Fern wie die Zeit (IV)
Es gab keine große Straßenbeleuchtung im Dorf. Als ich am Café anlangte, machte Jenkins drinnen gerade die Lichter an. Ich ging die Stufen zur Tür hinauf und trat ein. Es saßen noch drei andere an der Theke, jeder mit seinem Getränk bei sich, und jeder mehr oder weniger für sich. Jenkins hob die Hand zur Begrüßung.
„Sind sie wieder da? Haben sie ihr Zimmer gekriegt?“
„Ja, danke. Ich würde gern was zu Abend essen.“
„Sie kriegen den Hackbraten, den ich vorhin in den Ofen geschoben habe. Und ein kaltes Bier dazu.“
Ich nickte, und er strebte durch die Küchentür. Die Gesichter der anderen Kneipensitzer wandten sich wieder ab und ihren eigenen Getränken und Angelegenheiten zu.
Ich setzte mich in einen Nischenplatz und legte mir die weiteren Schritte zurecht, wie ich es gerne tat.
Er war nicht bei Jenkins aufgeschlagen, und auch nicht bei Fanny Gros, jedenfalls wenn sie die Wahrheit sagten, was ja nicht der Fall sein musste. Aber warum sie lügen sollten, und noch dazu so überzeugend, das wusste ich auch nicht.
Also musste er woanders stecken, gerade wenn Jenkins ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Ich schätzte, dass ihm hier nicht viel entging. Eine der Hütten. Ich fragte mich, wie viele von denen es hier so gab. Er kam selten ins Dorf, sondern hielt sich im Wald oder an der Küste auf, je nachdem. Wo lag das Haus von Tuft? Von der Straße vor Fanny Gros‘ Haus hatte ich nichts gesehen, und ich wusste auch nicht, wie weit die Steilküste ging. Aber wenn es weit genug war...
Dann kam Jenkins aus der Küche und brachte mir mein Bier. Ich wollte ihn gerade nach der Steilküste und den Hütten und Tuft fragen, als die Tür zum Café aufging und ein großer, hagerer, schwarzer Mann hereintrat. Ich sagte schwarz, denn er trug einen schwarzen Mantel, einen schwarzen Anzug mit einem schwarzen Hemd, schwarze Schuhe und einen schwarzen Hut. Vermutlich auch eine schwarze Krawatte, wenn ich das in all dem Schwarz noch hätte ausmachen können. Sein Spazierstock war von der gleichen Farbe. Sein Schnurrbart hingegen war weiß und ordentlich gestutzt, und über dem Schnurrbart saß eine aristokratische Nase, gewölbt wie eine Adlerschwinge. Aber Bart und Nase interessierten mich nicht, und auch das Schwarz seiner Kleidung nur insoweit, als es sein Gesicht übertrieben blass wirken ließ und dadurch die Wirkung seiner Augen noch verstärkte, die tief in ihren Höhlen lagen und, ich konnte es nicht besser sagen, mongolisch wirkten, alte Augen, so dass ich, als sein Blick mich teilnahmslos streifte, dachte, den Schauer von Jahrhunderte zu spüren, der mir über den Rücken lief. Vielleicht war es aber auch nur die kalte Luft von draußen.
Es war nicht Hendrichs. Er war zu alt, und er war zu groß. Ich versuchte, mir mein Erstaunen nicht anmerken zu lassen, aber ich starrte ihn trotzdem an. Der Mann ging durch den Raum zum Tresen und setzte sich unter die anderen und bestellte, wenn ich meinen Ohren trauen konnte, einen Absinth. Zu meiner Überraschung schien Jenkins welchen vorrätig zu haben. Das Glas, das er ihm hinstellte, war jedenfalls grün und wechselte dann die Farbe zu milchig weiß, als er Wasser hinzufügte.
Dann kam mein Hackbraten, und ich hatte etwas, hinter dem ich mich verstecken konnte. Den Hackbraten so zu missbrauchen war eine Schande, denn ich glaube er war hervorragend. Jenkins konnte kochen, keine Frage. Ich aber war mit meinen Gedanken ganz woanders, und ich schmeckte nicht wirklich, was ich aß. Was hatte das zu bedeuten?
