Sonntag, Oktober 05, 2008

Fern wie die Zeit (III)

Am Ende des Dorfes hörte die Straße einfach auf, und nur ein unbefestigter Feldweg schlängelte sich weiter in Richtung Steilküste. Drei Häuser standen an dieser Stelle noch beieinander, als kauerten sie sich zusammen gegen das Meer und die Wälder. Es gab keine Hausnummern, ich wusste sowieso von keiner, und es gab auch keine Namen an den Türen. Auf gut Glück ging ich zum größeren der drei Häuser hinüber. Wer Gäste beherbergen wollte, brauchte schließlich Platz. Wenn „Platz“ auch der falsche Ausdruck für das war, was dieses Haus bot.
Die Wände schienen von außen feucht. Ihr Putz bröckelte in losen Fladen. Das Salz des Meeres hatte das Haus angefressen. Es hatte ein Stockwerk; einige Fenster schienen blankgeputzt, andere waren so blind wie die vielbeschworene Gerechtigkeit. Ich trat zur Tür und klopfte.
In der Zeit, die ich warten musste, hätte ich ohne weiteres noch einen Spaziergang machen können. Nach zwei weiteren Attacken gegen die Tür war ich schon fast so weit, es bei den anderen Häusern zu versuchen – bei einem hing immerhin Wäsche im Garten -, als es schließlich doch noch im Hausflur, oder was immer hinter der Tür lag, zu rumoren anfing.
Die Tür entpuppte sich als unverschlossen. Die Klinke wurde nach unten gedrückt, und quietschend bewegte sie sich in den Angeln. Ich sage das nicht, um den dramatischen Effekt zu erhöhen. Ich sage das, weil die Angeln quietschten wie der Chor der Verdammten am Tag des Jüngsten Gerichts. Eine kleine Frau stand in der Tür. Sie trug ein Kopftuch und eine Kittelschürze, und selbst mit ihren dicken Brillengläsern erkannte ich sie als diejenige wieder, die mit mir im Bus hierher gewesen war.
„Guten Tag, junger Mann.“ Alle hier nannten mich einen jungen Mann. Ich blühte langsam auf. „Was kann ich für sie tun?“
Ihre Stimme hatte am Ende des Satzes eine Tendenz, nach oben zu ziehen. Sie zitterte auch ein bisschen, die Stimme, war aber ansonsten ganz fest. Irgendwie begegnete ich bisher nur alten Leuten.
„Ich suche ein Zimmer, Mam. Ich möchte eine Woche Urlaub machen. Sind sie Fanny Gros? Jenkins schickt mich.“
„Ja, ich bin Fanny Gros.“ Sie musterte mich einen Augenblick lang, ganz schamlos. „Kommen sie rein.“
Sie führte mich durch einen kurzen, engen Korridor, an dessen Ende die Küche lag. Ich konnte den Küchentisch sehen, auf dem ein paar Dutzend Eier lagen.
Das Zimmer war eher ein Besenschrank als etwas anderes. Ein schmales Bett und eine Kommode, auf der eine Waschschüssel stand. Ich hatte nicht gedacht, dass so etwas überhaupt noch existierte.
„Bad und Toilette sind gleich hier rechts. Die Waschschüssel steht nur so da. Ich würde ihnen ja das große Zimmer geben, aber ich bin nicht sicher, ob nicht noch andere Gäste kommen. Ihr Bett müssen sie selber machen. Sie waren mit im Bus vorhin.“
Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie meinte. Es war auch eher eine Feststellung denn eine Frage, also antwortete ich auch nicht. Ich sah stattdessen zum Fenster hinaus, von dem aus man den Himmel und das Meer sehen konnte. Ein salziges, windgepeitschtes Stückchen von etwas, was einmal Rasen gewesen war, erstreckte sich zwischen dem Geröllstrand und dem Haus. Möwen schrien, undeutlich gedämpft durch das schmutzige Fensterglas. Mit einem Mal war es ein gottverlassenes Fleckchen Erde hier. Was zum Kuckuck hatte ich nur hier verloren.
