Dienstag, November 21, 2006

Meditations

In einem neuen Leben probierte ich neue Dinge. Ich hatte mir ein paar Regeln fürs Leben gegeben. Jetzt probierte ich sie aus.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das dem Zen zugrunde liegende Prinzip war mir schon lange klar, wahrscheinlich klarer als den meisten Zen-Praktizierenden selbst. Es geht darum, das Bewusstsein zu öffnen, und zwar sowohl für den jeweiligen konkreten Augenblick als auch für die Automatismen und Abläufe im eigenen Geist. Natürlich bekam ich dennoch eine zehnminütige Einführung ins Zen, die mich zu Tode langweilte. Aber ich befand mich auf unbekanntem Grund, und ich schwieg.

Wie soll man anfangen, über Zen zu schreiben? Das Zen-Dojo Freiburg war ein kleiner Raum, nichts Großartiges oder Überwältigendes, nicht einmal etwas besonders Erhabenes. Ein kleiner Raum und ein Vorraum, mit Parkett ausgelegt, ein paar Kalligraphien und Buddhas an den Wänden, eine Garderobe, Sitzmatten und –kissen in einem Gestell an der Wand. Dennoch mutete mir der Raum fernöstlich an. Alles war sauber, alles war ordentlich, und alles schien eine wie auch immer geartete Bedeutung zu haben. Ähnlich wie in den japanischen Künsten, der japanischen Küche und den japanischen Umgangsformen war auch hier nichts Überflüssiges. Alles war Teil der größeren Zeremonie und der größeren Bedeutung. Es erschien mir zuerst leicht lächerlich, diese Bedeutungen und Zeremonien von Deutschen durchgeführt zu sehen, mit einer gewissen Anmut zwar, aber auch mit jenem Bierernst, zu dem wir als Volk auf irgendeine Weise prädestiniert zu sein scheinen. Aber sie taten es mit solchem Ernst und, wie ich zugeben muss, so wenig Künstlichkeit, dass ich es bald vergaß – sowieso machte ich gute Miene zu ihrem Spiel, denn ich wollte nun wissen, wie es wäre, das Zen. Es war nun einmal die Welt dieser Zen-Praktizierenden, in der ich nur Gast war. Ich hatte meine Meinung zu ihnen, aber ich musste sie ja nicht auch noch äußern.

Es war eine schweigsame Gruppe. Ich wurde nett empfangen und eingeführt, aber dennoch blieb mir das Gefühl, dass jeder ein wenig bei sich blieb, so als wäre es ihm ein wenig peinlich, hier mit den anderen zusammen diese ungewohnten Übungen aus einem fernen Land zu vollziehen.

Wie soll man anfangen über Zen zu schreiben? Man sitzt und starrt die Wand an. Das ist kein Witz, wir saßen tatsächlich alle mit dem Gesicht zur Wand, wofür ich aber auch dankbar war, denn das Sitzen fällt einem schwer genug, ich musste dabei nicht auch noch die Gesichter anderer mehr oder minder Versunkener vor mir sehen. Die Wand reichte mir vollkommen. Sie lenkt einen zudem nicht ab von dem Unsinn und dem Leiden des eigenen Geistes. Denn das ist es, was es in erster Linie ist: eine Rosskur für das Bewusstsein. Wir saßen dort zweimal eine halbe Stunde, und schon nach wenigen Minuten verlor ich das Gefühl für die Zeit und mein Geist ging auf Wanderschaft. Immer wieder kehrte ich wieder ins Hier und Jetzt zurück, und immer wieder floh meine Aufmerksamkeit in Tagträume... Darum geht es: die Tagträume, das müßige Ablenken, Herumgeistern und Imaginieren zu erkennen und vorüberziehen zu lassen. Nicht darum, es zu verurteilen, zu verdammen oder zu verhindern, denn das ist schlechterdings unmöglich, das Hirn lässt sich sowenig anhalten wie das Herz. Aber man wird mit fortdauernder Übung immer weniger zum Sklaven der eigenen Gedanken, Einfälle und Regungen. Man lässt sie vorüberziehen, wie Gewitterwolken am Himmel vorüberziehen, bis schließlich (und immer öfter) das klare, helle Licht der Aufmerksamkeit die Oberhand gewinnt, und die Wolken nur mehr das sind, Wolken, und nicht mehr Katastrophen, Zwänge und Ketten, die wir uns selbst anlegen.

