Fern wie die Zeit (X)
Der Weg von den Klippen brachte mich zurück in bekannte Gefilde. Herunter von den Felsen wuchsen wieder Eiben und Haselsträucher, und nach kurzer Zeit führte mich der Pfad vor Fanny Gros‘ Haus. Ich konnte ebenso gut hineingehen, bevor ich mich zu Jenkins aufmachte, also ging ich hinein. Fanny Gros werkelte in der Küche und grunzte mir nur zu, ohne sich umzudrehen, als ich hinter ihrem Rücken an der Tür vorüberging. Es schien noch keine anderen Gäste zu geben.
Ich nahm mein Haar vom Türrahmen, schloss auf und trat ein und schnappte mir den zweiten Pullover, den in Schwarz und mit Rollkragen, der in der Nacht warmhielt. Außerdem packte ich die schwarze Wollmütze und die Taschenlampe zum Taschenmesser und dem Bourbon in den Lederbeutel. Dietriche hatte ich keine eingepackt für die Reise, im Fall des Falles würde ich mir irgendwie behelfen müssen. Bisher war mir immer was eingefallen. Ich klopfte auf Holz am Türrahmen und hoffte, dass es so blieb.
Fanny Gros war noch immer in der Küche, als ich nach der üblichen Prozedur an meiner Tür durch den Flur zurückging. Kurzentschlossen trat ich ein. Ich sah jetzt, was sie machte: Sandwiches nämlich und eine Kanne Tee. Mein Magen meldete sich merkbar. Mit einem Mal hatte ich einen Wolfshunger. Meine Bauchregion nahm das Stichwort auf und knurrte gefährlich. Fanny Gros gehört es ebenfalls.
„Wollen sie mitessen?“, warf sie über die Schulter.
„Da sag ich nicht nein, Mam.“
„Ich setz es ihnen auf die Rechnung.“
Was für eine Überraschung. Sie deckte den kleinen Küchentisch mit zwei Tassen und zwei Tellern, an denen die Emaille absprang. Ich nahm Platz und bemühte mich, nicht zu schlingen wie ein Galeerensklave nach dem Anlegen. Es gelang mir nicht ganz. Ich muss allerdings hinzufügen, dass die Sandwiches wunderbar waren. Alle Nahrung war nach einem langen Tag im Wald wunderbar.
Fanny Gros mümmelte an einem Sandwicheck und trank den heißen Tee in kleinen Schlucken. Wir sprachen kein Wort, sondern widmeten uns dem Essen. Ich war hungrig. Sie war vielleicht einfach nur gelangweilt.
Wir verputzten den gesamten Teller Sandwiches. Ich war gespannt, was sie mir dafür in Rechnung stellen würde. Wahrscheinlich würde ich mein Zahngold versetzen müssen. Sie wusste, wie sie ihren Laden führen musste. Ich war eine veritable Goldgrube, noch jedenfalls. In dieser Funktion sprach ich sie an:
„Gibt’s hier eigentlich ne Gelegenheit, wo man sein Geld ausgeben kann?“
Sie stellte ihre Tasse ab und sah auf. Sie hatte das Codewort gehört.
„Wie meinen sie das?“, fragte sie zurück, und in ihrer Stimme waren zur einen Hälfte Überraschung und zur anderen Hälfte Geldscheine.
„Naja, so’n kleines Souvenir, das man mit nach Hause nehmen kann. Ich war heut im Wald und an der Küste unterwegs, und mir gefallen die Gegend und das Dorf. Es ist ein schöner Fleck.“
„Und an was haben sie gedacht, junger Mann?“
„Ein Bild oder ne Postkarte wären schön, die die Gegend einfangen, damit ich mich erinnern kann zurück in der Stadt“, antwortete ich mit meinem anmutigsten Lächeln. Postkarten würden sie von diesem Kaff nicht haben, da war ich mir sicher.
„Ich weiß nicht“, antwortete sie ratlos. Ihre Augenbrauen verschoben sich nach oben, und Grübelfalten erschienen zwischen den Altersrunzeln auf ihrer Stirn. Sie blickte auf die Tischplatte, als suchte sie dort nach einer guten Idee.
