Camus, Chandler, Miller und die eine Stimme
Es war an der Zeit, den Dingen einmal wieder eine andere Wendung zu geben. Im alltäglichen Klein-Klein hatte ich die größere Perspektive aus den Augen verloren. Ich tappte im Dunkeln wie ein Bergmann ohne Brille. Allein mit meinem Kanarienvogel, der im Schatten leise vor sich hin sang. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich dabei natürlich um meine Geistmaschine handelte.
Camus hatte das für mich getan. Er schrieb nicht besonders. Aber er hatte Gedanken, die denen glichen, die ich die meinen nannte, und er hatte sie elaboriert und geputzt und geschmückt, und sie glänzten fein und sie gingen mir nahe. Ich erkannte mich selbst wieder, so wie jeder sich selbst wiedererkennen sollte in den Schriften eines Autors, wenn diese wahrhaftig sind – wie ich mich in Henry Miller wiederfinden konnte, oder in Raymond Chandler, was das anging. Nun, in den letzten Stunden des vorigen und den ersten Stunden dieses Tages hatte ich mich jedenfalls in Camus' Schriften wiedergefunden. Und das tat gut.
Er hatte es eingefangen, auf seine Weise. Das Leben, die Absurdität und anscheinende Sinnlosigkeit des Lebens, und darin aufzeigend die ganze Herrlichkeit der Schöpfung, Amen und Hallelujah. Camus war ein Schluck kühles Wasser nach einer Wüstenetappe, oder ein Glas kaltes Bier im Garten an einem heißen Sommertag, während der Blick über den Bodensee zu den schneekalten Alpen hinüberging. Der See war wichtig. Er komplettierte das Panorama – mein eigenes, ganz privates Panorama auf Camus. "Licht und Schatten", das auch eines meiner Themen (die Unendlichkeit des Lichts, besonders des mediterranen; das Geheimnis des Schattens; und die Bedingtheit zwischen den beiden), und ein passender Titel für seine Meditationen über die Existenz, geborgen in verschiedenen Gewändern, doch in der Essenz immer um die wichtigen, die wahren Fragen kreisend. (Gab es Antworten? Oder, anders gefragt: brauchte man überhaupt Antworten auf diese Fragen? Waren nicht die Fragen selbst genug?)
Die Antworten waren immer die gleichen. Es waren immer jene Antworten, die ein Mensch nur im Inneren seines Herzens finden konnte, im Kern seiner eigenen, seltsamen Existenz. Camus half ihm, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten musste man selbst "gehen", den Weg zu ihnen auf eigene Faust zurücklegen. Camus und ich, wir verstanden uns gut. Es war mal eine andere Angelegenheit als mit Chandler, der immer einen auf dicke Hose machte, so angenehm er mir als Schreibender auch war und so sehr ich ihn verehrte und achtete. Ich war mir sicher, auch Chandler trieben die gleichen, die ewigen Fragen um – nur seine Antworten waren natürlich andere. Es war wichtig, die Fragen zu kennen – und sich zu vergegenwärtigen, wie reich das Leben an Möglichkeiten zu ihrer "Beantwortung" war. (Die Anführungszeichen aus folgendem Grund: weil die "Beantwortung" kein fester Fels, sondern nur ein sich immer wandelnder Prozess sein konnte, eine fortwährende asymptotische Annäherung. Annäherung an was? Nun, an uns selbst natürlich.)
Camus tat noch etwas anderes für mich: Er gab mir einen Teil meiner Stimme wieder. Vor dem Beginn des "Hard-Boiled", in einer Zeit, die mir so weit zurückzuliegen schien wie das Mittelalter, hatte ich mich einer anderen Sprache bedient. Einer leichteren, schwebenderen Sprache, doch auf ihre Weise nicht weniger nahrhaft als die "coole" Herangehensweise Chandlers. Ich hatte einiges geschrieben in dieser Sprache, und ich hatte einiges gedacht in jener Art zu denken, die mit dieser Sprache einherging. Camus dachte ebenso. Das war eine schöne Entdeckung. Ein Partner im Geiste, über die Zeit hinweg. Gut, ich mochte meinen zusätzlichen (oder gar bestimmenden) Einschlag Henry Millers haben, der meiner Version der ewigen Sprache eine gehörige Portion Ekstase hinzufügte, wie eine Lanze Licht, die durch dämmriges Dunkel schnitt wie ein heißes Messer durch irische Butter, und natürlich war nichts jemals gleich – nur verschiedene Ausprägungen des eigentlich Unerreichbaren -, und doch tat Camus mir gut. Wollten wir uns also Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen – er hatte seine Aufgabe. Camus wiederum half mir, der meinen wieder näher zu treten.
Labels: meditations, writing


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