Es wurde allerdings erstmal schlimmer, bevor es besser wurde. Man sitzt mit überkreuzten Beinen im Zazen, im halben oder auch ganzen Lotussitz, und irgendwann, das Gefühl für die Zeit hatte ich wie gesagt schon lange verloren, schlief mein einer Fuß so tief ein, dass ich weder das leiseste Gefühl mehr hatte, noch auch nur einen Zeh bewegen konnte. Es war, als wäre es gar nicht mehr mein Fuß, und das wäre sogar besser gewesen, denn ein pochender Schmerz begann mir zu schaffen zu machen und mich von allem anderen abzulenken. Am Ende der halben Stunde gab es in meinem Geist nur noch dieses Pochen, und ich ertappte mich, wie ich im Stillen beinahe schrie, dass es doch zu Ende gehen sollte... Auch in dieser Hinsicht war es eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich überlebte die halbe Stunde, und in der anschließenden Geh-Meditation, die an dieser Stelle wirklich bitternötig war, ging es auch meinem Bein bald wieder besser. Die zweite Sitzung war ein Klacks gegen diese erste, und wenn die ersten Kleckser des Satori wohl auch noch in weiter Ferne lagen, so war ich doch positiv überrascht, wie viel Ruhe letztendlich bereits in meinem Geist zu herrschen schien. Es war gut so, wie es war, und in jenen Momenten, in denen doch die Unzufriedenheit und Langeweile kurz ihr Haupt hob, wusste ich bei mir: Warum sollte es anders sein? Ich war in diesem Augenblick, und auch wenn er vielleicht nicht war wie in meinen Wünschen und Sehnsüchten, so war er doch, so wie er war, perfekt. Es gab nichts an ihm auszusetzen, nur an meiner eigenen Unzufriedenheit. Aber ich musste ja nicht auf sie hören.

Was soll man über Zen sagen? Man erkennt die eigenen Gedanken und Gewohnheiten, man bricht die gewohnten Muster und die gewohnte Wahrnehmung. Das ist alles, worum es geht, und gerade deshalb, weil es letztendlich so wenig und auch, bei aller Schwere, so einfach ist, ist es eine der wichtigsten Sachen der Welt. Wir haben nichts nötiger als unseren Geist, unser Bewusstsein einmal bei Licht zu besehen und zu entdecken, was es eigentlich damit auf sich hat. Wir sind zugleich Herren und Sklaven unserer Regungen und Gedanken, und öfter die Sklaven als die Herren. Die meisten Dinge, die wir tun, entspringen der unablässigen Arbeit dieser Geist-Maschine. Es konnte nur gut tun, zu lernen, ein wenig mit den Reglern und Parametern der Maschine zu arbeiten.

Ich wolle ja noch ein Wort zu den Regeln und ihrer Umsetzung verlieren.

Vor allem am Punkte 1 arbeitete ich. First things first. Ich hatte ein Café und eine Bar entdeckt, an denn ich mich wohlfühlte. Das Café war ein guter Platz zum Arbeiten, mit großen Fenstern, die auf die Straße gingen, und einer Einrichtung in dunklem Holz vor weißen Wänden, an denen Schwarz-Weiß-Fotografien hingen. Es wurde von Italienern geführt, und auch wenn es von Studenten überlaufen war (wie immer weniger ich mich ihnen zugehörig fühlte...) war es ein guter Ort. Kein Voglhaus, aber gut genug. Die Bar wiederum hatte 98 von 100 möglichen Bar-Punkten. Sie war die Quintessenz der Bar. Wenn die Bars dieser Welt zusammengekommen wären, um die Regeln und Richtlinien für vollkommene Bar-Haftigkeit festzulegen, wäre das Ergebnis eine Bar wie diese gewesen. Sie atmete Gelassenheit und Geborgenheit. Der Barkeeper war zugleich der Besitzer und schien alle Gäste mit Namen zu kennen. Auch meinen lernte er schnell. Es war eine ruhige, stille Bar. Sie lag die entscheidenden hundert Meter abseits sowohl der Touristenströme als auch des Mainstreams. Es langte wahrscheinlich gerade zum Überleben, aber es war auch ein großer Vorteil der Bar. Aber was nutzten all die Worte, sowenig, wie sich das Wesen des Voglhauses in einer Beschreibung einfangen ließ, sowenig war diese Bar eine Sache der Worte. Es genügte, dass es sie gab. Ich musste sie nicht beschreiben, ich konnte ab und zu dorthin gehen und gut leben. Das genügte.

Auch die Sache mit den Menschen ließ sich gut an. Wie immer war es die Musik, die alle Grenzen überwand und die Menschen einander näher brachte. In jener Bar gab es eine montägliche Jamsession, und wie die Bar war auch sie eine ruhige und gelassene Angelegenheit. Wir spielten als Quartett, klassischer als klassisch, mit Altsax, Piano, Bass und Drums. Klare und reine Klänge, die sich im Gewölbe brachen und an die Holztäfelungen des Raums und die Ohren das geneigten Zuhörer brandeten – will sagen, die Bar hatte eine Spitzenakustik, in der zu spielen eine Freude war. Sie hatte allerdings auch Spitzenmusiker, mit denen zu spielen mehr war als freudig, nämlich ein Genuss, und mit einer Leichtigkeit, die nur entsteht, wenn alle Beteiligten ganz bei einer Sache sind und in ihnen aufgehen, und die einzelnen Musiker zu einer größeren Verbindung verschmelzen, ganz Ohr und ganz Klang.

Eine weitere Form von Meditation. Eine weitere Art von Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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