Montag, Oktober 06, 2008

Fern wie die Zeit (V)

Ich ließ erstmal Gras über die Sache wachsen. Soll heißen, ich machte mich nach meinem Bourbon auf an die frische Luft, ohne nochmal auf Jenkins zuzugehen. Egal was ich ihn noch gefragt hätte, es wäre eine Frage zuviel gewesen in diesem Moment.
Er nickte mir immerhin zu, als ich die Türe öffnete, um hinauszugehen, und ich nickte zurück und trat hindurch. Das war so die Kommunikationsweise in diesen Dörfern: endloses Nicken mit ernsten Gesichtern, ausgeführt von schweigsamen Männern, die harte Arbeit verrichteten oder auch nicht, und ihre Frauen zuhause in den Wahnsinn trieben mit ihrer Schweigsamkeit. Männer, die Krebs und Hass und Verzweiflung in sich hineinfraßen und immer tiefer hineinfraßen, nach außen verschlossen wie die Zellentrakte von Sing-Sing, bis sie irgendwann explodierten oder an ihrem eigenen, angesammelten Gift erstickten. Ich kannte das Leben auf den kleinen Dörfern. Darum hatte es mich in die Stadt gezogen.
Aber jetzt war ich wieder auf einem Dorf, und eine heiße Spur von meinem Mann hatte ich noch immer nicht, nur die lauwarme Fährte, die mich hierher geführt hatte, und die schien mir derzeit keinen Schuss Pulver mehr wert. Vielleicht war ich aber auch nur einfach schlecht gelaunt gerade.

Es war sternklar draußen und bereits stockdunkel. Die Nacht fiel mittlerweile wie ein Stein. Ein Blick auf das Meer zeigte, dass der Nebel begonnen hatte, wieder landeinwärts zu rollen, aber es würde noch ein Weilchen dauern, bis er hier ankäme. Also beeilte ich mich nicht besonders, in meine Luxuspension zurückzukehren, sondern schlenderte so vor mich hin, die dunkle Straße wieder runter. Ich zündete mir eine Zigarette an und trank den Rauch tief hinunter, und ich fühlte mich wieder ein bisschen wohler und begann schon wieder, Pläne zu schmieden.
Dass ich Tuft auf den Zahn fühlen musste, war klar. Das war ein bisschen zuviel Zufall für meinen Geschmack, auf der Suche nach einem Superauge gleich noch einem über den Weg zu laufen. Wie auch immer Tuft und Hendrichs miteinander verbunden waren, auf irgendeine Art und Weise verbunden waren sie. Das hatte ich im Gefühl. Wenn man sonst nichts hatte, worauf man sich verlassen konnte, musste man sich wenigstens auf seinen Bauch verlassen. Guter alter Bauch.
Ich tätschelte mir den Bauch und spazierte weiter. Die Galerie ging mir auch nicht aus dem Kopf, als was auch immer das Ding sich schließlich entpuppen würde. Schien ja eine Privatangelegenheit zu sein. Vielleicht sollte ich Fanny Gros nochmal ein bisschen plaudern lassen, wenn ihr danach war. Für sie schien die Galerie ja immerhin keine große Sache. Und was hatte es mit Tufts Besuchern auf sich, die sie erwähnt hatte?

