Dienstag, August 01, 2006

One Upon A Time

Out Of The Past..


Neue Nachricht vom See! Hallelujah! Alles sehr verrückt.

Natürlich zog es mich gestern Abend noch in die Destille! Wer hätte anderes erwartet? Erstaunliche Begebenheiten! Seltsame Zeichen und Töne. Sounds! Sound, sound, sound – only sound remains! Aber zur Sache:

Harmonieinstrument gab's gestern nicht, dafür zwei Trompeten, mich am Saxolophon und einen Krachzeuger. Aber ich erzähle vollkommen falsch, so ergibt es ja gar keinen Sinn! Ich muss es anders anfangen...
Also: Während der Donat hinterrücks ein paar krumme Klavier-Akkorde einschmuggelte, die ihre köstliche Fracht gewissermaßen "am Zoll vorbei" in die harmonische Struktur einbrachten – ob die Akkorde nun absichtlich oder aus unvollkommener Beherrschung des Pianoforte einkamen, das ist ja nun völlig egal, gerade bei Jazz! - also während er ein seltsam-verschränktes Klangreich da herschuf, und der Sascha am Bass sich sehr zurückhielt, um nur gelegentlich einen kleinen tonalen Funken einzuwerfen, der die Dinge behutsam in die vorgesehenen oder auch ganz andere Richtungen lenkte, haute Daniel gepflegt auf den Putz und entfachte ein wahres Beckengewitter. Nun hieß es aufsatteln und den Gaul über den Acker jagen, wenn Du verstehst, was ich meine! Eine kristallene Struktur tat Not! Zum Glück hatte ich mein Alt-Sax eingepackt, auf dass die alte Musik zu neuem, funkelndem Leben erweckt werde! Mittenmang wechselte O'Donat zurück auf die Trompete, und wir lieferten uns eine gepflegte Tonal-Schlacht, bis das Blut der Harmonie über den Fußboden schwappte und wir uns unentwirrbar ineinander verbissen hatten, im musikalischen Sinne natürlich nur. Eine schnelle Wendung ins humoristische, ein Schwert, den gord'schen Knoten durchgehauen in der Mitte und zurück in den schnellen Lauf, quer über den bereits zitierten Acker! Mit einiger Mühe, aber im ersten Anlauf überwanden wir eine Hecke und übersprangen den Graben, nur um uns im verwirrenden Reich der enharmonischen Implikationen wiederzufinden. Geschwind fädelten wir uns in einen modalen Beinahe-Blues ein, und spielten an diesem Abend tatsächlich noch einen gepflegten Free-Jazz, während dessen Daniel natürlich fortgesetzt auf den Putz haute, und Sascha die Wurzeln für Kommendes in unser wildes, wohltemperiertes Gesäusel legte... Ja, so war das! :)

In einer wohlverdienten Pause, zu der sich die Kneipe bereits schlagartig geleert hatte (die Leute gingen wohl auf die Straße, um allen Freunden und Fremden zu erzählen, was für unglaublich wunderbare atonale oder sonstwie zauberhafte Musik an diesem Abend in der Destille spielte!), kam ich auf einem Barhocker zu sitzen. Wenn dieser Hocker seine Geschichte hätte erzählen können, was hätte ich da wohl alles zu hören bekommen...
Jedoch, da es dem Hocker gar nicht in den Sinn kam, mit mir zu quatschen, quatschte ich meinerseits meinen unbedarften Nebensitzer an, der geradewegs von den Barbados-Inseln herbeigesegelt kam! Das war natürlich einige Jahre her, aber in der Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit verwechsle ich das manchmal. Jedenfalls, auf dem Weg von PARIS nach KRETA war er 1970 in Konstanz hängengeblieben – das muss man sich einmal vorstellen! Freddy heißt der gute Mann, und er nahm mich mit auf eine wundersame Reise zurück in die Vergangenheit, dreißig Jahre erst, aber eine andere Kultur, ein anderes Sein, ein anderes Wesen und ein anderes Leben! Natürlich; Freddys Leben eben. Und so feierten wir zusammen wilde Sessions in der Seekuh, begrüßten Johnny Griffin am Bodensee ("the fastest tenor of all times"), sahen ihm dabei zu, wie er sturzbesoffen auf der Bühne jazzte, aber was für Jazz, fuhren in einer Autokarawane von Musikern nach Markdorf (oder so ähnlich), um mitten in der Nacht in eine Session zu stürzen und gepflegt auf den, jawohl, den PUTZ zu hauen, reisten mit einer Bigband nach Prag und tingelten durch die Klubs, um Jumpin' Jack Dupree auf ein Bier einzuladen und MUSIK, wahre, nahrhafte MUSIK zu hören, bis uns die Ohren schlackerten!

