Menschsein, unter anderem
Ich kehrte dahin zurück, wo ich ebenfalls gute Stunden zugebracht hatte – ins Voglhaus. Schön war’s, und sicherlich produktiver als mein Rumgesitze in der Uni-Bib. Entweder hatte mein Betreuer etwas durcheinander gebracht, oder ich stellte mich bei der Literatursuche an wie der letzte Idiot. Beides war möglich. So oder so kam ich allerdings nicht besonders voran mit meinen letzten Baustellen. Nun, jetzt war ja erstmal was Anderes dran.
Ich war auf den letzten Metern, aber es kümmerte mich nicht die Bohne. Ich war gedanklich schon ganz woanders. Die Diplomarbeit würde schon gut ausgehen, wen interessierte’s noch. Mich nicht mehr.
Stattdessen machte ich mir Gedanken, was ich mit meinem verkorksten Leben anfangen wollte. Gut, immerhin, ein Diplom hatte ich jetzt. Das konnte ich mir rahmen lassen und an die Wand hängen. Nur: welche Wand? Tatsächlich hatte ich außer zwei Saxophonen und einem gut gefüllten Kleiderschrank nach 26 Jahren Leben nicht viel Anderes vorzuweisen. War ein bisschen dürr, die Bilanz. Gut, ich hatte die ideellen Dinge, die Erinnerungen und Erfahrungen nicht miteinberechnet. Ideell war ich ein reicher Mann! Prima war das. Nur musste ich mich jetzt langsam mal in klingende Münze umsetzen, jedenfalls entsprechend meiner Bedürfnisse. Nun, man würde sehen, und ich kam voran.
Im Voglhaus hatte sich nicht viel verändert, außer der Deko und den süßen Bedienungen. Die Erinnerungen wuchsen, je länger sie zurücklagen, bis sie alles überschattende Gewächse des eigenen Geistes waren, die zwar noch im Erlebten wurzelten, aber mehr auch nicht mehr. Wenn man dann zurückkehrte, so lief man Gefahr, enttäuscht zu werden. So war das im Leben, und so war es heute. Aber auch das interessierte mich nicht besonders. Es war eben, wie es war. Ich hatte aufgehört, mich über mein Leben und seine Irrungen und Wirrungen und Enttäuschungen und alles andere aufzuregen. Es lohnte nicht. Außerdem, wenn ich jetzt anfing, mich aufzuregen, in der Situation, in der ich nun mal war, dann wusste ich nicht, wo ich wieder aufhören würde. Also riskierte ich es lieber nicht und blieb cool. Es war sowieso was Schönes, mal wieder cool zu sein. Es war lange her.
Eine Taube hatte den Saloon betreten. Die Mädchen stürzten sich zu zweit auf sie und zwangen sie damit, ihre Pläne zu überdenken. Mit heftig nickendem Kopf machte sich der Vogel wieder davon. Was den Unterschied zwischen Menschen und Tauben deutlich genug illustrierte: hätten sich die zwei Süßen auf mich gestürzt, wäre ich sitzen geblieben. So konnte nur herzlich lachen, worauf sie mir etwas weniger herzliche Blicke zuwarfen. Die Taube jedenfalls, so vernahm ich später, war sowas wie ein Stammgast oder versuchte es zumindest zu werden, genau wie ich damals. Nur im Gegensatz zu mir war sie nicht willkommen. Sie flog zuviel herum und kackte auf den Fußboden. Auch bestellte sie zuwenig, im Gegensatz zu mir. Ich war ein ganz Schlauer, und ich konsumierte gern. Dennoch betrachtete ich die Taube als einen Bruder im Geiste. Nicht jedem war das schöne Voglhaus eröffnet. Bei allen Fehlern, Fragen, Hindernissen und Unsicherheiten, ein Mensch zu sein hatte unbestreitbar auch seine Vorteile.
Irgendwann überkam mich der Geist des Ortes. Die alten Chansons, das Murmeln der Menschen und das Fauchen der Espressomaschine, und hoppla!, war ich wieder in meinem Element. Das Caféhaus als Idealzustand. Gebt mir eine Bar dazu, und ich würde nie mehr woanders hinkommen. Ich war der perfekte Caféhaus-Genießer. In einem früheren Leben musste ich ein Vollautomat gewesen sein. Ich wollte nachrechnen, ob das rein historisch gesehen überhaupt möglich war, aber dann interessierte es mich doch nicht so sehr. Die Idee war es, auf die es hier ankam, die reine, unverfälschte Idee... Und so gab ich auch der aktuellen Version des Voglhauses 97 von 100 möglichen Punkten. It was a swell place.
Labels: factual, general thoughts


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