Sonntag, Januar 31, 2010

Das Goldene Blatt

Liebe Katharina Peters (>>):

Ich bin nicht soviel älter als du, deshalb gestatte bitte, dass ich dich duze. Katharina, ich habe eine schlechte Nachricht: Dein Artikelchen Indiskretes vom Gatten aus Irland (>>) ist weder indiskret noch eine Nachricht. Der verantwortlichen Chefredakteur, der dir diesen Artikel zuwies und/oder durchgehen ließ, mag in seinem SPON-gemäßen pathologischen Hass auf die LINKE mit deiner Arbeit zufrieden gewesen sein (wenn man schon nicht mehr behaupten kann, dass die Sahra mit dem Lafo, nicht wahr, weil Krebs und so); doch alles in allem ist selbst SPIEGEL Online die falsche Postille für derlei hanebüchene Firlefanz. Ich meine, hey, manchmal versucht sogar dein Laden noch, sowas wie Nachrichten zu verkaufen. Ich weiß, selten, aber es soll vorkommen.
Für deine weitere Arbeit und folgende
Epistel dieser Sorte empfehle ich dir daher wahlweise das Goldene Blatt (>>) oder die Gala. Macht sich im Lebenlauf sicher auch ganz toll und entspricht inhaltlich auch eher der Güte des Vorliegenden.
Habe die Ehre.

- - - - -

(Und wo wir gerade bei halbgarem Unsinn sind: "kgp", na, das klingt ja fast wie KGB, nicht wahr, also was sich der linksphobische Chef da denkt... Ginge da denn keine andere Mittelinitiale? Wie hältst du's denn eigentlich mit der Mauer?)

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Samstag, Januar 30, 2010

Leistung - "Es gibt kein gerechteres Kriterium"

Wenn es kein gerechteres Kriterium als dieses gibt (>>), Frau Schavan, sollten Sie sich vielleicht einfach verpissen. Das wäre wenigstens einmal konsequent. Denken Sie drüber nach.

Wer in diesem Bildungssystem die sogenannte "Leistung" erbringen kann, hat in seinem Leben meist schon sowieso vermehrt bildungsbezogene Zuwendung erfahren - der Sohn des Akademikers hat einfach eine andere Startposition für den Bildungsweg als der Sohn des Hartz-IVlers. Dass man diesen Sachverhalt nach zig PISA-Studien ausgerechnet der Ministerin für Bildung und Forschung (!) noch vorbeten muss, sagt über diese Dame genug aus, denke ich.

Setzen, Frau Schavan, Sechs. Nicht versetzt, nicht lernfähig, nicht kritikfähig - ich empfehle Sonderbeschulung. Wofür haben wir denn unser wunderbares mehrgliedriges Schulsystem?

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Mittwoch, Januar 06, 2010

"25 deutsche Kriegsbilder" - geht's noch?!?

Immer wenn man dachte, es ginge nicht mehr schlimmer, setzten sie noch einen drauf. Meistens kamen diese Schmutzfinken vom SPON, so auch jetzt wieder (>>). Das neueste Glanzstück dieser BILD-Postille für Arme trug die beherzte Überschrift "25 deutsche Kriegsbilder", und ich dachte mir, geht's noch?

Neues von der Ostfront, demnächst mit Sammelbildchen von Panini! Adoptiere einen aufrechten deutschen Soldaten, der, von "Aufständischen" und Taliban feige attackiert, treu wie Hasso und zäh wie Kruppstahl seinen Dienst versieht! Eine solche Scheiße hätte ich in einer Postille der NPD erwartet, aber nicht bei SPON, noch immer nicht. Von Konzepten oder Perspektiven hingegen keine Spur, nicht ein Hinweis darauf, dass unsere Kanzlerinnen-Darstellerin und ihre Kollegen von der Laien-Truppe nicht einen Schimmer hatten, was wir da eigentlich machten, was sie erreichen wollten und konnten und wie und wann die Soldaten wieder zurück nach Deutschland in ihre Kasernen kommen würden, nein, alles, was SPON im Angebot hatte, waren heroisch-lauschige Bildchen vom tapferen deutschen Landser an der Ostfront, diesmal noch hinter Moskau.

