Alltag.
Es war mal wieder keine Zeit für das Schreiben. Ich fand keine Worte, und ich hatte kaum etwas, was festzuhalten wert gewesen wäre, das dachte ich jedenfalls. Ich lebte ein Leben, von dem ich nicht sicher war, ob es meines war, aber ich hatte es jedenfalls, und ich versuchte das Beste daraus zu machen.
Berlin. Samstag. Und nichts zu tun. Ich verschwendete einen kompletten Tag mit Internet-Surfen und Computerspielen. Nicht gerade etwas, auf das ich stolz sein konnte. Eigentlich hatte ich Schreiben wollen, es dann aber wie immer nicht auf die Reihe gekriegt. Vielleicht war ich auch einfach noch nicht soweit. Ich wusste diese Tage sowieso nicht genau, woran ich mit mir war. Ich tat eine Arbeit, die ich mir nie hatte träumen lassen, arbeitete 9to5 und verbrachte müde und zufriedene Abende mit S., ruhige Abende, wenn nicht gerade mein Nachbar wieder einen seiner Fernseh-Anfälle hatte. So vergingen die Tage, Woche für Woche, und nichts änderte sich außer den Details meines Arbeitstages, die Bars und Kneipen, in die wir abends gingen, und die Strecke des dünnen Lichts am Abend mit dem vergehenden Winter.
Es war ein altes Haus, und es war ein großes Haus. Die Innenhöfe waren eng und düster, und es stand an einer Schnellstraße und den Bahngleisen, die es von seiner Umgebung abschnitten, vom Park des nahen Schlosses, vom Fluss. Die Farbe der Wände war ein verwittertes Grau, wie das Grau des Betons alter Luftschutzbunker. Efeu überwucherte den einen gesamten Innenhof und zog sich gierig die Fassade empor und drang in die Ritzen und Fensterrahmen. Von den unteren Stockwerken konnte man den Himmel nur sehen, wenn man die Fenster öffnete und sich weit hinauslehnte und die Hauswand emporblickte. Sonst konnte man ihn nur ahnen, getragen von den letzten Fühlern seines Lichts, die herunter drangen.
Es war ein altes Haus. Die Balken waren morsch und trocken geworden, ihr Holz spröde, und die Wände und Decken waren so dünn, dass man dachte, mit einem Finger hindurchstoßen zu können, und aufpassen musste, wo man seine Füße hinsetzte.
Was das Haus füllte, war Lärm. Der Lärm von hundert unterschiedlichen Leben, die hier nebeneinander und alle zugleich über die Bühne gingen. Aus der Wohnung von unten plärrte der Fernseher den ganzen Tag und die halbe Nacht, aus dem Flur tönte laute Musik, über einem renovierten sie ein Zimmer und bohrten Löcher in die Wand (mit einer Bohrmaschine, nicht mit dem Finger); überall herum redeten und husteten und lachten und schrieen und weinten und stritten und liebten sich Menschen. Das Haus war ein Ameisenhaufen, in den man ein Stöckchen gebohrt hatte. Und wie ein Ameisenhaufen kannte es keine Ruhepausen. Irgendetwas geschah immer als nächstes und verschaffte sich Gehör. Es war kein Haus für die Ewigkeit. Aber es war der Ort, an dem ich vorerst lebte.


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