuen Taschenmesser. Bevor ich mich anzog, ging ich in das kleine Badezimmer um die Ecke, um zu duschen. Der Warmwasserhahn gab kein Wasser. Ich blickte mich um. An der Wand war ein kleiner Kasten mit einem Schlitz oben dran. Er verlangte nach Jetons, die ich nicht hatte. Also duschte ich kalt, und ich duschte schnell. Es war trotzdem schrecklich, solange es dauerte, aber es möbelte mich auch auf. Ich verließ das Bad als ein neuer Mensch in der alten Hülle.

Von Fanny Gros war weit und breit nichts zu sehen, aber ich suchte sie auch nicht. In der Küche stand dafür eine Kanne mit Kaffee auf dem Herd, ein Gasherd mit eigener Gasflasche. Der Herd war aus, aber der Kaffee war noch warm. Fanny Gros konnte also noch nicht lange ausgerückt sein. Sogar so früh am Morgen kombinierte ich noch. Wie spät war es eigentlich? Der Blick auf meine Uhr sagte mir kurz nach acht. Ich trank zwei Tassen Kaffee, dann verließ ich das Haus, nicht ohne mein Zimmer abgesperrt und ein weiteres meiner Haare geopfert zu haben. Die Luft auf der Straße war feucht, aber der Nebel lüftete sich bereits, soll heißen, er stieg nach oben und wurde zu Hochnebel, der wohl den ganzen Tag begleiten würde, alle Farben dämpfte und die Sonne schluckte. Großartig.

Jenkins war in der Küche beschäftigt, wo ich ihn rumoren hörte, und das Café ansonsten leer und still. Der kalte Tabakrauch des letzten Abends hing noch in der Luft und trotzte der leichten Brise, die durch die geöffneten Fenster wehte. Zusammen mit dem Salz- und Tanggeruch des Meeres gab das ein wunderbares Aroma aus Mensch und Natur, Verfall und Geburt, ganz genau wie die Stimmung, die über diesem seltsamen Dörfchen lag.
Ich ging zum Tresen und lugte in die Küche. Jenkins war weder erfreut noch verärgert, mich zu sehen – weder entzückt noch überrascht noch übellaunig. Er nahm mich einfach hin. Ich bestellte ein Frühstück und setzte mich an einen Tisch. Schließlich verzehrte ich Spiegeleier und Schinken und Brot, und ich hatte schon schlechter gefrühstückt. Dazu trank ich noch eine Tasse Kaffee.
„Wo geht’s denn hier in den Wald?“, fragte ich ihn, als er das Geschirr von meinem Tisch abräumte.
„Wollen sie ihren Freund suchen?“, fragte er zurück.
„Nich unbedingt. Wenn ich ihn finden sollte, gut. Aber vor allem will ich mich ein bisschen umsehn, die Umgebung kennenlernen. Heut ist es ja eh grau, da kann ich auch in den dunklen Wald.“
„Kann ein paar Tage anhalten, wenn sie Pech haben, der Nebel.“ Er räusperte sich.
„Den Wald können sie nicht verfehlen. Der beginnt hier überall gleich hinter den Häusern. Ist ja offensichtlich. Aber wenn sie den geschicktesten Weg suchen, dann gehn sie’n Stück die Landstraße raus, ne Viertelstunde etwa, und dann von der Küste weg und den kleinen Weg lang, der mit nem Wanderschild gekennzeichnet ist. Ist’n Rundweg einmal ums Dorf, aber in einiger Entfernung. Ist aber ziemlich breit, weil da auch manche mit dem Auto langfahren, meistens die Städter zu ihren Hütten, und der Förster.“
„Wie lang dauert denn das zu Fuß, so etwa?“
„Wird sie wohl so vier Stunden kosten, wenn sie dem Weg ganz folgen. Am Ende wird er enger und ist dann nur noch’n Wanderweg, und dann kommen sie unterhalb der Steilküste wieder raus und müssen ’n bisschen klettern, sozusagen. In fünf, fünfeinhalb Stunden sind sie wieder hier im Dorf. Dann hab ich auch längst das Mittagessen fertig.“
Ich dankte ihm und zahlte das Frühstück und verließ das Café. Ich konnte spüren, wie er mir hinterher blickte, aber ich konnte nicht spüren, ob es ein misstrauischer oder mürrischer oder überhaupt was für ein Blick es war. Von draußen winkte ich ihm nochmal zu, und er winkte zurück, ohne großen Ausdruck, und ging wieder in seine Küche. Ich ging die Hauptstraße lang. Kein Mensch war unterwegs. Das Dorf war wie ausgestorben. Am Hafen waren die meisten Boote weg gewesen, unterwegs auf Fischfang, wie ich annahm. Vergnügungsfahrten waren bei dem Wetter eher unwahrscheinlich. Auch die Seestern hatte nicht mehr am Steg gelegen. Wer hier arbeitete, stand offenbar früh auf. Für die hiesigen Verhältnisse war ich wahrscheinlich ein Langschläfer.
Um kurz vor neun war ich auf der Landstraße und stiefelte voran unter dem verhangenen Himmel.

