Mittwoch, Oktober 01, 2008

Fern wie die Zeit (II)

Ein paar Minuten später brachte mir der alte Mann eine dampfende Schüssel und einen Kanten Brot. Frugal, aber nicht übel. Ich griff zum Löffel und wollte mich an die Arbeit machen, als er mich fragte:
„Wie soll er denn aussehen, ihr Freund? Vielleicht haben sie ja Recht mit der Hütte. Es gibt ne ganze Menge Jagdhütten und Blockhäuser hier draußen, von den Städtern. Schneien überraschend hier rein, bleiben ne kurze Zeit und sind schon wieder weg. Aber die Zäune um ihre Hütten, die bleiben das ganze Jahr.“
Ich legte den Löffel wieder hin. Die Suppe war sowieso noch zu heiß.
„Er hat ne Zottelmähne und wahrscheinlich einen Schnurrbart. Und leuchtende Augen.“ Das war meine beste Chance. Die Zeichnung konnte ich ihm nicht gut zeigen, ohne den letzten Rest meiner gerade erst gefundenen Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Wer reiste schon mit einer naiven Zeichnung eines seit Jahren verschollenen Freundes in der Gegend herum?
„Wie meinen sie das, leuchtende Augen?“
„Ist schwer zu sagen. Wenn man’s sieht, ist‘s einem gleich klar. Es sind irgendwie mongolische Augen, verstehen sie? Alte Augen. Älter als das Gesicht, zu dem sie gehören. Ich kann’s nicht gut sagen“, das Letzte zu seinem Stirnrunzeln gesprochen.
„Mongolisch? Asiatisch, oder wie? Fällt mir keiner ein, der solche Augen hat hier im Dorf. Tut mir leid.“
Ich konnte sehen, wie es in seinen Gehirnwindungen ratterte. Wie’s aussah, hatte ich hatte ihm in einer halben Stunde Stoff für mehrere Winterabende geliefert. Bevor ich jetzt mit meiner Suppe anfangen konnte, fragte er mich:
„Und, was wollen sie jetzt tun?“
„Werd mich noch ein bisschen umschauen, schätze ich, wo ich schonmal hier bin. Vielleicht hab ich ja Glück. Und wenn nich, dann kann man eben nichts machen.“
Er nickte. „Sie werden ‘n Zimmer brauchen.“ Da hatte er Recht.
„Ich hab früher auch was vermietet, aber das mach ich jetzt nicht mehr. Es lohnt sich nicht wirklich. Zu wenig Besucher hier in den letzten Jahren. Deshalb denk ich auch, dass ich ihren Freund kennen müsste, wenn er hier gewesen wäre. Es laufen nicht viele Fremde hier rum. Und ich werd auch nicht jünger. Da ist das mit den Zimmern langsam zuviel Arbeit, meine ich. Aber gehen sie nachher mal zu Fanny Gros, am andern Ende der Hauptstraße. Sie vermietet noch was an Feriengäste, wenn mal welche da sind. Ich wette, sie hat noch was frei. Alles, meine ich.“
Ich bedankte mich, und Jenkins schlurfte zurück hinter seinen Tresen. Bald kam der Busfahrer zusammen mit ein paar offenbar Einheimischen herein, um Schnaps zu bestellen und sich für die Rückfahrt zu stärken. Sie hielten Jenkins ganz gut beschäftigt. Ich aß in der Zeit meine Suppe und mümmelte mein Brot, und sieh an, es schmeckte hervorragend. Und es kostete mich nicht mehr als einen Pappenstil.

Vor der Tür war der Herbst mit einem Mal so golden, wie er nur sein konnte. Ich nahm das als gutes Zeichen, wenn ich schon sonst noch kein einziges gutes Zeichen gesichtet hatte. Das Gespräch mit Jenkins war ein ziemlicher Reinfall gewesen. Ich glaubte ihm, dass ihm hier nicht viel entging. Das Dorf war klein, und er schien so was wie der Neuigkeiten-Umschlagplatz hier zu sein. Andererseits war das hier meine beste Spur. Ich würde sie einfach noch ein bisschen ausreizen.
Ich schob mir den Hut in den Nacken, zog meinen Mantel wieder aus, und ging mit dem Koffer in der einen und der Tasche in der anderen Hand die Straße hinunter. Fanny Gros war wahrscheinlich nicht zu verfehlen. Es gab nur diese eine Richtung.

