Fern wie die Zeit (IX)
Vom Waldläufer wurde ich zum Bergsteiger. Die Klippen ragten zwanzig, dreißig Meter auf, und den Pfad hinauf konnte man kaum so nennen. Er war einfach eine Strecke, auf der die Steine weniger spitz und das gelegentliche Gras niedergetreten waren. In den Spalten und Ritzen der Felsen wuchsen Gräser und dürres Gebüsch im ewigen Wind, und Möwen und Basstölpel kreisten über mir am Himmel und schrien ihre Kakophonie. Ich kam wieder ordentlich ins Schwitzen, und mein Kopf wurde leer. Ich konzentrierte mich auf den nächsten Tritt, den nächsten Handgriff, und schließlich stand ich oben, den kargen Boden unter meinen Füßen, und mit einem weiten Blick über das Meer. Der pfeifende Wind drang jetzt mit Leichtigkeit durch meinen Pullover, und mir wurde kalt. Ich schlug ein scharfes Tempo an und bewegte mich wieder in Richtung Dorf, soll heißen Richtung Westen, wo jetzt die Sonne stand. Ich wusste nicht, wie das alles hier zusammenhing, aber ich wusste, was ich als Nächstes tun musste, und dass von jetzt an Vorsicht geboten war. Falls das alles mit Hendrichs zusammenhing, lag jemandem verdammt viel an ihm. Jedenfalls mehr als an mir.
In der Ferne auf den Klippen blitzte ein Leuchten. Es veränderte sich mit meinen Bewegungen. Im Näherkommen nahm ich eine eckige Form hinter und um das Blitzen war. Wegen der blendenden Reflexe war es zuerst kaum zu erkennen, aber schließlich entpuppte es sich als Haus, ein großes Haus mit einem weit ausladenden Dach und einer großen Fensterfront, die auf das Meer hinausging und das Sonnenlicht reflektierte. Es war ein Riesenkasten, und er hing über der Steilwand wie ein nachträglicher Einfall eines betrunkenen Architekten. An schlechten Tagen brandete wahrscheinlich der Gischt durch die Fenster, und an guten Tagen sah man vom Frühstückstisch bis zum Horizont. Mit einem Mal wurde mir klar, was ich da vor mir hatte: Das musste Tufts Haus sein. Die Galerie über den Wellen. Eine Viertelstunde noch zu Fuß entfernt. Wer immer dort saß hatte mich auf dem Präsentierteller, und das Meer war nahe.
Dessen ungeachtet kam ich dem Haus ungehindert näher, und immer mehr Details des alten Kastens wurden sichtbar und gewannen Kontur. Zweigeschossig, mit benagten Außenwänden von einem verwaschenen Grau. Kein Garten und kein Zaun, nur ein kurzer Weg aus verwitterten Steinplatten vor der Tür, der sich nach wenigen Metern im kurzen Gras verlor. Die Haustür war in einem hellen Rotton gestrichen, vom feuchten Wind und dem Salz der Luft angefressen. Keine Klingel und kein Name, und kein Willkommensschild irgendwo. Allerdings ein Messingbriefkasten neben der Pforte, der leuchtete wie der Türknopf eines Bordells und sich gegen das Gesamtensemble ungefähr so passend ausnahm wie eine Federboa auf einem Trauermarsch. Alles in allem wirkte der Kasten von Nahem wie eine mittelalterliche Trutzburg, wären da nicht die weiten Fenster auf der abgewandten Seite gewesen, die jedoch unzugänglich über dem Meer hingen. Die Fenster auf der Landseite jedenfalls gingen gerade noch als Schießscharten durch, und jene, durch die ein Schlangenmensch sich hätte quetschen können, waren mit Gitterstäben versehen. Sehr einladend das Ganze, ungefähr so sehr wie Alcatraz, und ungefähr so abgelegen. Es fehlte nur noch ein Burggraben mit Krokodilen und Zugbrücke. Naja, vielleicht sparte er noch.
Ich würde Tuft später auf die Pelle rücken. Für den Moment brauchte ich etwas zu essen, und ich kannte bisher nur einen Ort, wo ich das bekommen konnte. Es traf sich gut, dass ich sowieso dort hin musste. Es war an der Zeit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
In der Ferne auf den Klippen blitzte ein Leuchten. Es veränderte sich mit meinen Bewegungen. Im Näherkommen nahm ich eine eckige Form hinter und um das Blitzen war. Wegen der blendenden Reflexe war es zuerst kaum zu erkennen, aber schließlich entpuppte es sich als Haus, ein großes Haus mit einem weit ausladenden Dach und einer großen Fensterfront, die auf das Meer hinausging und das Sonnenlicht reflektierte. Es war ein Riesenkasten, und er hing über der Steilwand wie ein nachträglicher Einfall eines betrunkenen Architekten. An schlechten Tagen brandete wahrscheinlich der Gischt durch die Fenster, und an guten Tagen sah man vom Frühstückstisch bis zum Horizont. Mit einem Mal wurde mir klar, was ich da vor mir hatte: Das musste Tufts Haus sein. Die Galerie über den Wellen. Eine Viertelstunde noch zu Fuß entfernt. Wer immer dort saß hatte mich auf dem Präsentierteller, und das Meer war nahe.
Dessen ungeachtet kam ich dem Haus ungehindert näher, und immer mehr Details des alten Kastens wurden sichtbar und gewannen Kontur. Zweigeschossig, mit benagten Außenwänden von einem verwaschenen Grau. Kein Garten und kein Zaun, nur ein kurzer Weg aus verwitterten Steinplatten vor der Tür, der sich nach wenigen Metern im kurzen Gras verlor. Die Haustür war in einem hellen Rotton gestrichen, vom feuchten Wind und dem Salz der Luft angefressen. Keine Klingel und kein Name, und kein Willkommensschild irgendwo. Allerdings ein Messingbriefkasten neben der Pforte, der leuchtete wie der Türknopf eines Bordells und sich gegen das Gesamtensemble ungefähr so passend ausnahm wie eine Federboa auf einem Trauermarsch. Alles in allem wirkte der Kasten von Nahem wie eine mittelalterliche Trutzburg, wären da nicht die weiten Fenster auf der abgewandten Seite gewesen, die jedoch unzugänglich über dem Meer hingen. Die Fenster auf der Landseite jedenfalls gingen gerade noch als Schießscharten durch, und jene, durch die ein Schlangenmensch sich hätte quetschen können, waren mit Gitterstäben versehen. Sehr einladend das Ganze, ungefähr so sehr wie Alcatraz, und ungefähr so abgelegen. Es fehlte nur noch ein Burggraben mit Krokodilen und Zugbrücke. Naja, vielleicht sparte er noch.
Ich würde Tuft später auf die Pelle rücken. Für den Moment brauchte ich etwas zu essen, und ich kannte bisher nur einen Ort, wo ich das bekommen konnte. Es traf sich gut, dass ich sowieso dort hin musste. Es war an der Zeit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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