Der Mann am Tresen kippte seinen Absinth und dann noch einen in Rekordgeschwindigkeit. Dann griff er die ebenfalls schwarze Ledertasche, die er mit sich hereingebracht hatte, und kramte darin herum, bis er ein Notiz- oder Skizzenbuch oder sowas gefunden hatte, ein schmales Bändchen jedenfalls in einem Wachstuch-Einband. Er winkte Jenkins heran, und die beiden unterhielten sich eine kurze Zeit, wobei sie die Köpfe zusammensteckten und in sein Büchlein sahen, weshalb ich kein Wort verstehen konnte. Danach bestellte der Mann noch einen Schnaps. Ich zollte seiner Trinkfestigkeit innerlich Respekt. Ich konnte nur annehmen, dass er schon gegessen hatte. Danach nämlich stand er auf und machte sich wieder bereit zu gehen. Der Spazierstock klackte, als er festen Schrittes und ohne das leiseste Schwanken den Raum durchquerte. Er streifte mich mit einem beiläufigen Blick und nickte mir kaum merklich zu, eine Geste allgemeiner Höflichkeit. Ich nickte zurück und hustete in mein Taschentuch, sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Ich überlegte, ob ich ihm schnell nachgehen sollte, und trank dann doch mein Bier aus und winkte nach Jenkins. Ich brauchte jetzt auch einen Schnaps.
Jenkins räumte mit einem „Hat’s geschmeckt?“ den Teller ab, was ich bejahte und fortfuhr:
„Einen Schnaps hätte ich noch gern. Was war’n das für’n Zeug, das sie dem schwarzen Mann da gerade ausgegeben haben? Sagen sie bloß, sie haben Absinth hier in ihrem Café?“
„Haben tu ich tatsächlich welchen, aber ausschenken tu ich ihn im Allgemeinen nicht. Ich kann ihnen aber jeden anderen Schnaps bringen. Einen Bourbon für sie?“
Ich nickte mein Einverständnis und sagte:
„Wer war denn der schwarze Mann?“
„Das war Richard Tuft. Er ist ein Künstler, der schon lange hier lebt. Hat ein Haus oben an der Steilküste.“
„Das erklärt jedenfalls seinen kleinen Sondervorrat.“ Ein Klischee, wenn ich jemals eines gesehen hatte.
„Ist jemand gestorben, oder warum die Kleidung?“
„Er hat’s gerne eindeutig, wie er sagt. Er trägt seine Kleidung immer in einer Farbe. Heut ist Montag, oder? Dann ist heute schwarz dran. Wie sie ja gesehen haben.“
„Ich hab gehört, er hat ne Galerie in seinem Haus“, sagte ich zu Jenkins, der sich abwandte und zurück zur Küche laufen wollte.
„Wer hat ihnen denn das erzählt?“, fragte er mich, und ich glaube, er war ehrlich verblüfft.
„Ich hab Fanny Gros gefragt, was ich mir hier anschauen könnte, wenn ich schonmal da bin, und da ist ihr seine Galerie eingefallen.“
„Ich weiß nicht, ob sie die sehen können. Sie kommen von außerhalb“, sagte er, und jetzt konnte ich Vorsicht in seiner Stimme hören. In dem Moment winkte ihm einer an der Theke, und mit einer gemurmelten Entschuldigung war er schneller weg als die Miete zum Monatsersten.
Als er mit dem Bourbon wiederkam, etwas anderes blieb ihm ja nicht übrig, sagte ich:
„Wie meinen sie das mit der Galerie und dass ich von außerhalb komme?“
Er seufzte.
„Das ist eher so eine private Angelegenheit, von Tuft, von uns hier. Das geht eigentlich keinen was an. Typisch für Fanny, dass sie ihnen das erzählt hat. Stecken sie ihre Nase nicht in alles rein, und suchen sie lieber ihren Freund.“
Damit ließ er mich sitzen. Ich war verblüfft. Jenkins konnte auch unfreundlich. Ich fragte mich, ob die Dörfler mit Fackeln und Mistgabeln an meiner Türe kratzen würden, wenn ich etwas Falsches täte. Immerhin gab es plötzlich die Möglichkeit, etwas Falsches zu tun. Auch hier auf dem flachen Land, am Ende der Welt. Sieh einer an.
