Fern wie die Zeit (VIII)
Eine Kanone hatte ich nicht dabei. Ich sollte Hendrichs nur finden, nicht erschießen, verdammt nochmal. Jetzt schoss man erstmal auf mich.
Innert eines Sekundenbruchteils ließ ich mich gänzlich fallen und rollte unter einen der Büsche. Ich konnte nur hoffen, dass der Schütze nicht mitdachte. Schweiß brach mir am ganzen Körper aus. Ich lag regungslos und lauschte. Zwischen dem Knall und dem Einschlag über meinem Kopf hatte keine Sekunde gelegen. Das bedeutete, dass der Schütze nicht allzu weit entfernt sein konnte. Hier in diesem Dickicht war das allerdings egal – und das war meine einzige Chance.
Ein zweiter Knall, und eine zweite Kugel landete irgendwo im Dickicht mit einem dumpfen Tock. Es ging ein ziemlicher Wind gerade. Es war gar nicht so einfach, richtig zu zielen. Der Schütze musste auf gut Glück geschossen haben. Ich lag regungslos und spitzte meine Ohren wie ein deutscher Schäferhund. Und hörte nichts. Ein wenig Rascheln, das von allem Möglichen kommen konnte, aber kein weiterer Schuss, und keine schweren Schritte. Wer immer da draußen war, er bewegte sich entweder auf Kreppsohlen – oder er wartete ebenfalls.
Auf Knien und Ellenbogen kroch ich langsam ein paar Zentimeter. Der Wind war stärker jetzt, und das ganze Gebüsch wogte fröhlich vor sich hin. Kein Mensch konnte meine Bewegung von den Bewegungen des Windes unterscheiden. Ich kroch weiter, den Weg zurück zum Hauptpfad, Zentimeter um Zentimeter, langsam und sorgfältig wie eine Riesenschnecke. Spuren auf diesem Teil des Weges konnte ich jetzt vergessen, aber das war egal. Ich hatte eine Eins-A-Bestätigung dafür, dass ich auf einer Spur war. Ich fragte mich, ob das auch dem Schützen klar war.
Hinter mir rührte sich nichts. Wer immer auf mich geschossen hatte, verharrte in stiller Untätigkeit. Ich kroch ein wenig schneller, und nach weiteren fünfhundert Metern wagte ich es, mal meinen Kopf hochzustrecken. Nichts. Wild wogten die Wipfel, und etwas weniger wild klopfte mein Herz, und mit einem Mal kam ich mir ziemlich alt und müde vor. Ich schlich den Rest des Weges zurück zum Pfad, der bald und plötzlich wieder vor mir auftauchte, und dort drückte ich mich hinter ein paar dichte Büsche und hielt still. Ich war schweißgebadet unter meinem dicken Pullover, und der Wind ließ mich frösteln. Die Bourbon-Flasche glitt wie von alleine in meine Hand, und nach einem letzten Blick umher genehmigte ich mir einen Schluck. Dass das Ding heil geblieben war in diesem Durcheinander war ein Zeichen, ein Zeichen dafür, dass ich was trinken sollte. Also genehmigte ich mir noch einen. Dann überlegte ich mir, was ich tun sollte. Zurück den Pfad entlang konnte ich gerade nicht gut. Ich konnte nur annehmen, dass da noch immer ein schießwütiger Kerl im Hinterhalt lag. Warum eigentlich gleich so grob? Warum gleich nach mir ballern? Ich war doch Argumenten zugänglich. Naja. Einen dritten Schluck kippte ich nicht mehr, sondern saß erstmal nur da. Der Whiskey brannte in meinem leeren Magen, und der Wind ging noch immer. Ich sah auf die Uhr: kurz nach drei. Ich hatte nicht die richtige Ausrüstung dabei. Immer war ich falsch ausgerüstet. Zurzeit war ich wirklich nicht auf der Höhe. Ich ermittelte so selten im Wald. Daran lag das wohl.
Der Pfad ging zu meiner Linken Richtung Meer. Nach einigen Minuten ging ich ihn auch. Mein Herz schlug schon wieder ganz regelmäßig. Ich wünschte, ich hätte das von meinen Gedanken ebenfalls sagen können.
Es waren bloß noch zwölf Minuten bis zu einem Hohlweg um den Rand der Klippen herum, zwölf Minuten, in denen sich die Felsen immer höher zwischen und über den Bäumen auftürmten und das Geschrei der Seevögel erst leise hörbar und dann immer lauter wurde. Die Bäume wurden mit einem Mal lichter, und der sandige Boden durchsetzt mit Flecken, die für mich wie Granit aussahen, und dann war ich plötzlich am Rand des Waldes und zwischen den Felsen, und dann am Strand, und vor mir das Meer. Es war ein seltsamer Wechsel, als ob ich vor die Tür eines Hauses getreten wäre, in dem ich mich stundenlang bewegt hatte. Plötzlich war der Himmel wieder weit, und der Horizont ganz fern, und just in diesem Moment kam die Sonne zum Vorschein, dem starken Wind sei Dank, und die letzten Fetzen Nebel verloren sich rasch in dem starken Blau. Es war ein wunderbarer Herbstnachmittag am Meer, salzig und würzig und frisch, und man hatte auf mich geschossen und mich verfehlt, und alles in allem ging es mir gut. Solange ich lebte, war ich noch nicht tot, und ich hatte sowas wie eine neue Spur, und noch eine Drittelflasche Whiskey bei mir. Ich machte mich daran, den Feldweg die Klippen hinauf zu erklimmen.
