Donnerstag, November 16, 2006

Das Richtige tun

Ich fing von vorne an, ohne irgendetwas außer Claudia, auf das ich mich stützen konnte. Aber letztendlich war das auch egal. Es war vollkommen uninteressant, wo und in welchen Verhältnissen ich mich befand. Das Leben war immer das gleiche. Es änderte sich dadurch um keinen Deut. Es ist ein Irrtum zu denken, wir könnten uns entkommen und an fernen Orten ohne weiteres neue Leben anfangen. Das Gegenteil ist der Fall. Die weiteste Reise wird uns nicht einen Deut von uns selbst und unserem Dasein, unserem Denken und unseren Gewohnheiten fortbringen, solange wir das Entscheidende mit uns schleppen wie einen Fliegenfänger: uns selbst.

All das wurde mir sehr bewusst, als ich im Schatten vor dem „Uni-Café“ saß. Nebenbei ein beliebiges Café in der neuen Stadt, und auch diese beliebig. Es war der gleiche Ort wie jener, den ich verlassen hatte. Die Menschen unterschieden sich in nichts, und auch ich selbst unterschied mich in nichts. Ich würde neue Freunde finden, von vorne beginnen zu leben, aber es würde dasselbe Leben werden wie in der alten Stadt. Wir können von außen nichts an uns ändern. Wir tragen unsere Leben mit uns. Das einzig Substantielle, das wir erreichen können, erringen wir im Kampf mit uns selbst, in den unendlichen unbewussten Tiefen unseres Seins. Denn in diesem Leben gibt es nur zwei Richtungen: Stillstand und Einschleifen oder Bewusstwerdung. Alles andere ist eine Folge dieser zugrunde liegenden Entscheidungen, die jeder von uns für sich alleine treffen muss...

Solcherart meine Gedanken an einem beliebigen Mittwochmittag in Freiburg im Breisgau. Ich hatte begonnen, meine Fühler wieder auszustrecken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder Fuß fassen würde. Ich würde wohl keine Probleme damit haben, neuen Anschluss zu finden. Vielleicht würde es ja sogar musikalisch passen. Ich würde sehen.

Ich hatte genügend Zeit damit verbracht, mich hängenzulassen. Nach einer Woche wurde das langweilig. Man hält nur so und so lange mit sich selbst aus, jedenfalls wenn man sich permanent selbst ausweicht. Das Kunststück war, die Nähe zum eigenen Selbst zuzulassen und sich anzuschauen, anstatt in sinnlose Ablenkungsaktivität zu verfallen. Es war absurd. Am Nebentisch machte man mir schöne Augen, ich war neu in der Stadt und das Wetter war gut. Es war ein ganz normaler Tag in einem völlig normalen Leben, dessen einziges Problem darin bestand, dass der Inhaber dieses Lebens die fixe Idee hatte, alles andere als gewöhnlich zu sein. Aber damit musste ich wohl klarkommen. Ich musste einen Weg finden, meine Talente einzusetzen und gut dabei zu leben. Diese Wiederholung nur um des Einprägens willen.

Die schönen Augen gehörten übrigens einer blonden Süßen vom sportlichen Typ. Sie waren von tiefem Blau und sinnlicher Wärme. Daneben der fesche, schicke Typ. Ihre Fingernägel waren mit Mustern lackiert. Das reichte mir schon. Die andere mit den Augen warf mir weiter jene warmen Blicke zu. Ab und an fing ich einen auf, denn es war kühl hier draußen. Wir hatten Mitte November, und die Sonne war hinter den Häusern. Aber mehr brauchte ich nicht. Ich verkniff mir sogar das Lächeln. Schließlich wollte ich sie nicht auf dumme Gedanken bringen.

So oder so, wir alle würden immer wieder über uns selbst hinauswachsen müssen. Leben ohne Handeln war verschenkt.

Oder wie ich an anderer Stelle schon einmal gesagt hatte:

Nicht unbedingt alles Mögliche tun, aber das Richtige tun.

Labels: ,

Bookmark and Share
Eingestellt von MwaH Am/um

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Links zu diesem Post:

Link erstellen

<< Startseite