Donnerstag, Februar 23, 2006

Jenseits der Stille

Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, Ausdruck zu finden, ist die Verfolgung der eigenen Regungen und Bewegungen.

Es wird schon komplizierter – man kann keine kleine Sache angehen, ohne sofort in den Strudel und Wirbel der Implikationen eingesogen zu werden. Komplizierter, denn: von welchem Ausdruck reden wir hier eigentlich? Ist es der Ausdruck des Selbst? Der Ausdruck von Wissen? Der Ausdruck der innersten seelischen Regungen?

Dem Selbst Ausdruck zu verleihen mag der üblichste und am weitesten verbreitete Beweggrund überhaupt sein, etwas zu Papier oder sonst wie in die Öffentlichkeit zu bringen. Leider ist er auch ebenso oft zum Scheitern verurteilt. Er wäre jedenfalls für mich zum Scheitern verurteilt. Wir können nicht immer nur von uns selbst reden, selbst wenn wir das gerne so hätten. Ein jeder kreise stille um seinen eigenen Bauchnabel – STILLE vor allem anderen! So er dabei jedoch in lautes Schwätze verfällt, verfehlt er Sinn und Zweck dieser Übung. Das Kreisen um die eigenen Probleme und Wehwehchen dient in erster Linie einem: der Selbstanalyse. Arzt, Schreiberling: Heil’ er sich selbst! Alle anderen gehen ins Hospital.

Damit will ich nicht sagen, dass das Kreisen um die eigenen, tiefsten seelischen Regungen nicht einen positiven Effekt haben könnte, im Gegenteil! Sie helfen aber nur so viel. Wenn wir dann in unserer Verzweiflung und Abneigung der Öffnung der Welt gegenüber aber weiterhin an ihnen festhalten, dann Verschlingen sie uns, anstatt uns zu größerer Einsicht uns schließlicher Heilung zu befördern. Unsere Probleme helfen anderen nur insoweit, als sie an uns sehen können, dass es andre auch nicht leichter haben. Auch dies mag therapeutisch sein. Aber wiederum nur so viel. Danach ist auch das gemeinsame Versenken in das Elend dieser von Menschen geschaffenen Welt keinen Deut besser als das einsame Zugrunde gehen. Wir brauchen andere Dinge, an denen unser Herz Nahrung finden und ein Stück weit genesen kann.

Ist es der Ausdruck von Wissen, den wir verfolgen sollten Auch hier ein entschiedenes „Jein“. Frei nach dem Sprichwort „Wissen ist Macht (nichts wissen macht auch nichts)“ ist Wissen ein Teil des Ganzen, aber nicht alles. Mit Wissen sei hier jene Sorte von Einsichten und mühsam errungener Perspektiven gemeint, die es dem Menschen grundsätzlich leichter machen, sein Los zu tragen, und ihn vor allem zum Gebrauch des eigenen Verstandes ermuntern. In den vorgefertigten Meinungen und Ansichten liegt ein Gutteil unserer Kümmernisse begründet; sich auf eigene Faust und vor allem mit Hilfe des eigenen Verstandes mit der Welt und ihren Erscheinungen auseinanderzusetzen, ist da zwar zeitintensiver, auf der anderen Seite allerdings auch hilfreicher – wenn wir uns nicht auf Wissen und introspektive Nabelschau allein verlassen, sondern den Blick auch nach außen richten.

Denn das ist es, was wir eigentlich weiterreichen sollten: unsere Schlüssel zum Verständnis. Nicht unsere Wertungen, Meinungen, Festlegungen, sondern unsere Perspektiven, das, was wir hinter den Schleiern dieser vordergründigen Welt wahrnehmen. Unsere Schlüssel können auch für andere Menschen in ihre Schlösser passen, und eine geöffnete Tür kann jedem nützen – solange wir sie mit Offenheit im Geiste angehen.

Was wir schreiben sollten: jene Dinge, die andere anstoßen auf ihrem Weg. Nicht unseren Weg sollen sie gehen, aber ihren eigenen besser.

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Eingestellt von MwaH Am/um

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