Fern wie die Zeit (VII)
Sie hatten alles Mögliche, da in dem Wald, für jeden Geschmack etwas. Die ersten Hütten, auf die ich traf, konnten noch als solche durchgehen. Sie waren viereckige Angelegenheiten, innen vermutlich mit einem großen Raum, und außen mit drei oder vier Fenstern, mit Läden und einfachen Schlössern verrammelt, und einer groben Tür, an der dicke, aber simple Vorhängeschlösser hing. Die Schornsteine auf den Dächern wiesen auf Kanonenöfen hin, und das Holz an der Hüttenwand, knapp unter dem überhängenden Dach, ebenfalls. Die Reifenspuren neben der Hütten, falls vorhanden, gehörten sicherlich zu einem Jeep oder Landrover, und es waren einfache Jagdhütten, in die wochenendweise irgendwelche Jagdpächter aus der Stadt oder sonstwoher einfielen, einfach und staubig und verschlossen, und ihre Öfen waren kalt und die Schlösser von Spinnenweben verklebt. Mein Mann steckte dort nicht, in keiner von ihnen.
Dann gab es die nächsthöheren Behausungsklassen. Diese Häuser waren noch immer aus Holz, aber es waren keine Hütten in dem Sinne mehr. Ihrer Größe nach besaßen sie mehrere Räume, und nach den Fernseh-Antennen auf den Dächern zu schließen einen Generator, und Kühlschrank und Boiler und weiß der Kuckuck was noch alles, da hinter den verschlossenen Türen. Statt Kanonenöfen hatten sie gemauerte Kamine an den Rückwänden, zweifellos mit einer gigantischen Feuerstelle innen, und über der hingen schon die Strümpfe für den Weihnachtsmann. Manche der Fenster waren vergittert, und ich konnte einen Luchs hineinwerfen in den Dämmer, und was ich an Unterhaltungselektronik und Mobiliar sehen konnte, das erklärte die wuchtigen Riegel und Gitterstäbe und Schlösser. Es waren Wochenend- und Ferienhäuser, und was den Komfort anging, den sie zu bieten hatten, schlugen sie vermutlich meine Wohnung in der Stadt um Längen. Die Reifenspuren vor diesen Häusern sahen mir nicht nach Jeep aus, sondern nach Jaguar oder BMW, und wenn ich statt des Taschenmessers meine Dietriche dabei gehabt hätte, hätte ich in Versuchung kommen können, in der dunklen Räumen nach dem Eisschrank und einem kühlen Bier zu suchen. Aber die Häuser waren auch alle leer, die Generatoren abgeschaltet und still, die Schornsteine kalt, und die Zugänge verriegelt wie die Tore von Fort Knox.
Der Wald entpuppte sich immer mehr als ein verdammtes Labyrinth. Er war jedenfalls keine Vorstadt-Siedlung, in der die Hütten und Häuser geordnet entlang der Avenue gestanden hätten. Kleine Hohlwege und Trampelpfade zweigten immer wieder von meinem Weg ab und schlugen sich durch die Büsche, und wenn ich ihnen ein paar Minuten folgte, tauchte irgendwann eine Hütte auf oder auch nicht, und dann musste ich wieder zurück. Die Pfade verzweigten sich auch immer wieder, und das machte die Sache nicht einfacher. Einmal suchte ich zehn Minuten nach dem richtigen Weg, und nach allem, was ich wusste, konnte der Hauptpfad gleich hinter den nächsten Bäumen sein, aber ich sah ihn nicht, nirgends. Der Wald war hier viel weniger ordentlich als zu Beginn, die Bäume weniger alt und das Unterholz dichter und buschiger, und alle Naselang standen Haselnusssträucher und andere Gewächse im Weg herum. Ich versuchte, mich am Stand der Sonne zu orientieren, aber die war hinter einem Nebelparavent verschwunden, und das Meer konnte ich hier auch nicht hören – Fanny Gros hatte in dieser Hinsicht Recht gehabt. Schließlich folgte ich einem der Wege einfach auf gut Glück, und am Ende kam ich zu einer der Hütten, die direkt am Weg lagen. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Tatsächlich war ich hier schon einmal gewesen, vor einer halben Stunde. Ich ärgerte mich, dass ich mir für dieses Dickicht keinen Kompass besorgt hatte. Aber wer hätte ahnen können, dass ich mich durchs Unterholz würde schlagen müssen. Ich hatte es nicht geahnt.