Am Weg stand ein Tante-Emma-Laden, der laut dem Schild neben der Tür zugleich als lokales Postamt diente. Ansonsten gab es nicht viel.
Die Häuser hier waren schlicht, auch im vollen Glanz der Sonne. Holz, Stein, Zement, mit den Spuren der vergangenen Zeit, aber der eigentlichen Vergangenheit beraubt. Ein wenig zeitlos, nicht aus eigenem Antrieb, sondern einfach weil die Zeit sich davongestohlen hatte. Es gab solche Orte, die vor sich hin existierten, uralt und zugleich ohne jedes Alter. Ich hatte solche Orte in Italien gesehen, unter ganz anderen Vorzeichen, und hier war wieder so ein Ort. Als wäre er aus der Landschaft herausgewachsen, dachte ich mir. Das traf es ganz gut.
Das Wasser sah dunkel und kalt aus, nur in der Bucht, in der die Fischerboote auf den Strand gezogen waren, kleine Kutter und Trawler, kräuselten sich ein paar hellere Wellen. Am Horizont über dem Meer stand noch immer der Nebel wie eine massive Wand, und weiter hinten, hinter den letzten Häusern des Dorfes, begann die Steilküste. Man konnte die Wellen bis hierher hören.
Ich stellte meinen Krempel am Wegrand ab, nahm den Hut ab, wischte mir kurz die Brille und trat dann in den Laden ein. Es war dämmrig hier drin, und zuerst sah ich nicht viel. Dann gewöhnten sich meine Augen an das Halbdunkel nach dem hellen Sonnenlicht draußen, aber vorher noch hörte ich eine Stimme, nölig und schnippisch:
„Was darf’s für sie sein?“
Die Frau passte zur Stimme dazu. Auf den ersten Blick war sie eine sauertöpfische alte Ziege. Auf den zweiten auch. So was gab es in jedem Dorf, und komischerweise immer im Dorfladen. Weiß der Kuckuck, woran das lag.
„Zigaretten“, sagte ich, und holte meine Geldbörse aus der Tasche und zählte das Kleingeld ab. Sie reichte mir eine Packung, deren Name mir überhaupt nichts sagte.
„Luckys haben sie wohl nicht“, fragte ich.
„Ich habe nur was ich habe. Seien sie mal nicht wählerisch, junger Mann.“
Sie warf mir einen Blick zu, der wohl schneidend gemeint war, aber nur altjungfern rüberkam. Sie nahm mein Geld und stellte fest, dass ich ihr fünfzig Cent zuviel gegeben hatte, die sie prompt in die Tasche steckte, wie gedacht. Das qualifizierte mich für einen weiteren Wortwechsel.
„Machen sie Urlaub hier?“
„Ja, ich will ne Woche ausspannen. Bin gerade auf dem Weg zu Fanny Gros.“
„Die alte Fanny.“ In ihren Augen blitzte es ein wenig, soweit ich das in dem schlechten Licht erkennen konnte.
„Passen sie mal auf, dass sie ihnen nichts aus dem Portmonee nimmt.“
„Wie meinen sie?“
„Nichts, gar nichts. Ich habe gar nichts gesagt. Ich meinte nur, nehmen sie ihren Zimmerschlüssel mit.“ Noch so ein funkelnder Blick, und sie wandte sich ab.
Ich ließ meinen Blick über die Regale schweifen. Alles da, was man brauchte, und nicht viel mehr. Ich nahm mir eine Halbliterflasche Bourbon, der in einer Ecke versteckt stand, aus dem Regal. Ich hatte so ein Gefühl, dass ich den brauchen konnte.
Die Dame kassierte mich nochmal ab, diesmal ohne einen Wortwechsel, und ich beschloss, ihr später auf den Zahn zu fühlen, falls sich das als notwendig erweisen sollte. Vorerst wollte ich mal die Zimmerlage klären und hier ankommen, an diesem seltsamen Ort. Ich tippte mir an den Hut und ließ sie in ihrem Halbdunkel zurück. Wahrscheinlich war es so dunkel, damit man die Preisschilder nicht richtig lesen konnte. Das hätte irgendwie gepasst.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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