„Sie haben doch gesagt, es gäb da ne Galerie hier im Dorf, oder?“, setzte ich obendrauf.
Sie blickte auf. Es war ein ganz normaler Blick der plötzlichen Erkenntnis, des Wiedereinfallens, und ohne jede Missbilligung oder Vorsicht, wie ich sie bei Jenkins gesehen hatte. Sie antwortete mir, ohne zu zögern:
„Sie möchten ein Bild von Tuft kaufen? Woher wissen sie, dass er das Dorf und die Umgebung malt?“
„Jenkins hat erwähnt, dass er malt. Und sie erwähnten die Galerie, erinnern sie sich?“
„Hab ich wohl, ja.“
„Meinen sie, er würde mir seine Bilder zeigen? Vielleicht für nen kleinen Obolus?“
„Wofür soll er sie ihnen zeigen?“
Ich musste einen Moment nachdenken, bevor ich begriff, dass das Wort Obolus ihr nichts sagte.
„Einen Groschen. Ein kleines Trinkgeld, wenn sie verstehen, was ich meine. Soll sich ja für ihn lohnen, auch wenn ich vielleicht kein Bild finde.“
Sie nickte und leckte sich die Lippen. Sie ging ganz in dem Thema auf. Sie wusste nur noch nicht genau, wo sie da ins Spiel kommen konnte. Die Verwirrung und das Bemühen, am Ende an der richtigen Stelle zu stehen, waren ihr anzusehen. Ich wollte es ihr leicht machen und sagte:
„Wenn sie da vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen können, dann soll’s zu ihrem Schaden nicht sein, Mam.“
Sie blickte mir direkt ins Gesicht und sah mich an. Ich blickte unschuldig zurück. Bestimmt zwanzig Sekunden verharrten wir so. Dann fing sie unvermittelt an zu lachen, laut und schallend wie eine Verrückte.
Ich saß da und starrte sie an. Sie kriegte sich nicht mehr ein. Tränen begannen, ihr aus den Augen zu rollen. Langsam wurde mir selbst nach Lachen zumute. Es war ansteckend, und ich grinste mir einen.
„Mam“, sagte ich.
Sie holte tief Luft.
„Ich soll ein gutes Wort bei Richard Tuft für sie einlegen?“ Sie lachte nochmal herzlich, aber weniger verrückt jetzt und eher wie ein nachträglicher Gedanke.
„Legen sie ihr gutes Wort lieber selbst ein, junger Mann. Fragen sie ihn selber. Das nützt ihnen mehr.“
Sie stand auf und wandte sich ihrer Spüle zu. Das Gespräch war für sie zu Ende.
„Mam, haben sie ein Problem mir Tuft?“
Sie bemühte sich, ein paar bereits sehr saubere Teller noch sauberer zu bekommen.
„Mam?“
„Junger Mann, ich setze ihnen die Sandwiches auf die Rechnung. Lassen sie mich jetzt meine Hausarbeit machen, ja?“
Abrupt stellte sie den Teller wieder weg, dreht das Wasser ab und schnappte sich einen Staubwedel. Sie war schneller aus der Tür und die Treppe in den ersten Stock hinauf, als ich „Fertig, Los!“ rufen konnte. Ich hörte sie oben rumoren.
Ich stand auf und ging hinaus ans untere Ende der Treppe.
„Mam“, rief ich noch einmal. Aber es kam keine Antwort.
Es war nicht meine Art, alte Damen an die Wand zu drücken, und mit meiner Lizenz konnte ich soviel wedeln wie ich wollte - hier draußen am Ende der Welt würde mir auch das wenig nutzen. Wenn sie nicht reden wollte, wollte sie nicht reden, und es hatte wenig Sinn, sie gegen mich aufzubringen indem ich ihr eine Pistole auf die Brust setzte, die ich gar nicht hatte. Ich hörte ihr noch ein bisschen beim Werkeln zu, ob sie es sich nicht noch anders überlegte, aber da erschien kein geständiges Gesicht oben am oberen Ende der Treppe, und so nahm ich meinen Lederbeutel und machte mich auf. Es gab genügend Leute in diesem Dorf, die ich gegen mich aufbringen konnte. Warum also mit Fanny Gros anfangen. Es gab lohnendere Ziele.
