Montag, April 16, 2007

Die Seele einer Stadt

Reisen bildete, und jede Reise bildete einen auf eine andere Weise. Jede Reise hatte mich auf eine andere Weise verändert. In England begegnete ich der Verliebtheit. In Rumänien lernte ich, was Leidenschaft war, im Guten wie im Schlechten. In Frankreich lernte ich die Arroganz und die Freundschaft kennen. Auf Sizilien begegnete mir tiefe, echte Verbundenheit, und in der Schweiz verstand ich, wie sich Einsamkeit anfühlte, selbst inmitten von Menschen. Ungarn zeigte mir, wie man wirklich feierte, und in Italien sah ich, was Licht auch noch sein konnte – das wahre, wirkliche Licht, nicht das, was man in Deutschland (jenseits von Konstanz) im Allgemeinen dafür hielt.

Was ganze Länder tun konnten, schafften Städte manchmal auf eine noch pointiertere Weise. London war Eleganz und Rastlosigkeit; Oxford Gemütlichkeit und Ruhe. Satu Mare war Verfall und ein Ende, dem damals noch kein neuer Anfang gefolgt war; Klausenburg der erste Beginn eines neuen Frühlings. Paris war Paris, und ich könnte nichts sagen, wie man ihm mehr gerecht würde. Biarritz war unser Tor zu den Pyrenäen und damit dem Frieden, den wir dort fanden, versteckt in einem Hochtal. Palermo war das Paradies und der Moloch Stadt, wie ich ihm seitdem nicht mehr begegnete. Es war dort von allem genug, und damit vom meisten zuviel. Budapest war ein Fest, und die Städte Norditaliens waren Theaterbühnen, die auf das nächste Stück warteten, mit jener Geduld, wie sie die Jahrtausende hervorbringen, und nur sie. Sie badeten im Licht wie Eidechsen, und eine seltsame Schwere überkam jeden Tag und jede Stunde zwischen Morgen und Abend. München schließlich war einsam, und sein Herz war so kalt wieder der Winter, den ich dort verbrachte.

Nun also Berlin. Ich kam hierher, um alte Bande wieder aufzunehmen, und fester zu knüpfen, was die Zeit zertrennt hatte. Berlin war eine chaotische Stadt, groß und laut, und soviel grüner als ich erwartet hatte. Auf eine seltsame Weise war es wie heimzukommen, als hätte ich diesen Ort schon gekannt. Seine Dimensionen erschienen mir vertraut, und ich genoss den Duft der sonnenwarmen Luft. Ohne einen Übergang oder einen Bruch fügte sich Berlin in mein Leben, wie aus einem Stück.

Ich besuchte keine einzige Kirche. Im Nachhinein wunderte ich mich, warum, aber im Nachhinein wunderte ich mich über viele Dinge, über die einen mehr, über die anderen weniger. Für gewöhnlich, so fand ich, waren Kirchen die Orte, an denen und um die herum sich die Seele einer Stadt feststellen ließ; jener Teil der Seele, der der Ruhe und der Hingabe bedurfte. Vielleicht war es, weil ich diese Stadt durch die Herzen der Menschen erfuhr, die ich dort traf, die sich mir öffneten und denen ich mich öffnete, und ich mich so wohl fühte dort mit ihnen. Die Ruhe war im Herzen, und so brauchte ich keine Kirchen. Da war viel freundliches Schweigen in dieser Woche, von jener Art, die gut tat und mehr sagte als Worte.

Letztendlich war es wohl egal, wo man sich befand. Worauf es tatsächlich ankam, waren die Menschen, denen man begegnete, und mit denen man das teilte, was wir alle gemeinsam hatten, dies seltsam’ Ding genannt „Leben“. Der Ort war wundervoll - doch von wirklicher Bedeutung war, was wir im Herzen trugen. Die Seelen der Stadt waren nicht nur in den Steinen ihrer Gegenwart und Vergangenheit zu finden. Sie waren in dem, was wir mitbrachten, und in dem, was wir mitnahmen.

Gedanken, die mir auf dem Rückweg kamen.

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Eingestellt von MwaH Am/um