Dergestalt stolperte ich vor mich hin, die Zigarette schon wieder abgebrannt und nur noch als toter Stummel zwischen den Fingern, links das Dorf, rechts die Bucht und der kleine Hafen und das Meer, als mich ein Geräusch aus meiner Denkerei hochfahren ließ. Ich blieb stehen und duckte mich instinktiv, was in der Stadt vielleicht manchmal ganz klug war, auf dem Dorf aber ziemlich blöde. Wo ich gerade stand war es so dunkel, dass mich kein Mensch sehen konnte, wenn er nicht fast in mich hineinrannte. Also stand ich wieder auf und spitzte die Ohren, die ein Klappern hörten, und schärfte die Augen, die erstmal gar nichts sahen, und dann einen Schatten auf einem der Kutter. Da schleppte einer Dinge durch die Gegend, und er hatte sich ausgerechnet die Stille der Nacht dazu ausgesucht. Jetzt war der Schatten auf dem kleinen Steg und gegen den Himmel plötzlich gut zu erkennen, als Schattenriss, und nahm sich eine Kiste oder etwas anderes Großes, Schweres, und hievte es an Bord. So ging das ein paar Minuten, während derer ich mich nicht rührte und interessiert zusah. Warum ich so stocksteif dastand, wusste ich selbst nicht, aber in diesem Dorf schien mir mittlerweile nicht alles immer das zu sein, was es auf den ersten Blick schien, und so hielt ich mich erstmal raus. Währenddessen wurden meine Augen in der Dunkelheit besser. Der Typ – eine Frau konnte es nicht sein, dafür schienen die Kisten zu schwer, die Geräusche zu laut und die Bewegungen zu ungelenk – hatte wildes Haar und trug offenbar schwere Stiefel. Seine Augen konnte ich nicht sehen.
Bevor ich mich entschieden hatte, ob ich nun abwarten oder ihn ansprechen sollte, nahm er mir die Entscheidung ab. Er war mit dem Verstauen seiner Sachen fertig und ging über den Steg zurück an Land. Ich drückte mich in einen Busch und atmete flacher, aber er war viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mich zu bemerken. Er ging relativ dicht an mir vorüber und dann weiter in Richtung des Cafés. Leuchtende Augen hatte er keine. Wilde, strähnige Haare, aber ansonsten ein Allerweltsgesicht. Trotzdem kam er mir bekannt vor, und irgendeine kleine Glocke in meinem Kopf bimmelte. Aber es war keine wichtige Glocke.
Ich stand wieder auf und sah ihm nach, und konnte erkennen, dass er am Café in der Ferne und seiner Beleuchtung vorbeiging und weiter in Richtung des anderen Endes des Dorfes, bis ihn die Dunkelheit und die Schatten verschluckten. Die Nacht war wieder ruhig und klar, und ich stand alleine hier am Hafen rum.
Eine Minute später war ich am Kutter, aber hier gab es nichts von Interesse. Das kleine Bootshaus war verschlossen, und die Kisten und Fässchen waren vernagelt und verriegelt wie nur was und auf dem Deck verzurrt, als sei es für die Ewigkeit. Ich hatte nicht mal ein Taschenmesser dabei im Moment, geschweige denn ein Brecheisen, und so konnte ich mir nur die Kistendeckel anschauen und mir meinen Reim darauf machen. Er klang nicht besonders. Vorne auf dem Bug des Kutters stand wenigstens ein Name: die Seestern. Und warum auch nicht.
Mit einem letzten Blick über die Szene und das Meer und den Nebel löste ich mich von der Seestern und strebte unter den Sternen des Himmels meinem schmalen Bett zu. Statt einfacher Antworten gab es bisher nur mehr Rätsel. Genug für einen Tag. Alles was Recht war.

Die Türe quietschte wie eine angestochene Wildsau. Ich fuhr zusammen und fluchte leise, weil ich daran nicht mehr gedacht hatte. Aber das Haus blieb so dunkel wie es war. Fanny Gros hatte offenbar einen tiefen Schlaf.
Vor meiner Zimmertür bückte ich mich und suchte mit einem Streichholz nach meinem Haar. Es klebte noch immer über Tür und Rahmen, und die Tür war auch immernoch verschlossen. Ich schloss auf und trat ein und ließ fallen. Dann holte ich mit einem Seufzen meine Reiseschreibmaschine aus dem Koffer. Nur gewohnheitsmäßig spannte ich noch eine Karte in die Maschine und tippte schnell die Dinge runter, die mir heute zugestoßen und aufgefallen waren. Große Lust dazu hatte ich nicht, aber man erinnerte die Dinge nie mehr so klar wie im ersten Moment. Wer konnte wissen, wozu es noch gut sein würde. Es wurden dann sogar drei Karten, alles in allem.
Ich steckte die Karten in den großen Umschlag mit dem Buchstaben H und verstaute ihn ganz unten in der Kommode unter meinen anderen Sachen, und dann freundete ich mich noch ein bisschen mit meiner Bourbon-Flasche an. Erfreut stellte ich fest, dass sie mehr hielt als versprach. Ich war in guter Gesellschaft.

Labels: ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

1 Kommentare:

Blogger realitaetsverlust meinte...

wow.

06 Oktober, 2008 22:10  

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite