Come Sunday
Nach dem Kultur- und Menschheitspessimismus heute eine eher fröhliche Note, denn unter anderem ist es Sonntag. Come Sunday, Mr. Ellington! Recht so, immer weiter! Tag der Einkehr, der Besinnung und der Feier des Lebensprinzips! So soll es sein!
Inzwischen ertönen wieder ganz andere Weisen: bin mit einem Mal wieder befähigt, auf dem Tenorsaxophon wirkliche Schönheit zu schaffen. Vielleicht lag die schöpferische Pause auch im immer gleichen begründet – Stillstand ist des künstlerischen Ausdrucks Tod.
Sunday Morning. Sunday Beauty. Noch immer fällt Schnee auf die Welt, ganz sachte mittlerweile, deckt Schicht um Schicht die Erscheinungen zu, die Welt der zehntausend Dinge. Der Schnee bringt Schönheit; er lässt zu, die zehntausend Dinge einmal in einem ganz anderen Gewand zu sehen.
Ich sehne mich nach weisen Männern – Männern von dem Schlag eines Gautama, eines Gandhi, eines Miller. Männer mit gewaltigen Worten und wahrhaftigen Taten. Ich wäre am liebsten selbst einer dieser Männer. „Auf der richtigen Seite stehen“ – in jener Welt, die eigentlich keine Seiten mehr kennt. In diesem Moment merke ich, dass auch ich noch ein Stück Wegs zu gehen habe. Meine Sehnsucht nach der „richtigen Seite“ ist eine egoistische, selbstgerechte Hoffnung, die Sehnsucht nach meiner eigenen Rettung und Erlösung. Doch was ist es, was zu erretten wäre? Was gäbe es denn, was gerettet werden müsste?
Ich könnte beginnen, solche Männer und Weisen selbst zu schaffen. Das Denken ausrichten, fokussieren, aufrecht erhalten, und dann mit meinem messerscharfen Blick und meiner Empfindung des Ganzen Menschen aufmarschieren lassen, jeden für sich, jeder unwiderstehlich, jeder wahrhaftig und demütig, und sie die Welt erfassen, begreifen und in letzter Konsequenz umwandeln lassen.
Dies wäre Sinn und Zweck der Unternehmung, ein Buch zu verfassen. Mehrere, viele Bücher. Alle verschieden und alle gleich, in der Hinsicht, als die Wiedergeburt des Menschen ihr Inhalt und ihr Ziel wären.
Niedergeschrieben im Frieden eines Sonntagmorgens.
(Was wiederum auch beweist: dass es immer möglich ist, etwas zu schreiben.)
Labels: meditations


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