Vom guten Leben
Ich war mir nicht sicher, ob es sich behaupten ließ, ein Mensch lebte schlecht. Ich war mir allerdings sicher, dass sich Menschen, die gut lebten, von uns anderen unterscheiden ließen. Sie verspürten Freude, und sie gestanden sich und anderen diese Freude zu. Freude, am Leben zu sein, und Freude über die Möglichkeiten dieses Lebens.
Es hatte keinen Sinn, sich zu betäuben. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als sei das eigene Leben ein anderes als jenes, das uns tagtäglich vor Augen war. Es hatte auch keinen Sinn, vor dem was uns umgab wegzulaufen – besonders vor dem wegzulaufen, was uns gerade jetzt umgab. Ich wusste, wovon ich redete. Ich war heimlicher Meister in allen genannten Disziplinen, aber ich war Goldmedaillen-Träger in der letzten. Es gab viele Möglichkeiten, das eigene Leben nicht anzuschauen, und ich kannte sie alle, plus die anderen, die es außerdem noch gab. Das Leben war kein Zuckerschlecken. Es war aber auch keine Qual, außer man machte es dazu. Das hatte ich falsch verstanden. Ich lief davon, sobald es einmal kein Zuckerschlecken war, was meistens der Fall war. Es gibt immer Dinge zu tun, die man nicht tun will, oder Pflichten zu erfüllen, die man nicht erfüllen will. Aber das war keine Qual. Es war das Leben, wie es in diesen Augenblick eben war. Wünschen nützt dir nichts, hadern nützt dir nichts, und weglaufen nützt dir erst recht nichts. Wer kann schon vor sich selbst davonlaufen? Das eigene Leben folgt einem wie der eigene Schatten, selbst wenn man auf der Flucht Freunde, Bekannte, Rollen, Kontexte und Kontinente überwindet. Unser Leben steckte in unseren Knochen, und wir würden dasselbe Leben wieder schaffen, nur unter anderen Vorzeichen. Oh, man konnte sich verändern, ganz richtig – aber gerade daran lag es: man änderte entweder sich selber, seine Art und Weise, mit dem Leben umzugehen, oder man änderte überhaupt nichts. Das waren die Optionen, die uns offen standen. Eine führte in die richtige Richtung, und der Rest waren eine Million möglicher Irrwege, die uns doch immer wieder auf uns selbst zurückwarfen. Ich fühlte mich befugt, über sie zu sprechen, denn ich war viele von ihnen selbst gegangen.
Labels: general thoughts


1 Kommentare:
Schön wieder von Dir zu hören. Wie immer erfrischend, anregend und ...andres! Asita
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