Wer platzte da mit einem Mal mitten herein? Dieser ungewöhnliche Introvertierte, Viktor. Er hatte ein Tenor-Saxophon mitgebracht und war in unterwürfiger, aber doch direkter Weise zum Spielen aufgelegt. Wir ließen uns nicht zweimal bitten! Spontan erfand ich einen Song in G-Major, mit einem netten kleinen Mittelteil in F und Bbm, und legte los. Die Kakophonie entspannte sich! Immerhin: Zwei Trompeten, zwei Saxe und ein Drummer, das hat Krach-Potential! Unterwegs entschied sich Sascha, doch lieber wieder an den Bass zurückzukehren, wofür wir ihm beiläufig, jedoch nicht weniger herzlich dankten. Von Grundtönen kann man nämlich niemals genug bekommen! Jawohl, meine Dame! Meine verehrte, liebe Dame...
Aner zurück ins Geschehen! Einer Eingebung folgend, endeten wir auf dem Coltrane'schen Meisterstück, RESOLUTION, nicht ohne dass ich (unter beifälligem Gemurmel der anderen und ihrer tatkräftigen Mithilfe) noch einen geschwinden modalen Ausflug in die LOVE SUPREME unternommen hätte... Als wir danach jedoch noch darangingen, SUMMERTIME zu verwursten, wurde es dem Wirt zuviel, und mit einem Gesichtausdruck, als sei ein LKW über seinen Lieblingsfuß gerollt und wilden Gebärden unterband er weitere Darbietungen. Gut, ich muss zugeben: DIESE MUSIK WAR NICHT LEICHT VERSTÄNDLICH! Tatsächlich hatte sie die Kneipe geleert. Vollständig geleert. Dennoch machte uns dieses Unverständnis der wahren KUNST gegenüber benommen, und wir mussten rasch einige Bier trinken, um uns zu beruhigen und zu besinnen. Zu erwähnen vergaß ich noch, dass wir ein ungefähr dreistündiges Intro zu SUMMERTIME spielten – ODER WAREN ES DREI MINUTEN? Zeit ist nichts, Fleisch ist Gras, in der großen, einzigartigen Realsatire, die das Leben ist, das zu jedem Zeitpunkt ungeprobt über die Bühne geht. Gepflegt auf den Putz hauen, das ist es, worauf es ankommt – oder jedenfalls: AUCH ankommt!
Ja, so war das! :)

Wir redeten noch ein paar Stündchen, natürlich über Musik, besonders über gewisse Implikationen bestimmter Herangehensweisen... Denn, so fragte ich mich: Wenn die UTOPIE ihrer Zeit stets voraus ist, UND wenn gerade der Free Jazz ja immer schon eine sozialkritische Komponente hatte (man denke nur an Albert Ayler! Sehr sozialkritisch, der Mann! Außerdem verrückt: er sang "Music Is The Healing Force Of The Universe". Jah!), also dann ist es ja so: Wenn man VOR dem Beat spielt, nach vorne drängt gewissermaßen, bringt man dadurch dann die "utopische Komponente" ein? Und was ist dann, wenn man "laid back" spielt? (Hierbei soll es übrigens tatsächlich helfen, sich auf seinem Stuhl zurückzulehnen...) Beschwört man damit nicht auch, auf eine Weise, die Geister der Vergangenheit? Macht man sich einer gewissen Romantik schuldig?
Nun, dann bekenne ich mich! Schuldig in allen Punkten der Anklage! Jawohl, euer Ehren! Ganz richtig! Recht so! Vergessen wir die Sozialkritik, vergessen wir die Herangehensweisen – wichtig ist, einen in der Krone zu haben, fünfe gerade sein zu lassen, und zusammen (die GEMEINSCHAFT ist hierbei das Zauberwort!) einzutauchen in den ganz alltäglichen Wahnsinn der Seele...

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Eingestellt von MwaH Am/um

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