Weltenende
Ab dem Nachmittag begann ich dann ernsthaft damit, mich zu betrinken. Ich hatte sonst nichts Besseres zu tun, und ich hatte nicht den Hauch einer Absicht, etwas zu arbeiten. Ich wusste, dass ich es hätte tun sollen. Ich tat es nur einfach nicht. Dieser Tag und alle Tage waren leer, ohne Struktur und ohne Inhalt.
Ich hatte gedacht, ich wäre cool, und dabei war ich einfach nur einsam. Wieder einsam. Das bekannte Gefühl.
Einsamkeit. Sicherlich sosehr selbstgewählte wie erlittene Einsamkeit. Die hier verbliebenen Freunde, die ich wirklich sehen wollte und die mir etwas bedeuteten, konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen. Dass ich mich nicht bei ihnen meldete, war mein Problem, aber ihre Zahl war von Beginn an niedrig gewesen.
Das sagte natürlich ebenso viel über mich selbst wie über die Umstände des Lebens selber aus.
Meine Zeit hier in dieser Stadt ging zu Ende. Es war ein goldener, milder, frischer Herbstanfang. Die Luft wurde langsam kühl und herb, und die Blätter begannen sich zu verfärben. Die Nächte waren schon kalt, aber die Tage waren noch warm und mit dem Duft der Verheißung angetan. Es war ein letztes, goldenes Aufleuchten vor dem Winter, der Kälte, dem Tod. Wann hatten die Blätter begonnen, ihre Farbe zu verändern? Ich musste zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt gewesen sein.
Mein Leben hier war verbraucht. Es hatte seinen Sinn und seinen Inhalt verloren. Die Tage zogen vor meinem Auge vorbei, einer leerer als der andere. Ich wusste, dass ich schreiben wollte. Mein Studium war noch nicht ganz beendet, die letzte Hürde lag noch vor mir, aber ich hatte bereits jegliches Interesse daran verloren. Ich würde es nur noch aus Pflichtbewusstsein tun. Meine Kür würde ich auf einem ganz anderen Gebiet erringen. Dieser Gedanke machte mich stolz, und er machte mir zugleich Angst. Denn ich hatte keine große Ahnung von dem, was ich unternehmen wollte. So dachte ich damals zumindest.
Ich war ein junger Mann an einem Scheideweg seines Lebens. Das Alte war vergangen. Ich unternahm noch müde Versuche, es am Leben zu erhalten, aber tief in meinem Herzen wusste ich bereits, dass sie vergeblich waren. Das Neue war noch nicht da. Ich musste mich entscheiden, welchen Weg ich gehen wollte. Es gibt nichts Einschüchterendes und Schrecklicheres als diese Wahl. Ich dachte, sie würde den Rest meines Lebens bestimmen, oder jedenfalls den Anfang des Rests. Und ich war wie erstarrt im Antlitz dieser Bedeutung. Sie wog wie ein Zentnergewicht auf meiner Brust.
Dieses war das Gefühl meines Lebens, in den letzten Tagen in Konstanz.
Ich würde es alles in Geschichten verpacken müssen. Und ich wollte es tun. Ich wollte mich von den Schatten des Vergangenen befreien. Hier, inmitten dieser Schatten, hatte ich keine Zukunft mehr. Ich würde vielleicht wiederkommen, irgendwann. Das wäre dann etwas Anderes. Aber wie die Dinge lagen, konnte hier und zu dieser Zeit nichts Fruchtbares mehr geschehen. Es war vorüber.
Aber ich konnte das Geschehene noch ein letztes Mal seinen Zauber verbreiten lassen. Die Geschehnisse meines Lebens noch einmal mit ihrem Sinn und ihrer tieferen Bedeutung (für mich; für andere) anfüllen und vor den fallenden Vorhang treten lassen. Die Dinge befreien, und zugleich mich von den Dingen befreien.
Schreiben war kein Hexenwerk. Leben war das Schwierige. Die Geschichten kamen dann von ganz alleine.
Ich hörte immer wieder die gleiche CD, „Chet“ von Chet Baker. Der klare, coole Jazz mutete mir an wie eine Hymne vom Ende der Dinge. Nichts Unruhiges, nichts Gewaltsames. Gerade ein Bild davon, wie das Altbekannte unter dem Horizont verschwand. Ein einziger, langer Blick zurück. So war sie für mich.
Ich wusste mit einem Mal, mit welchen Worten die Geschichte enden sollte, wenn es soweit wäre:
„Es war eine Welt der Schönheit.
Es war eine Welt der Gnade.“
Nicht mehr als das.
Labels: general thoughts, meditations, the autumn of my life


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