Erwachsenwerden in Amerika
Ich jedenfalls fühlte mich wohl an diesem Ort. Das tägliche Sankt Georgen war ungemein ländlich. Bei Nacht lag es einsam und isoliert in den Weiten der endlosen Prärie der Seele, so wie die Menschen nachts alleine auf den Planeten ihres eigenen Seins durch die Unendlichkeit des eigenen Geistes rotierten. Vielleicht war es bei Nacht ein Spiegel, der mir die weiten Strecken zwischen den Stationen meines eigenen Herzens zeigte.
Wir hatten an diesem Wochenende unseren ersten Besuch von außerhalb empfangen. Ganz offizielle Gäste in der ganz offiziellen Version unseres ganz neuen Lebens. Es war aufregend, und es war vollkommen neu. Wir taten keine außergewöhnlichen Dinge, entfalteten keine außergewöhnlichen Aktivitäten und standen vor keinen besonderen Herausforderungen – aber wir hatten neue Rollen, wie sie einem im Laufe der Entwicklung des eigenen Lebens zufallen, und wir streckten und dehnten uns in ihren noch ungewohnten Hüllen und versuchten sie auszufüllen, mit einer gewissen Freude und Spannung und einer glücklichen Unruhe in den Herzen. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, an jene Wochenenden, jene Abende und Nächte, wenn meine Eltern Freunde aus ihrer Studienzeit einluden, und das ganze Haus voller Erwachsene war, die wir nicht immer kannten und die neu und unbekannt und aufregend waren, und groß gekocht und gegessen wurde; und wenn es dann für uns an der Zeit war, ins Bett zu gehen, öffneten die Erwachsenen noch eine Flasche Wein, und wir hörten durch die geschlossenen Türen unserer Zimmer, wie sie sich unterhielten über Dinge, die wir manchmal verstanden und öfter nicht, und wir hatten diese Ahnung einer anderen Welt, die da in dieser weit entfernten Zukunft lag, uns noch so weit voraus, und die dennoch so spannend und begehrenswert im Grau des Kommenden lockte, jene Welt des lange Aufbleibens, des Weintrinkens, des lauten, glücklichen Lachens über vergangene, geteilte Geschichten, die wir erst noch erleben mussten, und der Gespräche über jene komplizierten Dinge, die Erwachsenwerden bedeuteten.
Als wir am späten Samstagabend bei der zweiten Hälfte einer Flasche Wein und einem hervorragenden Whisky auf dem Sofa in unserem neuen Wohnzimmer beisammen saßen (und, typisch Psychologen, nicht nur über unsere geteilten Geschichten, sondern auch über das komplizierte Verhältnis zwischen dem Weltbild der Systemischen Therapie und des Zen-Buddhismus sprachen, ausgerechnet), da merkte ich, wie wir nun diese Rolle ausfüllten, die unsere Eltern damals gefüllt hatten, dass sie uns an dieser Stelle unseres Lebens in den Schoß zugefallen war, und mit einem Mal kam ich mir ziemlich alt vor – alt genug jedenfalls, um zu sagen, dass die unschuldigen und träumerischen Tage meiner Kindheit nun endgültig vorüber waren.
(Manche merkten das früher. Ich merkte es immer wieder.)
Labels: general thoughts, meditations, places


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