Innert eines Sekundenbruchteils ließ ich mich gänzlich fallen und rollte unter einen der Büsche. Ich konnte nur hoffen, dass der Schütze nicht mitdachte. Schweiß brach mir am ganzen Körper aus. Ich lag regungslos und lauschte. Zwischen dem Knall und dem Einschlag über meinem Kopf hatte keine Sekunde gelegen. Das bedeutete, dass der Schütze nicht allzu weit entfernt sein konnte. Hier in diesem Dickicht war das allerdings egal – und das war meine einzige Chance.
Ein zweiter Knall, und eine zweite Kugel landete irgendwo im Dickicht mit einem dumpfen Tock. Es ging ein ziemlicher Wind gerade. Es war gar nicht so einfach, richtig zu zielen. Der Schütze musste auf gut Glück geschossen haben. Ich lag regungslos und spitzte meine Ohren wie ein deutscher Schäferhund. Und hörte nichts. Ein wenig Rascheln, das von allem Möglichen kommen konnte, aber kein weiterer Schuss, und keine schweren Schritte. Wer immer da draußen war, er bewegte sich entweder auf Kreppsohlen – oder er wartete ebenfalls.
Auf Knien und Ellenbogen kroch ich langsam ein paar Zentimeter. Der Wind war stärker jetzt, und das ganze Gebüsch wogte fröhlich vor sich hin. Kein Mensch konnte meine Bewegung von den Bewegungen des Windes unterscheiden. Ich kroch weiter, den Weg zurück zum Hauptpfad, Zentimeter um Zentimeter, langsam und sorgfältig wie eine Riesenschnecke. Spuren auf diesem Teil des Weges konnte ich jetzt vergessen, aber das war egal. Ich hatte eine Eins-A-Bestätigung dafür, dass ich auf einer Spur war. Ich fragte mich, ob das auch dem Schützen klar war.
Hinter mir rührte sich nichts. Wer immer auf mich geschossen hatte, verharrte in stiller Untätigkeit. Ich kroch ein wenig schneller, und nach weiteren fünfhundert Metern wagte ich es, mal meinen Kopf hochzustrecken. Nichts. Wild wogten die Wipfel, und etwas weniger wild klopfte mein Herz, und mit einem Mal kam ich mir ziemlich alt und müde vor. Ich schlich den Rest des Weges zurück zum Pfad, der bald und plötzlich wieder vor mir auftauchte, und dort drückte ich mich hinter ein paar dichte Büsche und hielt still. Ich war schweißgebadet unter meinem dicken Pullover, und der Wind ließ mich frösteln. Die Bourbon-Flasche glitt wie von alleine in meine Hand, und nach einem letzten Blick umher genehmigte ich mir einen Schluck. Dass das Ding heil geblieben war in diesem Durcheinander war ein Zeichen, ein Zeichen dafür, dass ich was trinken sollte. Also genehmigte ich mir noch einen. Dann überlegte ich mir, was ich tun sollte. Zurück den Pfad entlang konnte ich gerade nicht gut. Ich konnte nur annehmen, dass da noch immer ein schießwütiger Kerl im Hinterhalt lag. Warum eigentlich gleich so grob? Warum gleich nach mir ballern? Ich war doch Argumenten zugänglich. Naja. Einen dritten Schluck kippte ich nicht mehr, sondern saß erstmal nur da. Der Whiskey brannte in meinem leeren Magen, und der Wind ging noch immer. Ich sah auf die Uhr: kurz nach drei. Ich hatte nicht die richtige Ausrüstung dabei. Immer war ich falsch ausgerüstet. Zurzeit war ich wirklich nicht auf der Höhe. Ich ermittelte so selten im Wald. Daran lag das wohl.
Der Pfad ging zu meiner Linken Richtung Meer. Nach einigen Minuten ging ich ihn auch. Mein Herz schlug schon wieder ganz regelmäßig. Ich wünschte, ich hätte das von meinen Gedanken ebenfalls sagen können.
Es waren bloß noch zwölf Minuten bis zu einem Hohlweg um den Rand der Klippen herum, zwölf Minuten, in denen sich die Felsen immer höher zwischen und über den Bäumen auftürmten und das Geschrei der Seevögel erst leise hörbar und dann immer lauter wurde. Die Bäume wurden mit einem Mal lichter, und der sandige Boden durchsetzt mit Flecken, die für mich wie Granit aussahen, und dann war ich plötzlich am Rand des Waldes und zwischen den Felsen, und dann am Strand, und vor mir das Meer. Es war ein seltsamer Wechsel, als ob ich vor die Tür eines Hauses getreten wäre, in dem ich mich stundenlang bewegt hatte. Plötzlich war der Himmel wieder weit, und der Horizont ganz fern, und just in diesem Moment kam die Sonne zum Vorschein, dem starken Wind sei Dank, und die letzten Fetzen Nebel verloren sich rasch in dem starken Blau. Es war ein wunderbarer Herbstnachmittag am Meer, salzig und würzig und frisch, und man hatte auf mich geschossen und mich verfehlt, und alles in allem ging es mir gut. Solange ich lebte, war ich noch nicht tot, und ich hatte sowas wie eine neue Spur, und noch eine Drittelflasche Whiskey bei mir. Ich machte mich daran, den Feldweg die Klippen hinauf zu erklimmen.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


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