Zeit des Erwachens, mal wieder
Irgendwann endete es. Das hatte es bisher immer. So auch dieses Mal. Mir war, als tauchte ich langsam aus einer langen, dunklen, tiefen Nacht wieder an die Oberfläche des Tages. Der Traum verblasste nach und nach. Es waren dumme Träume, die ich träumte in diesen Zeiten. Ich sah nur mich, mich, und wieder mich. Es war wie Gefangenschaft in einem Spiegelkabinett. Ich vergaß die Welt, die Menschen und die größeren Zusammenhänge. Ich tat auch nichts Sinnvolles mehr. Ich suhlte mich in diesem Zustand, solange er dauerte, und begrüßte sein Ende, wenn es schließlich kam. Auch heute.
Mittlerweile war ich 26 Jahre alt geworden, aber nicht klüger. Manche Veränderungen geschahen langsam, unmerklich, andere über Nacht. Ich begann wieder Hemden zu tragen. An besonderen Tagen konnte man mich sogar mit einer Krawatte erwischen. Ich hatte die fixe Idee, nun seriöser werden zu müssen und, besser noch, zu wollen. Die Sonne versank an diesem Abend blutrot am Horizont. Ich betrachtete den Anblick über eine Wiese hinweg, auf dem ein Paar Störche seine Abendmahlzeit zusammensammelte. Er war schrecklich anzusehen, wie eine blutende Wunde am Himmel, gefurcht und voller Schmerz. Der Sonnentod. Es war wundervoll. „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen können“. Hatte Rilke das gesagt? Er musste eine Menge Sonnenuntergänge jeglicher Art gesehen haben. Immerhin war er ein Poet. Es gab Erwartungen zu erfüllen.
Rilke hatte in Paris gelebt. Auch Freiburg erinnerte mich an Paris. Der Wind an diesem Abend war sanft und mild. Es hatte geschätzte acht Grad. Für Ende Januar war das nicht schlecht. Ich sah die Stadt wieder mit unverbrauchten Augen, frisch und neu. Ohne vorgefasste Meinungen. Und sieh da: sie gefiel mir.
Konstanz war mir damals wie das Ende der Welt vorgekommen. Es lag hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Freiburg war größer und offener, reicher auf seine Weise. Auch deutlich französischer, wo Konstanz Italien geglichen hatte. Dennoch erschien mir Freiburg abgelegener: in der äußersten Ecke des Landes, am Rand des Schwarzwalds. Wo Freiburg ein neues Ende war, da war Konstanz eher ein Anfang gewesen, mit einem weiten Blick über den Seelenspiegel des Bodensees. Die Welt lag offen. Der Blick vom Ufer reichte weit, so weit. Jetzt waberte der Nebel über den Tälern, und alles was ich zu Gesicht bekam war grau; oder der dunkle Schatten des Waldes an sonnigen Tagen. Am Horizont in die andere Richtung waren die Vogesen, aber das war eine andere Welt. Nicht die meine. Das mochte seltsam erscheinen, aber so war es.
Ich hatte zuviel Zeit allein verbracht. Wenn ein Mann zu lange auf den gleichen 15 Quadratmetern sitzt, wird er rammdösig. Ich zumindest wurde es. Ich ging dann irgendwann auf Autopilot, und die oben geschilderten Konsequenzen ergaben sich. Man wurde dumm, und man merkte es noch nicht einmal.
Im Cafe verstanden sie mich miss. Ich machte gute Miene zum versehentlichen Spiel und trank ein weiteres Bier, das sie mir gebracht hatten. Die Bedienung war eine Süße, mit allen Rundungen am richtigen Fleck und im richtigen Maß. Mir gefiel der Anblick. Schönheit mochte ich. Also was sollte es. Ich hatte ohnehin schon ein bisschen zuviel getrunken, mit meinem Bruder zusammen, und nun würde ich eben noch ein Bier trinken, und dafür den Rest der Woche nichts mehr oder jedenfalls weniger. Dementsprechend fiel mir ein, dass die vierziger Jahre eine verrückte Zeit gewesen sein mussten, jedenfalls wenn man die Marlowe-Romane Chandlers für bare Münze nahm. Alle hatten gesoffen, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und es war das Normalste von der Welt gewesen. Heute war man da gesundheitsbewusster. In der Konsequenz hatte ich oft ein schlechtes Gewissen. Nun gut, das Leben forderte seinen Preis. Zahlen mussten wir alle.
Labels: general thoughts, meditations


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