Mittwoch, September 19, 2007

Der Herbst meines Lebens

Ich schrieb hier eine Menge über den "Herbst meines Lebens", aber ich erklärte nichts davon. Daher (und da ich soeben wieder selbst über den Text gestolpert war, in den Tiefen meiner Festplatte) hier also der Ursprung dieses Ausdrucks, so, wie er mich vor einem Jahr angeflogen hatte:

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Der Satz kam mir unvermittelt in den Sinn:Dies war der Herbst meines Lebens.

Er stand plötzlich vor meinem geistigen Auge, fix und fertig, mit einem melancholischen Klang. Ich spürte, dass er wahr war. Er stimmte mich traurig, und zugleich war ich froh. Ich hatte den Winter meines Lebens bereits erlebt, in jenem kältesten Zeitalter meines Lebens, das ich in München verbrachte. Bei jeder Gelegenheit dankte ich Gott, dass dieses Zeitalter nur ein halbes Jahr gedauert hatte. Mehr hätte ich auch nicht überlebt. Nun also der Herbst meines Lebens. Es war Herbst, dort draußen in der Welt, und zugleich war Herbst in meinem Herzen, ein ganz anderer, noch melancholischerer, sonnigerer, längerer Herbst, in den Tiefen meiner Seele.

Der magische Wechsel der Jahreszeiten. Ich erinnerte mich, wie es früher gewesen war. Frühling, Sommer, Herbst und Winter hatten den Rang von gewichtigen Ereignissen. Jede Jahreszeit schien ewig zu währen.
Der Herbst badete uns in seinen goldenen Strahlen und der Pracht seiner Farben, und wir konnten uns an kein Vorher mehr erinnern. Er war da, und er war ewig.
Der Winter umhüllte uns mit seiner knackigen Kälte, den kurzen Sonnenstunden und dem Schnee, der sanft von den Zweigen der Bäume rutschte. Es war eine vollkommene Winterwelt, und es gab keine anderen Welten mehr.
Der Frühling brachte den Duft des neuen Anfangs, die knospenden Blüten und die sprudelnden Bäche, die das Schmelzwasser zu Tal trugen. Die Vögel kehrten zurück und sangen von den Verheißungen ferner Länder. Wir stürmten über die feuchten Wiesen und durch die wiedererwachenden Wälder. Es würde immer Frühling sein.
Der Sommer drückte mit der Wärme seiner Tage, an denen die Sonne brannte und wir uns in den Schatten der Bäume verkrochen. Wir spielten bis in die Nacht hinein, wenn es endlich wieder kühler wurde. Die Tage nahmen kein Ende. Die Nächte waren kurze Ruhepausen im Wirbel unseres Lebens.
Alles war magisch, alles hatte Bedeutung. Wir lebten in einer Welt, die eigens für uns geschaffen worden war. Es war eine unschuldige Zeit. Alles war absolut. Alles war, wie es war.

Heute sah all das anders aus. Der Zauber der Dinge war mit den Jahren verloren gegangen, in denen wir von anderen lernten, was das war und was es zu sein hatte, das Leben. Mein Bruder versuchte, die Unbeschwertheit wiederzuerlangen und studierte Schauspiel. Die Wiederverzauberung der Welt. Doch es war ein Kampf, und der Gegner war zäh. Die geschlossene Welt der Erwachsenen, wie sie zu sein hatte.
Ich suchte das Ziel in mir und in den anderen. Die Antworten wären in unserem Geist, in den Seelen und den Herzen zu finden. Und doch, auch mit den Antworten, die sich in jahrelanger Arbeit langsam aus dem Strom der Dinge kristallisierten, war die Qualität der frühen Jahre verschwunden. Wir hatten erfahren, was die Zeit war. Alles tanzte nun zu einem anderen Rhythmus. Auch wir.

Es war der Herbst meines Lebens.
Die Dinge änderten sich. Was gewesen war, endete und begab sich zur Ruhe. Das Laub meiner Vergangenheit wehte über die Wege, die ich als nächstes beschreiten würde. Es würde wieder einen Frühling geben, aber an anderer Stelle. Ich genoss die letzten Strahlen der Sonne, die dieses Leben erhellt hatte. Ich bemühte mich, ihre Wärme mit jeder Faser und Pore meines Körpers aufzufangen und tief in mir zu verwahren. Sie würde mich einige Zeit tragen müssen. Die Erinnerung war kostbar. Sie füllte mein Herz.

Dieser Herbst schien wieder ewig zu dauern. Es war der herbstlichste Herbst, den ich je gesehen hatte. Es war ein absoluter Herbst, ähnlich jenen meiner Kindheit. Er ragte aus dem Strom der Zeit und ließ sich von ihm umstrudeln. Er war, wie er war, und kein Ziehen, Zerren, Drücken und Drängen konnte auch nur ein Gran daran ändern. Seine Essenz war zeitlos. Es war, als hätte sich ein weiteres Auge in meinem Geist aufgetan, mit dem ich diesen Herbst – und NUR diesen Herbst, keine anderen Dinge – mit einer ungeahnten Frische und Schärfe wahrnehmen und seine Essenz, seinen Glanz tief in mich aufnehmen konnte. Ich trank das Licht, das durch die letzten Blätter der Bäume tröpfelte. Die Luft war feucht, von Nebel erfüllt. Die Nächte waren eisig kalt, die Tage sonnendurchglänzt. Es war, als würde dieser Herbst ewig dauern. Ich klammerte mich an ihn, zog mich hinauf an seiner Flanke. Der Herbst stand wie ein Fels. Ich trat mit ihm aus dem Zeitstrom. Er berührte mich nicht mehr. Nichts berührte mich mehr. Außerhalb der Zeit gab es nur noch das Jetzt und die Ewigkeit. Die Dinge waren genau so, wie sie waren. Nicht anders und nicht zu ändern. Wie sie sein sollten, wurde unwichtig. Wie ich sein sollte, war vergessen. Es war alles neu, und alles glänzte in jenem Licht, dass diesem und nur diesem Herbst so eigen war. Es war wie das Licht aus der Mitte der Welt, und wie dieses war es ein ewiges Licht.

Es war der Herbst meines Lebens. Es gab nichts anderes mehr.

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Eingestellt von MwaH Am/um

2 Kommentare:

Blogger realitaetsverlust meinte...

Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.

20 September, 2007 14:24  
Blogger realitaetsverlust meinte...

you name it.

20 September, 2007 14:25  

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