„Sind sie wieder da? Haben sie ihr Zimmer gekriegt?“
„Ja, danke. Ich würde gern was zu Abend essen.“
„Sie kriegen den Hackbraten, den ich vorhin in den Ofen geschoben habe. Und ein kaltes Bier dazu.“
Ich nickte, und er strebte durch die Küchentür. Die Gesichter der anderen Kneipensitzer wandten sich wieder ab und ihren eigenen Getränken und Angelegenheiten zu.
Ich setzte mich in einen Nischenplatz und legte mir die weiteren Schritte zurecht, wie ich es gerne tat.
Er war nicht bei Jenkins aufgeschlagen, und auch nicht bei Fanny Gros, jedenfalls wenn sie die Wahrheit sagten, was ja nicht der Fall sein musste. Aber warum sie lügen sollten, und noch dazu so überzeugend, das wusste ich auch nicht.
Also musste er woanders stecken, gerade wenn Jenkins ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Ich schätzte, dass ihm hier nicht viel entging. Eine der Hütten. Ich fragte mich, wie viele von denen es hier so gab. Er kam selten ins Dorf, sondern hielt sich im Wald oder an der Küste auf, je nachdem. Wo lag das Haus von Tuft? Von der Straße vor Fanny Gros‘ Haus hatte ich nichts gesehen, und ich wusste auch nicht, wie weit die Steilküste ging. Aber wenn es weit genug war...
Dann kam Jenkins aus der Küche und brachte mir mein Bier. Ich wollte ihn gerade nach der Steilküste und den Hütten und Tuft fragen, als die Tür zum Café aufging und ein großer, hagerer, schwarzer Mann hereintrat. Ich sagte schwarz, denn er trug einen schwarzen Mantel, einen schwarzen Anzug mit einem schwarzen Hemd, schwarze Schuhe und einen schwarzen Hut. Vermutlich auch eine schwarze Krawatte, wenn ich das in all dem Schwarz noch hätte ausmachen können. Sein Spazierstock war von der gleichen Farbe. Sein Schnurrbart hingegen war weiß und ordentlich gestutzt, und über dem Schnurrbart saß eine aristokratische Nase, gewölbt wie eine Adlerschwinge. Aber Bart und Nase interessierten mich nicht, und auch das Schwarz seiner Kleidung nur insoweit, als es sein Gesicht übertrieben blass wirken ließ und dadurch die Wirkung seiner Augen noch verstärkte, die tief in ihren Höhlen lagen und, ich konnte es nicht besser sagen, mongolisch wirkten, alte Augen, so dass ich, als sein Blick mich teilnahmslos streifte, dachte, den Schauer von Jahrhunderte zu spüren, der mir über den Rücken lief. Vielleicht war es aber auch nur die kalte Luft von draußen.
Es war nicht Hendrichs. Er war zu alt, und er war zu groß. Ich versuchte, mir mein Erstaunen nicht anmerken zu lassen, aber ich starrte ihn trotzdem an. Der Mann ging durch den Raum zum Tresen und setzte sich unter die anderen und bestellte, wenn ich meinen Ohren trauen konnte, einen Absinth. Zu meiner Überraschung schien Jenkins welchen vorrätig zu haben. Das Glas, das er ihm hinstellte, war jedenfalls grün und wechselte dann die Farbe zu milchig weiß, als er Wasser hinzufügte.
Dann kam mein Hackbraten, und ich hatte etwas, hinter dem ich mich verstecken konnte. Den Hackbraten so zu missbrauchen war eine Schande, denn ich glaube er war hervorragend. Jenkins konnte kochen, keine Frage. Ich aber war mit meinen Gedanken ganz woanders, und ich schmeckte nicht wirklich, was ich aß. Was hatte das zu bedeuten?
