Dienstag, November 28, 2006

Momentaufnahme

Ich breitete den Mantel des Schweigens über den letzten Abend. Dieses Mal hatte die Session im Roots das Niveau der Übungsstunde einer Schülerband. Die jungen Musiker sahen sogar genau so aus. Sie hatten keinen Pep und keine Klasse. Sie konnten ihre Instrumente zwar spielen, aber sie fanden nicht zusammen. Sie würden niemals zusammenfinden. Das war deutlich zu sehen. Also verlegte ich mich an diesem Abend aufs Biertrinken und quatschte mit den Typen auf dem Hocker neben mir. Er war Gitarrist und somit wie ich Mitglied der weltumspannenden Familie der im Grunde überflüssigen Musiker. Es gab zu viele von uns. Niemand brauchte so viele Saxophonisten und Gitarristen. Zum Glück fragte das Leben nicht nach dem Sinn, und so existierten wir dennoch, um in anderen Gefilden unser Glück zu versuchen. Er würde sein Glück als Produzent versuchen, und ich – nun, ich hatte nach wie vor keine Ahnung.

Eigentlich hatte ich an diesem Abend aber keine Lust, neue Leute kennenzulernen. Ich hatte nichts gegen sie, aber sie berührten mich auch nicht sonderlich. Ich war ich und die Leute waren die Leute, so einfach war das. Ich musste sie nicht kennen. Wir konnten nebeneinander existieren ohne uns wehzutun. Es fühlte sich so an, als würde sich mein neues Leben in einiger Hinsicht grundlegend von meinem alten unterscheiden. Mir schienen plötzlich andere Dinge wichtiger zu sein und in den Vordergrund zu rücken. Alles andere hatte Zeit. Ich würde meine alten Gewohnheiten und Vorlieben nicht aufgeben, aber sie konnten warten. Ich konnte sie langsam angehen. Dazu gehörte das Sitzen in den Cafés, der Jazz, das Nachts-Denken-und-lange-Aufbleiben, das Trinken und auch manche Arten des Schreibens. Es war gut zu wissen, über ein paar Gewohnheiten und Fähigkeiten zu verfügen, aber ich musste mich ihrer nicht mehr versichern. Ich konnte auch einen ganzen Abend dasitzen und einer mittelmäßigen Band beim Schrammeln zuhören. Ich musste nicht spielen. Es war völlig in Ordnung so. Auch wenn es mit besserer Musik natürlich besser gewesen wäre.

Dieser Morgen war schwierig gewesen. Ich wurde älter oder irgendwas in die Richtung. Ich steckte die kurzen Nächte jedenfalls nicht mehr so einfach weg wie früher. Ich quälte mich nach der kurzen Nacht um zehn aus dem Bett und trank die nächste Stunde einen Kaffee nach dem anderen. Es war Herausforderung genug, den Becher zu halten und mir das heiße Getränk einzuflößen. Irgendwann kehrte das Leben in meinen Körper zurück, ich bekam wieder ein Gefühl für meine Gliedmaßen und schaffte es sogar zu frühstücken. Aber darum geht es eigentlich nicht, sondern hierum:

die Kontinuität von Entwicklung und Erleben.

