Donnerstag, Mai 03, 2007

Verbrannte Schiffe

Heute in Konstanz kam mir von einer Sekunde auf die andere zu Bewusstsein, dass nun alles vorüber war, jedenfalls alles, was ich gekannt und geliebt hatte. Ich konnte nicht mehr zurück. Es war vorbei und geschehen. Ich konnte es noch immer wertschätzen und daraus Kraft schöpfen, doch das alles lag nun hinter mir. Wie die Armee Cortez’ fand ich mich an einem fremden Gestade, und meine Schiffe hinter mir lagen bereits in Flammen, glichen bereits kaum mehr dem, was sie einst waren, schwelende Aschehaufen nun, zerstörte Überreste einer anderen Zeit. Und wie Cortez konnte ich nun nur noch vorwärts gehen, weil es ein Zurück nicht gab – und nie gegeben hatte. Das Reich der Vergangenheit erstreckte sich nur in unseren Köpfen und hatte nur dort Realität; doch das Reich des Jetzt lag offen vor uns, sofern wir den Mut hatten, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Ich plünderte die Wracks meines bisherigen Lebens und setzte dann dazu an, sie hinter mir zu lassen. Ich würde sterben müssen und neu geboren werden, soviel war mir klar. Der Mensch, der ich gewesen war, hatte ein Leben gelebt; mit dem Ende dieses Lebens starb dieser Mensch, langsam, nach und nach, und ging in Rauch und Asche auf, in Luft, und hinterließ nur das, was der andere, der neue Mensch, in einem neuen Leben mit sich auf die Reise nehmen würde, teil freiwillig, teils unfreiwillig. Es würde nicht der Tod des Körpers sein, denn der Körper war stark und hatte alles andere vor, als zu sterben, sondern es würde der Tod des Geistes sein, ein Abschiednehmen und ein Neubeginn, wie es dem Tode innewohnt. Erst der Tod würde mich wirklich schätzen lassen, was ich an mir gehabt hatte. Erst dieser Tod würde aber auch den Weg freimachen zu einem anderen Umgang mit dem Leben, mit meinen Talenten und meiner Zeit, der Zeit, die dieser Körper hatte, der ich war. Erst der Tod gebar neue Ideen. Die alten starben mit jenen, die sie geboren hatten.

So dachte ich, inmitten der Nacht, in den Ruinen meines vorherigen Lebens. Wenn ich mich anschaute, hatte ich allerdings eher den Eindruck, dass Cortez’ Truppen es sich am Strand gemütlich gemacht hatten. Sie blickten sehnsuchtsvoll zurück gen Spanien und feierten mit der Kohle der verbrannten Schiffe Barbecue. So jedenfalls hatte ich die letzte Zeit gelebt, und viel zu lange schon. Das stand fest: So wie ich es anging hätte niemand Tenochtitlan erobert. Zeit aufzubrechen.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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