Ich nahm mein Haar vom Türrahmen, schloss auf und trat ein und schnappte mir den zweiten Pullover, den in Schwarz und mit Rollkragen, der in der Nacht warmhielt. Außerdem packte ich die schwarze Wollmütze und die Taschenlampe zum Taschenmesser und dem Bourbon in den Lederbeutel. Dietriche hatte ich keine eingepackt für die Reise, im Fall des Falles würde ich mir irgendwie behelfen müssen. Bisher war mir immer was eingefallen. Ich klopfte auf Holz am Türrahmen und hoffte, dass es so blieb.
Fanny Gros war noch immer in der Küche, als ich nach der üblichen Prozedur an meiner Tür durch den Flur zurückging. Kurzentschlossen trat ich ein. Ich sah jetzt, was sie machte: Sandwiches nämlich und eine Kanne Tee. Mein Magen meldete sich merkbar. Mit einem Mal hatte ich einen Wolfshunger. Meine Bauchregion nahm das Stichwort auf und knurrte gefährlich. Fanny Gros gehört es ebenfalls.
„Wollen sie mitessen?“, warf sie über die Schulter.
„Da sag ich nicht nein, Mam.“
„Ich setz es ihnen auf die Rechnung.“
Was für eine Überraschung. Sie deckte den kleinen Küchentisch mit zwei Tassen und zwei Tellern, an denen die Emaille absprang. Ich nahm Platz und bemühte mich, nicht zu schlingen wie ein Galeerensklave nach dem Anlegen. Es gelang mir nicht ganz. Ich muss allerdings hinzufügen, dass die Sandwiches wunderbar waren. Alle Nahrung war nach einem langen Tag im Wald wunderbar.
Fanny Gros mümmelte an einem Sandwicheck und trank den heißen Tee in kleinen Schlucken. Wir sprachen kein Wort, sondern widmeten uns dem Essen. Ich war hungrig. Sie war vielleicht einfach nur gelangweilt.
Wir verputzten den gesamten Teller Sandwiches. Ich war gespannt, was sie mir dafür in Rechnung stellen würde. Wahrscheinlich würde ich mein Zahngold versetzen müssen. Sie wusste, wie sie ihren Laden führen musste. Ich war eine veritable Goldgrube, noch jedenfalls. In dieser Funktion sprach ich sie an:
„Gibt’s hier eigentlich ne Gelegenheit, wo man sein Geld ausgeben kann?“
Sie stellte ihre Tasse ab und sah auf. Sie hatte das Codewort gehört.
„Wie meinen sie das?“, fragte sie zurück, und in ihrer Stimme waren zur einen Hälfte Überraschung und zur anderen Hälfte Geldscheine.
„Naja, so’n kleines Souvenir, das man mit nach Hause nehmen kann. Ich war heut im Wald und an der Küste unterwegs, und mir gefallen die Gegend und das Dorf. Es ist ein schöner Fleck.“
„Und an was haben sie gedacht, junger Mann?“
„Ein Bild oder ne Postkarte wären schön, die die Gegend einfangen, damit ich mich erinnern kann zurück in der Stadt“, antwortete ich mit meinem anmutigsten Lächeln. Postkarten würden sie von diesem Kaff nicht haben, da war ich mir sicher.
„Ich weiß nicht“, antwortete sie ratlos. Ihre Augenbrauen verschoben sich nach oben, und Grübelfalten erschienen zwischen den Altersrunzeln auf ihrer Stirn. Sie blickte auf die Tischplatte, als suchte sie dort nach einer guten Idee.
„Sie haben doch gesagt, es gäb da ne Galerie hier im Dorf, oder?“, setzte ich obendrauf.