Schließlich wurde der Weg schmaler. Links und rechts begannen kleine Böschungen, die ihn zu einem Hohlweg machten, und wer immer mit dem Auto unterwegs war, musste es hier zurücklassen. Ich war zu Fuß, also ging ich einfach weiter. Ich musste jetzt langsam in den Bereich der Steilküste kommen, wie es Jenkins geschildert hatte. Ich sah auf meine Uhr: zwei am Mittag. Das erklärte das Rumpeln in meinem Magen. Ich war seit sechs Stunden in diesem Wald unterwegs, gut eine Stunden länger schon, als Jenkins angenommen hatte. Die Umwege und Hütten hatten mich Zeit gekostet. Ich sah auf die Strichliste, die ich angefangen hatte: vierundzwanzig Striche, vierundzwanzig Hütten. Vierundzwanzigmal nichts. Langsam zweifelte ich daran, noch irgendeinen Hinweis hier draußen zu finden. Die Saison war vorüber, die Hütten waren versperrt, und ihre Besitzer waren woanders. Sie genossen den Herbst in der Stadt. Hier hatte ich Herbst im Wald, und außerdem hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wo ich weitermachen sollte, wenn ich nichts fand. Viele Möglichkeiten gab es nicht mehr. Den Weg in Richtung Steilküste ging ich in dieser Stimmung und grübelte vor mich hin.
Ein letzter Pfad zweigte vom Weg ab. Das Rauschen der Wellen war mittlerweile wieder zu hören. Es konnte nun nicht mehr viel kommen auf den letzten Metern bis zur Küste. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus der Erwartung, noch etwas zu finden, bog ich noch einmal vom Weg ab und bahnte mir meinen Weg durch die Büsche, die von beiden Seiten über den schmalen Pfad wucherten. Dann blieb ich stehen. Etwas hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Ich sah mir den Busch, an dem ich gerade vorbeigegangen war, ein wenig genauer an. Zweige waren abgeknickt, und die Bruchstellen des dünnen Holzes waren noch grün. Ich ging in die Hocke und sah mir den Boden an. Ich meinte, Stiefelabdrücke erkennen zu können. Jemand hatte etwas Schweres hier entlang getragen – entweder das, oder er war sehr dick gewesen und wog, nach den Abdrücken zu urteilen, an die dreihundert Pfund. Ich ging ein Stückchen zurück und sah mir die anderen Büsche an: auch hier heruntergedrückte Zweige. Es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, aber ich untersuchte auch hier den Boden nach Spuren. Das war mein Glück. Ein Schuss knallte, und noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, schlug eine Kugel in den Stamm des nächsten Baumes, genau dort, wo vor ein paar Sekunden noch mein Kopf gewesen sein musste.
Dann gab es die nächsthöheren Behausungsklassen. Diese Häuser waren noch immer aus Holz, aber es waren keine Hütten in dem Sinne mehr. Ihrer Größe nach besaßen sie mehrere Räume, und nach den Fernseh-Antennen auf den Dächern zu schließen einen Generator, und Kühlschrank und Boiler und weiß der Kuckuck was noch alles, da hinter den verschlossenen Türen. Statt Kanonenöfen hatten sie gemauerte Kamine an den Rückwänden, zweifellos mit einer gigantischen Feuerstelle innen, und über der hingen schon die Strümpfe für den Weihnachtsmann. Manche der Fenster waren vergittert, und ich konnte einen Luchs hineinwerfen in den Dämmer, und was ich an Unterhaltungselektronik und Mobiliar sehen konnte, das erklärte die wuchtigen Riegel und Gitterstäbe und Schlösser. Es waren Wochenend- und Ferienhäuser, und was den Komfort anging, den sie zu bieten hatten, schlugen sie vermutlich meine Wohnung in der Stadt um Längen. Die Reifenspuren vor diesen Häusern sahen mir nicht nach Jeep aus, sondern nach Jaguar oder BMW, und wenn ich statt des Taschenmessers meine Dietriche dabei gehabt hätte, hätte ich in Versuchung kommen können, in der dunklen Räumen nach dem Eisschrank und einem kühlen Bier zu suchen. Aber die Häuser waren auch alle leer, die Generatoren abgeschaltet und still, die Schornsteine kalt, und die Zugänge verriegelt wie die Tore von Fort Knox.