Highlight aus dem Artikel der SPON-Wehrkraftunterstützer übrigens (von den Bildunterschriften gar nicht zu reden):
Die Zeit der reinen Selbstverteidigung ist vorbei. Von "kriegsähnlichen Zuständen" spricht selbst Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Als ob unser GröVaZ mit den gegelten Haaren eine andere Wahl hätte. "Spricht selbst"! Please! Manchmal war sogar ich erstaunt, für wie dumm der SPIEGEL seine Leser hielt.

- - - - -

Ein frohes neues Jahr übrigens allen sporadischen Lesern! All den Umständen zum Trotz.

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Freitag, Dezember 18, 2009

Helft euch selbst, dann hilft euch Gott

Es war etwas dran an diesem Spruch, nachdem in dieser Gesellschaft und in diesem Land langsam keiner mehr Verantwortung für einen anderen als sich selbst übernehmen wollte - nicht der Staat, nicht die Politiker, nicht die Besitzenden und nicht die Führungskräfte, und auch sonst keiner mehr. Die bestehenden Strukturen liefen immer mehr ins Leere, und noch war nichts an ihre Stelle getreten - bisher.

Was wir aber eigentlich brauchten, was den neuen Strukturen zugrunde liegen mussten, war ein neues (altes) Verständnis von Solidarität und Gemeinschaft. Wenn die Menschen wieder füreinander einstanden, wenn gegenseitiges Vertrauen und Achtung wieder zu einer Währung wurden anstelle des (oder neben dem) schnöden Mammon, dann konnte eine andere Kultur wieder wachsen, auch hierzulande, eine Kultur, die auf Opportunismus, Plutokratie und Macht um der Macht willen verzichtete, und die am Ende gar den beteiligten Menschen dienen und nützen konnte. Und was für ein Schock wäre das wohl!

Ein erster Schritt: Raus aus der Lohnsklaverei und der (ökonomischen) Fremdbestimmung, und die Dinge, sprich die eigene Arbeit, selbst in die Hand nehmen. Zwei wunderbare Beispiele gab es hier (>>) und hier (>>). Wenn wir weiter auf Hilfe von oben, unten oder seitlich warteten, dann gute Nacht. Man musste ja nur nach Kopenhagen schauen (>>) um zu sehen, dass es in Politik und Wirtschaft um vieles gehen mochte, aber nicht um Logik, nicht um systemisches Denken, und nicht um die größtte Wohlfahrt für die größtmögliche Zahl, sondern um Macht und Geld, vorzugsweise für die, die sie ohnehin schon hatten.

Eine andere Welt war möglich, wie es so schön hieß. Sie begann mit jedem einzelnen.

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Montag, Dezember 14, 2009

Koch muss zurücktreten

Aus der FR (>>), einer der letzten Zeitungen dieses Landes, für die das Wort "Pressefreiheit" noch mehr war als ein bloßes Lippenbekenntnis:
FR: Der Finanzminister sagt, die Verwaltung habe richtig gehandelt.

Wilhelm Schlötterer: Ich habe in 30 Jahren im bayerischen Finanzministerium einiges erlebt und bin nicht leicht zu erschüttern. Aber dieser Fall ist unfassbar. Gleich vier Steuerfahnder einer Gruppe wurden für verrückt erklärt. Das kann niemals mit rechten Dingen zugegangen sein. Es ist evident, dass hier kriminelle Methoden angewandt wurden. Ich bin entsetzt, dass so etwas in einem Rechtsstaat möglich ist. Da läuft es einem kalt den Rücken herunter. Den Beamten wurde Paranoia bescheinigt - als ob das eine ansteckende Krankheit wäre. Ich kann es einfach nicht begreifen, dass so etwas möglich ist.

FR: Der Gutachter ist ja dafür verurteilt worden.