Der Mann am Tresen kippte seinen Absinth und dann noch einen in Rekordgeschwindigkeit. Dann griff er die ebenfalls schwarze Ledertasche, die er mit sich hereingebracht hatte, und kramte darin herum, bis er ein Notiz- oder Skizzenbuch oder sowas gefunden hatte, ein schmales Bändchen jedenfalls in einem Wachstuch-Einband. Er winkte Jenkins heran, und die beiden unterhielten sich eine kurze Zeit, wobei sie die Köpfe zusammensteckten und in sein Büchlein sahen, weshalb ich kein Wort verstehen konnte. Danach bestellte der Mann noch einen Schnaps. Ich zollte seiner Trinkfestigkeit innerlich Respekt. Ich konnte nur annehmen, dass er schon gegessen hatte. Danach nämlich stand er auf und machte sich wieder bereit zu gehen. Der Spazierstock klackte, als er festen Schrittes und ohne das leiseste Schwanken den Raum durchquerte. Er streifte mich mit einem beiläufigen Blick und nickte mir kaum merklich zu, eine Geste allgemeiner Höflichkeit. Ich nickte zurück und hustete in mein Taschentuch, sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Ich überlegte, ob ich ihm schnell nachgehen sollte, und trank dann doch mein Bier aus und winkte nach Jenkins. Ich brauchte jetzt auch einen Schnaps.
Jenkins räumte mit einem „Hat’s geschmeckt?“ den Teller ab, was ich bejahte und fortfuhr:
„Einen Schnaps hätte ich noch gern. Was war’n das für’n Zeug, das sie dem schwarzen Mann da gerade ausgegeben haben? Sagen sie bloß, sie haben Absinth hier in ihrem Café?“
„Haben tu ich tatsächlich welchen, aber ausschenken tu ich ihn im Allgemeinen nicht. Ich kann ihnen aber jeden anderen Schnaps bringen. Einen Bourbon für sie?“
Ich nickte mein Einverständnis und sagte:
„Wer war denn der schwarze Mann?“
„Das war Richard Tuft. Er ist ein Künstler, der schon lange hier lebt. Hat ein Haus oben an der Steilküste.“
„Das erklärt jedenfalls seinen kleinen Sondervorrat.“ Ein Klischee, wenn ich jemals eines gesehen hatte.
„Ist jemand gestorben, oder warum die Kleidung?“
„Er hat’s gerne eindeutig, wie er sagt. Er trägt seine Kleidung immer in einer Farbe. Heut ist Montag, oder? Dann ist heute schwarz dran. Wie sie ja gesehen haben.“
„Ich hab gehört, er hat ne Galerie in seinem Haus“, sagte ich zu Jenkins, der sich abwandte und zurück zur Küche laufen wollte.
„Wer hat ihnen denn das erzählt?“, fragte er mich, und ich glaube, er war ehrlich verblüfft.
„Ich hab Fanny Gros gefragt, was ich mir hier anschauen könnte, wenn ich schonmal da bin, und da ist ihr seine Galerie eingefallen.“
„Ich weiß nicht, ob sie die sehen können. Sie kommen von außerhalb“, sagte er, und jetzt konnte ich Vorsicht in seiner Stimme hören. In dem Moment winkte ihm einer an der Theke, und mit einer gemurmelten Entschuldigung war er schneller weg als die Miete zum Monatsersten.
Als er mit dem Bourbon wiederkam, etwas anderes blieb ihm ja nicht übrig, sagte ich:
„Wie meinen sie das mit der Galerie und dass ich von außerhalb komme?“
Er seufzte.
„Das ist eher so eine private Angelegenheit, von Tuft, von uns hier. Das geht eigentlich keinen was an. Typisch für Fanny, dass sie ihnen das erzählt hat. Stecken sie ihre Nase nicht in alles rein, und suchen sie lieber ihren Freund.“
Damit ließ er mich sitzen. Ich war verblüfft. Jenkins konnte auch unfreundlich. Ich fragte mich, ob die Dörfler mit Fackeln und Mistgabeln an meiner Türe kratzen würden, wenn ich etwas Falsches täte. Immerhin gab es plötzlich die Möglichkeit, etwas Falsches zu tun. Auch hier auf dem flachen Land, am Ende der Welt. Sieh einer an.
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