Sie blickte auf. Es war ein ganz normaler Blick der plötzlichen Erkenntnis, des Wiedereinfallens, und ohne jede Missbilligung oder Vorsicht, wie ich sie bei Jenkins gesehen hatte. Sie antwortete mir, ohne zu zögern:
„Sie möchten ein Bild von Tuft kaufen? Woher wissen sie, dass er das Dorf und die Umgebung malt?“
„Jenkins hat erwähnt, dass er malt. Und sie erwähnten die Galerie, erinnern sie sich?“
„Hab ich wohl, ja.“
„Meinen sie, er würde mir seine Bilder zeigen? Vielleicht für nen kleinen Obolus?“
„Wofür soll er sie ihnen zeigen?“
Ich musste einen Moment nachdenken, bevor ich begriff, dass das Wort Obolus ihr nichts sagte.
„Einen Groschen. Ein kleines Trinkgeld, wenn sie verstehen, was ich meine. Soll sich ja für ihn lohnen, auch wenn ich vielleicht kein Bild finde.“
Sie nickte und leckte sich die Lippen. Sie ging ganz in dem Thema auf. Sie wusste nur noch nicht genau, wo sie da ins Spiel kommen konnte. Die Verwirrung und das Bemühen, am Ende an der richtigen Stelle zu stehen, waren ihr anzusehen. Ich wollte es ihr leicht machen und sagte:
„Wenn sie da vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen können, dann soll’s zu ihrem Schaden nicht sein, Mam.“
Sie blickte mir direkt ins Gesicht und sah mich an. Ich blickte unschuldig zurück. Bestimmt zwanzig Sekunden verharrten wir so. Dann fing sie unvermittelt an zu lachen, laut und schallend wie eine Verrückte.
Ich saß da und starrte sie an. Sie kriegte sich nicht mehr ein. Tränen begannen, ihr aus den Augen zu rollen. Langsam wurde mir selbst nach Lachen zumute. Es war ansteckend, und ich grinste mir einen.
„Mam“, sagte ich.
Sie holte tief Luft.
„Ich soll ein gutes Wort bei Richard Tuft für sie einlegen?“ Sie lachte nochmal herzlich, aber weniger verrückt jetzt und eher wie ein nachträglicher Gedanke.
„Legen sie ihr gutes Wort lieber selbst ein, junger Mann. Fragen sie ihn selber. Das nützt ihnen mehr.“
Sie stand auf und wandte sich ihrer Spüle zu. Das Gespräch war für sie zu Ende.
„Mam, haben sie ein Problem mir Tuft?“
Sie bemühte sich, ein paar bereits sehr saubere Teller noch sauberer zu bekommen.
„Mam?“
„Junger Mann, ich setze ihnen die Sandwiches auf die Rechnung. Lassen sie mich jetzt meine Hausarbeit machen, ja?“
Abrupt stellte sie den Teller wieder weg, dreht das Wasser ab und schnappte sich einen Staubwedel. Sie war schneller aus der Tür und die Treppe in den ersten Stock hinauf, als ich „Fertig, Los!“ rufen konnte. Ich hörte sie oben rumoren.
Ich stand auf und ging hinaus ans untere Ende der Treppe.
„Mam“, rief ich noch einmal. Aber es kam keine Antwort.
Es war nicht meine Art, alte Damen an die Wand zu drücken, und mit meiner Lizenz konnte ich soviel wedeln wie ich wollte - hier draußen am Ende der Welt würde mir auch das wenig nutzen. Wenn sie nicht reden wollte, wollte sie nicht reden, und es hatte wenig Sinn, sie gegen mich aufzubringen indem ich ihr eine Pistole auf die Brust setzte, die ich gar nicht hatte. Ich hörte ihr noch ein bisschen beim Werkeln zu, ob sie es sich nicht noch anders überlegte, aber da erschien kein geständiges Gesicht oben am oberen Ende der Treppe, und so nahm ich meinen Lederbeutel und machte mich auf. Es gab genügend Leute in diesem Dorf, die ich gegen mich aufbringen konnte. Warum also mit Fanny Gros anfangen. Es gab lohnendere Ziele.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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