WS: Der Gutachter ist doch nur das letzte Glied in der Kette. So etwas würde auch kein Behördenleiter oder die Oberfinanzdirektion alleine ins Werk setzen. Das muss vom Finanzminister und vom Ministerpräsidenten persönlich entschieden worden sein - anders ist das in einer Verwaltungshierarchie gar nicht möglich. Koch und Weimar sind dafür politisch und rechtlich verantwortlich. Koch wurde ja wiederholt angeschrieben, gab aber keine Antwort. Das ist rechtswidrig, denn der Ministerpräsident muss Petitionen und speziell Dienstpetitionen von Beamten beantworten - hier handelt es sich also um eine doppelte Rechtswidrigkeit.

FR: Ist es vorstellbar, dass Koch nicht informiert wurde?

WS: Nein, ein Ministerpräsident schwebt nicht über solchen Dingen, er ist der bestinformierte Mann des Landes, ihm wird alles vorgelegt. Er hätte handeln müssen. Man kann den Fall gar nicht dramatisch genug sehen: Da sollten vier Menschen den bürgerlichen Tod sterben, persönlich vernichtet werden. Weimar und Koch können nicht so tun, als ob ihnen das nicht glasklar gewesen wäre. Dieser Gutachter hatte ein Gefälligkeitsgutachten zu erstellen. Selbst wenn Weimar und Koch das leugnen, trifft sie die Schuld dafür. Der Rücktritt von Koch und Weimar ist unumgänglich, wenn Verantwortung in Hessen noch irgendeinen Sinn haben soll.
Wenn Deutschland eine Bananenrepublik war, dann war Hessen der Abgrund derselben. Dieser Staat war am Ende, und wenn er's noch nicht war, dann war Hessen es auf jeden Fall.

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Sonntag, Dezember 13, 2009

Er ist tot.

Zeit wurde es. Hätte Otto Graf Lambsdorff seine Schüler doch mitnehmen können, die unsere Welt in seinem Sinne weiter zugrunde richteten.
Ein informativer Nachruf fand sich hier (>>).

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Donnerstag, Dezember 10, 2009

Finanzkrise: Ein Mann sieht rot

...und das zu Recht. Zu dem, was Robert von Heusinger in der FR sagte (>>), war nichts mehr hinzuzufügen, aber auch gar nichts.

Ich hoffte bei Gott, dass jemand die Mischpoke unserer Volks"vertreter" und jene, die von der allgemeinen Regellosigkeit profitierten, zur Verantwortung ziehen würde, wenn es soweit wäre. Warum nicht gleich jetzt eigentlich. Ich fürchtete nur, dass wir das selbst würden tun müssen. L'état, c'est nous!

Im Moment war dieser Staat allerdings nicht mehr als eine beliebige Bananenrepublik: Außen schwarz-gelb, innen schon verfault. Man musste nur bei Roland Koch und seinen Liebesdienern nachfragen, wenn man es genauer wissen wollte (>>).

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Sonntag, Dezember 06, 2009

Verdummungswarnung: Professor ohne Ahnung, ohne Aufrichtigkeit

Professor Doktor Gerhard Schulze verbreitete in der WELT seine bescheidene Meinung zum Klimawandel (>>). Er war Soziologe. Damit mochte er gut aufgestellt sein, um etwas über die Gesellschaft zu sagen. Der Klimawandel hingegen gehörte vermutlich nicht zu seinen Kernkompetenzen. Das war erstmal nicht schlimm. Ich war ja auch nur ein Psychologe und kein Klimaforscher. Ernst wurde es erst dann, wenn man mit seinem legitimen Nichtwissen nicht umzugehen wusste – und in dieser Kategorie war Herr Schulze ein Musterbeispiel, Doktor hin und Professor her. Tatsächlich war der Artikel in der WELT so schlecht, dass ich ihn hier mit Freude sezieren wollte als Beispiel für unlauteren Journalismus und, nein, nicht schlechte Wissenschaft, sondern absolute Unwissenschaftlichkeit per se. Schade drum. Von einem Professor für Empirische Sozialforschung sollte man Besseres erwarten können. Aber sei’s drum. Man sollte, bei Licht besehen, auch von Bundeskanzlern und gewählten Volksvertretern Besseres erwarten können. Man tat’s aber nicht mehr, und man hatte seine Gründe.