Es war genau, wie Jenkins gesagt hatte. Nach einer knappen Viertelstunde tat sich linker Hand eine kleine Lücke im Wald auf, der an dieser Stelle fast nur aus Tannen und Kiefern bestand, und ein holpriger Weg führte ins Dunkel hinein. Ein kleines Schild mit früher einmal bunten Punkten und verwaschener Schrift stand am Wegesrand und wies den Weg zu unleserlichen Orten. Der Weg war ungeteert, rohe, festgestampfte Erde, die ab und zu von Baumwurzeln aufgeworfen war, und gerade breit genug für einen Wagen. Der Tag war kühl, aber mit meinem Pullover war mir warm, und das Gehen hatte mich auch gewärmt. Es ging kein Wind, und der Wald war dicht und tief, und so würde es drinnen auch nicht so kalt werden. Ich trat auf den neuen Weg, und ein bisschen war es, als beträte ich eine Höhle oder einen unterirdischen Gang. Die Zweige der Bäume beschirmten ihn wie ein festes Dach, und nur Zwielicht schaffte es durch die dunklen, buschigen Äste. Es war ein stiller Wald, je weiter ich voranging, und kaum einmal ein Vogelzwitschern erfüllte die Luft. Ab und an raschelte ein kleines Tier in der Ferne, aber insgesamt schien es, als habe sich der Wald mit allem darin bereits zur Ruhe gebettet für den kommenden Winter. Am Ende der Welt im verwunschenen Wald, hinter den sieben Bergen bei einem Haufen Zwergen, und mitten darunter ich, der Oberzwerg. So sang ich leise vor mich hin auf meinem Weg hinein in den Zauberwald.

Der Wald war sehr alt an dieser Stelle, und die Bäume standen schon lange so, wie sie standen. Das merkte ich daran, dass es kaum Unterholz gab, und ich unter dem dunklen Dach weit blicken konnte, oder jedenfalls so weit, wie es das Zwielicht zuließ. Mein Eintritt in den Wald lag nun schon ein Weilchen zurück, und gerade schien es, als würde sich der Nebel doch noch den Weg für ein bisschen Sonne freimachen, aber hier unten konnte ich das schlecht sehen, und so war ich mir nicht sicher. Ich bildete mir ein, dass der Dämmer ein paar Grautöne heller wurde, aber vielleicht hatten sich auch nur meine Augen daran gewöhnt.
Dann änderten sich die Bäume, und der ganze Charakter des Waldes wurde plötzlich ein anderer. Der Boden wurde sandiger an dieser Stelle, und unter den Nadelbäumen fanden sich immer mehr Laubbäume, deren buntes Gefieder zwischen dem stoischen Dunkelgrün glänzte. Der Himmel wurde mit einem Mal weiter, und ich konnte sehen, dass der Nebel tatsächlich dünner wurde und erste Speere von Licht durch das Dickicht und durch die Blätter drangen. Es tat gut, die Sonne wiederzusehen.
Der Weg war hier noch immer eine Wagenbreite breit, und ein paar hundert Meter voraus konnte ich einen dunklen, rechteckigen Schatten zwischen den Stämmen sehen. Ich war jetzt eine halbe Stunde in den Wald hinein, und ich stand vor der ersten von fünfundzwanzig Hütten, die ich an diesem Tag untersuchen sollte, und wie die nächsten dreiundzwanzig sollte sie sich als verschlossen und still und leer erweisen. Aber das wusste ich natürlich noch nicht.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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