„Zwanzig am Tag. Warmwasser extra. Vierzig vorneweg.“
Ich kehrte mit meinen Gedanken ins Hier und Jetzt zurück. Sie war geschäftstüchtig und wusste, was sie wollte. Und viele Alternativen hatte ich sowieso nicht.
„Fünfzehn“, sagte ich, was bei ihr überhaupt keine Reaktion hervorrief. Sie starrte mich nur weiterhin irgendwie schamlos an, ich kannte kein besseres Wort dafür. Ich dachte an Tante Emmas Ratschlag. Wahrscheinlich würde ich tatsächlich meine Tür abschließen.
„In Ordnung“, sagte ich.
Die weiteren Formalitäten gestalteten sich einfach. Ich gab ihr ihre vierzig, und sie drückte mir einen Schlüssel von Format und Schwere einer Werkzeugfeile in die Hand. Dann wünschte sie mir einen schönen Tag, drehte sich um und ging in die Küche. Ich schloss die Tür, stellte die Taschen ab, hängte Hut und Mantel an den einsamen Haken hinter der Tür und öffnete das Fenster. Das Schreien der Möwen war jetzt deutlich zu hören. Ich krempelte die Ärmel hoch, ließ mich aufs Bett fallen und fischte nach den Zigaretten. Paffend sah ich zur Decke und dann wieder aus dem Fenster. Die Waschschüssel gab einen prima Ascher. Die Sonne senkte sich langsam nieder, und der Nebel in der Ferne begann, wie von innen heraus zu leuchten, erst undeutlich, dann immer stärker, bis er die Sonne schließlich schlucken würde. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern. Also stand ich wieder auf, nahm Mantel und Hut und ging aus dem Zimmer.
Draußen befestigte ich mit einem bisschen Spucke ein Haar zwischen Tür und Türrahmen. Einer der ältesten Tricks der Welt. Aber warum nicht. Abschließen tat ich auch noch. Der Schlüssel polterte in meiner Tasche hin und her wie ein Wackerstein.

Als ich auf dem Flur vorbeiging, saß Fanny Gros in der Küche und sortierte ihre Eier.
„Ich bin nochmal aus, Mam. Gibt’s Abendessen bei Jenkins?“
„Sicher, im Café können sie immer essen, wenn sie wollen. Sie können auch hier etwas bekommen. Das kostet sie natürlich ein bisschen extra.“
„Danke, aber ich möchte mir noch einmal das Dorf anschauen, bevor es dunkel wird. Ich hab noch nicht viel gesehen.“ Ich verstummte einen Augenblick, dann fragte ich sie:
„Geht das Geschäft gut mit den Gästen?“
Sie hielt mit ihren Eiern inne und meinte:
„Mal so, mal so, junger Mann. Ich habe öfters Gäste, auch wenn nicht mehr so viele wie früher hierher kommen. Es gab schon Zeiten, da war das Dorf im Sommer voller Touristen und Städter, man kannte sich gar nicht mehr aus. Manche kommen immernoch, aber viele von denen haben inzwischen ihre eigenen Hütten, in denen sie dann bleiben. Seit Jenkins aber aufgehört hat, seine Zimmer zu vermieten, kommen die meisten anderen zu mir.“
„Abseits des Sommers ist aber wohl nicht so viel los? Jetzt gerade zum Bespiel, im Herbst.“
„Der Herbst ist sehr schön hier, wenn der Nebel sich zurückhält. Aber natürlich sind es weniger Leute. Gerade heutzutage.“
Ich musste wohl ein bisschen direkter werden, auch wenn es mir widerstrebte:
„Ich glaube, ein Freund von mir war vor ein paar Wochen auch hier im Dorf zu Besuch.“
„Ein Freund von ihnen?“
„Ja, jetzt wo ich mich erinner – er heißt Hendrichs. Er hat nicht zufällig auch bei ihnen gewohnt?“
„Wer hier wohnt, das geht eigentlich keinen was an. Ich würd’s ihnen nicht unbedingt sagen, wenn er hier gewesen wäre. Aber hier war kein Hendrichs, oder wie er heißt. Wenn er hier im Dorf war, dann nicht bei mir, und dann wahrscheinlich in seiner eigenen Hütte.“
„Vielen Dank, Mam. Ich dacht‘s mir nur so. Ist ja auch nicht wichtig.“
Ich machte mich bereit zu gehen, aber dann fiel mir noch etwas ein und ich fragte sie:
„Mam, können sie mir etwas Besonderes empfehlen?“
„Empfehlen?“ Sie blickte kurz vor sich hin, als käme ihr der Gedanke zum ersten Mal in ihrem Leben.