Der Wald entpuppte sich immer mehr als ein verdammtes Labyrinth. Er war jedenfalls keine Vorstadt-Siedlung, in der die Hütten und Häuser geordnet entlang der Avenue gestanden hätten. Kleine Hohlwege und Trampelpfade zweigten immer wieder von meinem Weg ab und schlugen sich durch die Büsche, und wenn ich ihnen ein paar Minuten folgte, tauchte irgendwann eine Hütte auf oder auch nicht, und dann musste ich wieder zurück. Die Pfade verzweigten sich auch immer wieder, und das machte die Sache nicht einfacher. Einmal suchte ich zehn Minuten nach dem richtigen Weg, und nach allem, was ich wusste, konnte der Hauptpfad gleich hinter den nächsten Bäumen sein, aber ich sah ihn nicht, nirgends. Der Wald war hier viel weniger ordentlich als zu Beginn, die Bäume weniger alt und das Unterholz dichter und buschiger, und alle Naselang standen Haselnusssträucher und andere Gewächse im Weg herum. Ich versuchte, mich am Stand der Sonne zu orientieren, aber die war hinter einem Nebelparavent verschwunden, und das Meer konnte ich hier auch nicht hören – Fanny Gros hatte in dieser Hinsicht Recht gehabt. Schließlich folgte ich einem der Wege einfach auf gut Glück, und am Ende kam ich zu einer der Hütten, die direkt am Weg lagen. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Tatsächlich war ich hier schon einmal gewesen, vor einer halben Stunde. Ich ärgerte mich, dass ich mir für dieses Dickicht keinen Kompass besorgt hatte. Aber wer hätte ahnen können, dass ich mich durchs Unterholz würde schlagen müssen. Ich hatte es nicht geahnt.
Schließlich wurde der Weg schmaler. Links und rechts begannen kleine Böschungen, die ihn zu einem Hohlweg machten, und wer immer mit dem Auto unterwegs war, musste es hier zurücklassen. Ich war zu Fuß, also ging ich einfach weiter. Ich musste jetzt langsam in den Bereich der Steilküste kommen, wie es Jenkins geschildert hatte. Ich sah auf meine Uhr: zwei am Mittag. Das erklärte das Rumpeln in meinem Magen. Ich war seit sechs Stunden in diesem Wald unterwegs, gut eine Stunden länger schon, als Jenkins angenommen hatte. Die Umwege und Hütten hatten mich Zeit gekostet. Ich sah auf die Strichliste, die ich angefangen hatte: vierundzwanzig Striche, vierundzwanzig Hütten. Vierundzwanzigmal nichts. Langsam zweifelte ich daran, noch irgendeinen Hinweis hier draußen zu finden. Die Saison war vorüber, die Hütten waren versperrt, und ihre Besitzer waren woanders. Sie genossen den Herbst in der Stadt. Hier hatte ich Herbst im Wald, und außerdem hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wo ich weitermachen sollte, wenn ich nichts fand. Viele Möglichkeiten gab es nicht mehr. Den Weg in Richtung Steilküste ging ich in dieser Stimmung und grübelte vor mich hin.
Ein letzter Pfad zweigte vom Weg ab. Das Rauschen der Wellen war mittlerweile wieder zu hören. Es konnte nun nicht mehr viel kommen auf den letzten Metern bis zur Küste. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus der Erwartung, noch etwas zu finden, bog ich noch einmal vom Weg ab und bahnte mir meinen Weg durch die Büsche, die von beiden Seiten über den schmalen Pfad wucherten. Dann blieb ich stehen. Etwas hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Ich sah mir den Busch, an dem ich gerade vorbeigegangen war, ein wenig genauer an. Zweige waren abgeknickt, und die Bruchstellen des dünnen Holzes waren noch grün. Ich ging in die Hocke und sah mir den Boden an. Ich meinte, Stiefelabdrücke erkennen zu können. Jemand hatte etwas Schweres hier entlang getragen – entweder das, oder er war sehr dick gewesen und wog, nach den Abdrücken zu urteilen, an die dreihundert Pfund. Ich ging ein Stückchen zurück und sah mir die anderen Büsche an: auch hier heruntergedrückte Zweige. Es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, aber ich untersuchte auch hier den Boden nach Spuren. Das war mein Glück. Ein Schuss knallte, und noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, schlug eine Kugel in den Stamm des nächsten Baumes, genau dort, wo vor ein paar Sekunden noch mein Kopf gewesen sein musste.
Labels: Fern wie die Zeit, fiction, writing


1 Kommentare:
"Der Wald war hier viel weniger ordentlich als zu Beginn..."
phantastisch... phantastisch... ;))
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