Sonntag, Juni 24, 2007

Mal wieder nach langer Zeit

Die letzten zwei Tage war ich krank. Ich wachte am Morgen des 22. auf, stürmte, von einem gnädigen Instinkt getrieben, ins Bad und schiss die Toilette voll. Danach alle zehn Minuten das gleiche. Dann wurde mir heiß und kalt, und mir wurde schwindlig. Mittags konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Also legte ich mich ins Bett, deckte mich zu bis zu den Ohren und fiel in eine Art Ohnmacht, die mich gnädig und freundlich bis zum Abend umfing. Ich war am Ende. Ich hatte Fieber, Schüttelfrost und Magenkrämpfe. Ich wurde zu schwach zum Gehen und zum Stehen, Liegen bekam ich gerade noch so hin, auch wenn mir jeder Muskel meines Körpers schmerzte. Ich aß nichts und trank nichts. Es ging mir beschissen. Ich dämmerte vor mich hin und wartete, dass irgendetwas anders wurde.

Das war dann wohl auch das Schlaueste, was ich machen konnte. Die Nacht verging unruhig, in schweißgetränkten Laken und mit viel Weh und Ach. Ich jammerte gerne, besonders wenn es Grund zum Jammern gab. Aber am nächsten Morgen war ich zwar nicht fit, aber wieder soweit hergestellt, dass ich feste Nahrung zu mir nehmen und, unter Einsatz einer Packung Immodium, auch bei mir behalten konnte. Am Abend spielte ich einen Gig in Freiburg, und ich spielte ihn nicht einmal schlecht. Der perfekte Musiker: Stöpselt mich erstmal ein, begraben könnt ihr mich später. Schickt den Scheck an meine arme Mutter. Wenn es denn einen Scheck gegeben hätte.

Letzte Nacht in Freiburg träumte ich dann von C. Nichts Besonderes, gerade genau die Dinge, die uns auch in unserer Beziehung immer so gefesselt hatten. Es ging um irgendeine Auseinandersetzung mit ihr und meinen Eltern oder so etwas. Das Übliche also. Dennoch dachte ich oft an sie. Sie fehlte mir sogar – der Mensch, der sie vor ihrer Arbeit gewesen war, der fehlte mir. Es hätte wohl niemals und unter keinen Umständen gut ausgehen können, das dämmerte mir langsam. Aber es war trotzdem eine traurige Geschichte, und wir hatten viele gute Zeiten und Dinge erlebt, auch wenn die im Trott des immer gleichen Zwistes zuletzt etwas untergegangen waren. Dennoch verdankte ich ihr viel, so wie sie mir viel verdankte. Und ich dachte an sie und war traurig, denn es war eine gute Zeit gewesen, und wir hatten uns einmal geliebt, und dann waren wir gute Freunde gewesen, und nun waren wir gar nichts mehr.

Life was the hardest thing.

Alles Leben war Leiden. Alles Erleben war Leiden. Ich wusste es, aber es änderte keinen Deut an dem, was ich fühlte und was ich erlitt. Es waren nicht einmal große Katastrophen, die mich bestürmten, nur kleine Alltäglichkeiten, wie sie in jedem Leben auf dieser Erde dutzendfach auftraten. Doch mit den großen Katastrophen konnte man anders umgehen, ihre Einmaligkeit rechtfertigte das Leid, das man empfinden mochte. Die kleinen Katastrophen jedoch machten uns hilflos. Wir litten, und nichts rechtfertigte unseren Schmerz, außer der Tatsache, dass wir am Leben waren. Und das änderte sich selbst dann nicht, wenn die Katastrophen eigentlich unserem Leben dienlich sein mochten.

Noch dazu war ich zwischen zwei Städten hin- und hergerissen. Meine Heimat mochte in Konstanz sein, einstmals und wieder, doch auch in Freiburg hatte ich es in meiner kurzen Zeit dort geschafft, so etwas wie ein Leben aufzubauen. Ich hatte es gestern Abend gemerkt. Ich spielte den Gig nicht einfach nur mit irgendwelchen Musikern, sondern ich spielte mit Freunden, denen ich mich verbunden fühlte und die Anteil nahmen. Diese Verbundenheit war der letztliche Grund gewesen, warum ich den Weg über den Schwarzwald auf mich genommen hatte; ihre Anteilnahme gab mir die Standhaftigkeit, den Abend durchzustehen.

Auch die Stadt selbst rührte mich jedes Mal, wenn ich wieder dort war. Es war ein wunderbarer Ort am Ende der Welt. Wo Konstanz eine Öffnung und ein Beginn gewesen war, oder, wie jetzt, ein Zwischenstadium, da war Freiburg zwar eine Sackgasse – für mich und mein Leben war es das tatsächlich in jeder Hinsicht gewesen. Doch war es eine der schönsten Sackgassen der Welt, und ich genoss es, über den Schwarzwald dorthin zurückzukehren, am Tag über die KaJo zu schlendern oder an der Dreisam zu flanieren und am Abend durch die Kneipen zu ziehen. Ich kannte die Straßen und Wege und meine alten Orte und die Ansichten, die sich mir boten. Nichts überraschte mich, und alles war bekannt. Ich ging durch die Stadt und hatte das Gefühl von Zuhause. Nicht von Heimat, wie am See, aber von jener tiefen Vertrautheit, die sich manchmal in unseren Herzen einstellt, wenn wir einen Ort einmal in jenen Bereich einlassen, der sonst den Menschen vorbehalten ist. Freiburg war ein wunderbarer Ort, und eigentlich war an ihm nichts verkehrt gewesen. Es war nur das falsche Leben an diesem Ort gewesen.

Ich war nun vorerst wieder Konstanzer, daran war nicht zu rütteln, noch wollte ich es. Aber ich hatte nun noch einen weiteren Ort in meinem Leben, und ich würde ihn auch noch kennen und schätzen, wenn ich in zwanzig Jahren dorthin zurückkehren würde, und das war eine verrückte Sache.

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Eingestellt von MwaH Am/um

1 Kommentare:

Blogger JRintheCorner meinte...

Schön, endlich wieder von Dir zu lesen. Vielleicht hat sich mit der Krankheit ja nicht nur Dein buchstäblich Inneres in Bewegung gesetzt!
Las den Eintrag nach einer Bahnfahrt, die ich unter anderem mit Murakamis "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" verbrachte. Das ist ja mal noch "much more hardboiled" als einige seiner Bücher. Empfehle "Familiensache".
Aber eigentlich wollte ich damit nur sagen, dass ich gut eingestimmt war und Du diese Stimmung in Deiner eigenen Weise gut fortführtest!

JR

25 Juni, 2007 20:48  

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