„Naja, hier im Dorf, was jemandem gefallen könnte, der nicht von hier ist. Schöne Aussichten, besondere Orte, solche Dinge“, half ich ihr auf die Sprünge. „Was sich einer anschauen könnte, der nicht hier geboren ist. Wo man sich gerne aufhalten würde.“
Sie sortierte erst noch ein paar ihrer Eier nach ihren geheimen Kriterien. Dann räusperte sie sich.
„Also, sie können sich natürlich das Meer anschauen. Das ist ja selbstverständlich. Von der Steilküste hat man einen ganz guten Blick. Oder gehen sie in den Wald, aber passen sie auf, dass sie auch wieder rausfinden. Die Wege im Wald gehen ziemlich kreuz und quer, und man kann das Meer hören, aber es ist nicht immer klar, von wo das Rauschen kommt.“
Sie dachte noch einmal kurz nach, ehrlich angestrengt. Sie schien doch nicht so übel zu sein. Immerhin zerbrach sie sich für mich den Kopf.
„Und es gibt das Haus von Tuft auf der Steilküste“, sagte sie schließlich, als sei ihr der Gedanke plötzlich gekommen, „mit der Galerie, wenn sie sowas interessiert.“
„Eine Galerie?“
„Ja, er stellt in seinem Haus Bilder aus. Es geht eigentlich kaum jemand hin, aber er tut es trotzdem. Er ist ein bisschen seltsam.“
„Wer ist dieser Tuft?“
Sie holte Luft. Sie setzte zu einer längeren Geschichte an. Ich lehnte mich an den Türrahmen. Alles, was ich erfahren konnte, konnte mir nur helfen.
„Eigentlich ist er ja keiner von uns. Ich meine, er ist vor zwanzig Jahren hergezogen. Er gehört dazu zum Dorf. Es ist eben der Unterschied, ob man hier geboren ist oder nicht, und ob man hier lebt oder nicht.“ Das Letzte mit einem schnellen Blick zu mir.
„Und er mag Bilder. Manchmal können sie ihn auf der Steilküste oder im Wald treffen, mit einer Leinwand und Farben. Ich weiß nicht, ob er ein richtiger Maler ist“, sie meinte wohl Künstler, „jedenfalls ist er hier so etwas wie eine Respektsperson. Ich würde auch nie schlecht über ihn reden. Wenn nur seine Besucher nicht wären.“
„Seine Besucher?“, hakte ich instinktiv nach. Aber das war genau das Falsche. Sie blickte erst auf und dann weg, und ihr Gesicht und ihr Mund verschlossen sich wie eine Auster.
„Ich habe schon zuviel erzählt. Ich klatsche nicht über andere Leute, junger Mann.“
„Sicherlich. Danke für ihre Empfehlungen, Mam. Ich schätze, ich werde mir heute Abend das Dorf anschauen. Es ist wirklich sehr schön hier.“
Das lockerte sie wieder ein wenig auf. Ich tippte mir an den Hut und ließ sie in ihrer Küche zurück. Die Haustür quietschte in ihren Angeln, und ich war auf der Straße und ging langsam in Richtung Café. Es war ein lauer, beginnender Herbstabend, der wie von innen heraus leuchtete. Das Dorf war in diesem diffusen Licht tatsächlich schön, eine blanke Leinwand für das Spiel der Farben, die die Natur hier um sich streute, in einem eng umgrenzten Raum am Ende der Welt, fern von allem und nur auf sich selbst bezogen. Irgendwo hier war der Mann, den ich suchte. Da war ich mir mit einem Mal sicher. Ich zog eine Zigarette heraus, und der warme Rauch vermischte sich mit dem würzigen Duft des Meeres und des beginnenden Abends.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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