Herr Schulze begann mit einer großen Gesamtschau:
In den Gewässern Europas kann man unbesorgt baden, verspricht der Badegewässerbericht der Europäischen Kommission von 2007. In der ehemaligen Chemiekloake Bitterfeld trifft man auf Erholung suchende Touristen. Sogar im Ruhrgebiet hat die Luft beste Kurortqualität. Das Waldsterben ist ausgeblieben. Die Sahara dehnt sich nicht mehr aus, an ihren Rändern wachsen neue Bäume, die Wüste ergrünt. Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Leider hatte das erstere mit dem letzteren nichts zu tun. Garnichts. Die Gewässerqualität Europas hängt nicht an einer Erwärmung, sondern an Kläranlagen, am Umweltschutz also. Gleiches gilt für Bitterfelder und ruhrgeb
ietliche Erholungsluft, und das Ausbleiben des Waldsterbens. Hier waren es der Niedergang der Stahl- bzw. Chemieindustrie und die Einführung des Katalysators, aber nicht die globale Erwärmung. Die Sahara dehnte sich übrigens noch immer aus. Und die Bäume, die dort dennoch wuchsen, wuchsen nicht aus einer Laune der Natur und weil es dort so schön warm war, sondern weil die Menschen dort versuchten, der fortschreitenden Desertifikation Einhalt zu gebieten (>>). Sie waren von Menschen gepflanzt, diese Bäume, nicht vom guten Wetter.
Nach all d
iesen falschen Pseudobeispielen, die seine folgende Aussage stützen sollten, dies aber nicht taten, schloss Herr Schulze (für die bessere Wirkung hier wiederholt) mit den Worten:
Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Genau, richtig doch! Einen Platz an der Sonne für jeden! Wen interessierten schon die klimatischen Folgen für Ernten in Indien und China oder irgendwo in Afrika! Please! Hier gab es ja genug zu essen und zu trinken. Sonnenschein und ein kühles Bier, so mochte auch der Herr Soziologe seinen Sommer am liebsten! Aber weiter im Text.

Immerhin gab Herr Schulze seine Unbelecktheit in diesem Thema zu:
Wie kann ein einfacher Soziologe den Klimawandel herunterspielen, wo wir doch Milliarden dafür ausgeben, ihn endlich in den Griff zu bekommen? Will er als ahnungsloser Laie etwa abstreiten, dass die Malediven im Meer versinken, die Polkappen schmelzen und die ganze Welt sich langsam in einen Glutofen verwandelt?
Ein ahnungsloser Laie, sehr richtig. Si tacuisses, philosophus mansisses. Leider hielt die Bescheidenheit nicht lange an, sondern schlug unversehens um in einen weiteren Versuch, den existierenden Konsens über globale Erwärmung und ihre Realität ins Lächerliche zu ziehen:
Wenn wir nicht endlich etwas tun, werden Monsterwellen New York unter sich begraben, da sind besorgte Filmemacher und Experten sich einig. Der Mensch killt die Erde, weil er eine Industrie betreibt, weil er Auto fährt, Städte bewohnt, Fernreisen macht, Wohnungen heizt und Glühbirnen benutzt.
Nein, Filmemacher und Experten waren sich da nicht einig. Roland Emmerich hätte wohl zugestimmt, aber den Experten einen solchen Stuss in den Mund zu legen, war mindestens unredlich, und im Übrigen schlichtweg falsch, man konnte auch sagen: eine Lüge. Der Rest des Absatzes entsprach hingegen vermutlich den Tatsachen, denn was Herr Schulze da aufzählte, war nun einmal das, was man landläufig „Zivilisation“ nannte und mit sogenannten Klimagasen (vulgo CO2) zusammenhi
ng, und das war, wiederum im Konsens jener Wissenschaftler, die sich damit auskannten, einer der Gründe für den Klimawandel.