Aber dazu muss ich kurz noch ausholen. Einige Minuten vor eins schaute ich aus dem Fenster zur Kirche und traute meinen Augen nicht. Die beiden Dorfstörche hockten Seite an Seite einträchtig auf dem Kreuz, das die Kirchturmspitze krönte. Die beiden riesengroßen weißen Vögel saßen einfach da, auf diesem winzigen Gipfelkreuz, kratzten sich ab und an am Bauch und ließen sich die Sonne aus Gefieder scheinen. Es war ein klarer Tag, nur ein bisschen diesig am Horizont, und die Aussicht, die sie hatten, war sicherlich hervorragend. Als Alteingesessenen ließen sie sich auch von der Kirchturmuhr nicht aus der Ruhe bringen, als die ein Uhr schlug. Was mir aber vor allem klar vor Augen stand, als ich diese beiden Vögel da so nahe beieinander sitzen sah, war die Atmosphäre der Zuneigung, die zwischen diesen beiden Tieren herrschte. Wir Menschen tendieren immerzu zu zwei Extremen, zwischen denen wir hin und her pendeln wie ein angeschlagener Kreisel: entweder wir sprechen den Tieren die selben Eigenschaften und mentalen und kognitiven Fähigkeiten zu wie uns selbst, oder wir sprechen ihnen jegliche von uns bekannten Eigenschaften ab. Das erste vielleicht aus dem Bemühen heraus, in der Welt nicht allein zu sein und die Tierwelt, die uns umgibt, besser zu verstehen; das zweite aus einer übertriebenen Wissenschaftlichkeit, für die nichts sein kann, was nicht mehrfach bewiesen und beglaubigt ist, in dreifacher Ausfertigung und mit Stempel und Siegel der höchsten Stelle der Objektivität. Ich hingegen denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Unsere Hunde, Katzen und Meerschweinchen, und die Drosseln uns Stare und Störche und alle anderen denken nicht wie wir. Wir denken in Symbolen, in Repräsentationen, in Abstraktionen, auch wenn das beim Anblick bestimmter unserer Mitmenschen manchmal zugegebenermaßen schwer zu glauben ist. Das ist es, was das menschliche Denken ausmacht, was seine Potenz und seine Crux ist, sein Erfolg und sein Verderben. Aber unter diesem spezifisch menschlichen Denken liegen unsere Erbschaften aus Jahrmillionen der Evolution, „wie oben, so unten“, wie es heißt. So wie unser Denken nicht völlig aus dem Nichts kommt, wenn es diesen Grad der Ausprägung auch erst mit dem „modernen“ Menschen, de Homo Sapiens, erreichte, sowenig kommt unsere emotionale Ausstattung, die noch um einiges älter ist, aus dem Nichts. Tiere haben wahrnehmbare, von außen klar unterscheidbare Emotionen und emotionale Zustände. In jenem Moment, als ich die beiden Störche, dieses Storchenpaar, da vor mir auf der Kirchturmspitze sitzen sah, dachte ich mir, ihre Zuneigung zueinander spüren zu können. Dass ich ein sprachloses Gefühl von Liebe zwischen diesen Tieren wahrnehmen konnte, eine tiefe Eintracht, die diese beiden miteinander verband.

Wir stehen in einer Kontinuität des Lebens und des Er-Lebens, die wir allzu oft vergessen und übersehen. Wir stehen nicht im luftleeren Raum. Wir sind nicht aus einem Nichts geschaffen worden. Wir existieren nicht unbezogen in dieser Welt. Wir sind ein Teil des Lebens auf diesem Planeten, auch wenn wir uns in kognitiver Hinsicht vielleicht signifikant vom Rest des Lebens unterscheiden. Aber das negiert nicht unsere Bindungen und unsere Herkunft. Wir sind ein Teil des Ganzen, auch wenn unser Bewusstsein uns die Illusion der Abgetrenntheit und Verschiedenheit vorgaukelt, die durch das Gefangensein im eigenen Körper entsteht. Doch die Verbindungen zum Rest des Lebens durchziehen und durchdringen alles. Sie definieren unsere Verantwortungen in diesem Leben.

Ich blickte zu den beiden Störchen auf dem Kirchturm und fühlte mich ihnen tief verbunden. Ich war in einem neuen, anderen und doch immer gleichen Leben, meinem Leben, angekommen, vieles würde sich weiterhin ändern, vieles bliebe gleich. Das was uns im innersten Kern ausmachte, was, unter allen Schichten des Bewusstseins, unser menschliches und jedes andere Leben ausmachte, würde jedoch immer das gleiche bleiben. Aus dieser Gewissheit heraus konnte man leben. Und diesen Kern, und sei es nur in Fragmenten, in Worte zu fassen, ihn erfass- und begreifbar zu machen, war vielleicht die tiefste und immerwährende Aufgabe des Schriftstellers.

Nach allem was ich wusste saßen die beiden Vögel noch immer entspannt dort oben. Der Gedanke tat gut.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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