Der folgende Abschnitt entlarvte Herrn Schulze endgültig als einen, der entweder keine Ahnung hatte oder, schlimmer noch, eine solche sein eigen nannte, sie wider besseres Wissen aber für sich behielt:
Jeder einigermaßen kluge Kopf kann sich an einem Wochenende mit dem Hauptargument der Klimaschützer vertraut machen. In den letzten 150 Jahren hat sich der CO2-Gehalt der Luft von 0,028 auf 0,038 Prozent erhöht, also um etwa 0,01 Prozent der Atmosphäre. Auf die Frage, warum eine so winzige Menge Bedeutung haben soll, gibt uns die Chaostheorie eine fast schon volkstümliche, wegen ihrer Poesie allseits beliebte Antwort: Weil der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun auslösen kann.
Wer immer wenigstes ein wenig von Chaostheorie verstand, dem war der Ausdruck des „Tipping Points“ (frei übersetzt als „Umschlagpunkt“) ein Begriff. Wenn man davon nichts wusste, dann vielleicht wenigstens Dinge wie exponentielle Funktionen und exponentielles Wachstum, wovon man als Professor für Empirische Sozialforschung wenigstens schon einmal etwas gehört haben sollte, im Vorübergehen gewissermaßen. Um solche handelte es sich hier nämlich, bei diesen „lächerlichen“ Mengen von 0,01 Prozent der atmosphärischen Gase. Mit Schmetterlingen und ihren Flügelschlägen hatte das nichts zu tun, außer man wollte den Problemkomplex als Ganzes ins Lächerliche ziehen; e
her mit natürlichen CO2-Senken und deren Erschöpfung.

95 Prozent des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre waren nicht menschengemacht. Sie waren vielmehr der „natürliche“ Umschlag dieses Gases, freigesetzt durch Flora, Fauna und Geologie (Vulkane beispielsweise). Die anderen fünf Prozent waren das Problem, denn diese kamen von uns, durch Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Für die Einfachheit des Arguments sei an dieser Stelle angenommen, dass sie linear waren, also jedes Jahr mehr oder minder fünf Prozent hinzu kamen. Diese fünf Prozent sammelten sich an, denn
sie blieben in der Atmosphäre. Die natürlichen CO2-Senken, also jene Orte, in denen die „natürlich“ erzeugten 95 Prozent des CO2s endeten, waren für sie nicht ausgelegt. Wälder und Ozeane konnten nur soviel Kohlendioxid aufnehmen, irgendwann war Schluss – besonders, wenn man die Wälder nach wie vor abholzte, anstatt sie zu erhalten, aus welchen Gründen auch immer. Wenn man nun zu einem System Jahr um Jahr fünf Prozent von etwas hinzufügte, so sah das dann aus:

Das nannte
sich eine Exponentialfunktion. Herr Schulze hatte sicherlich schonmal von so einer gehört. Wenn man sich entsprechend die Entwicklung des menschengemachten Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre dachte, war das noch der Flügelschlag eines Schmetterlings? Oder nicht eher ein Schlag mit dem Vorschlaghammer?

Auch andere Faktoren, also sozusagen andere Schmetterlinge verändern seit Jahrmillionen das Klima, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr, aber man weiß es nicht genau. Das Klimageschehen ist komplex und weitgehend unerforscht. Das ist jedem bekannt, der sich mit der Materie beschäftigt. Trotzdem bleiben beim Klimaschutz alle Faktoren außer CO2 unberücksichtigt. Warum ist das so?
Auch hier offenbarte Herr Schulze vor allem anderen eine hervorragende Unkenntnis verfügbarer Quellen. Ja, es gab andere Faktoren. Doch, man wusste bereits einiges darüber. Ja, das Klimageschehen war komplex (man denke nur an den täglichen Wetterbericht, oder gar die -vorhersage). Und nein, es blieben nicht alle anderen Faktoren unberücksichtigt.
Zum CO2 an dieser Stelle aber erst folgendes: Kohlendioxid war einfach eines der potentesten Treibhausgase, die es in der Atmosphäre gab. Vom Wasserstoff gab es mehr, aber der stammte nicht von uns Menschen; Methan und Ozon waren stärkere Treibhausgase, aber in der Menge (noch) im direkten Vergleich verschwindend gering. Der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre hingegen entwickelte sich laut Datenlage wie folgt:
Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008). In den Jahren von 1960 bis 2005 stieg der CO2-Anteil im Mittel um 1,4 ppm pro Jahr. In den 10 Jahren von 1995 bis 2005 betrug die jährliche Anstiegsrate 1,9 ppm. Einer Untersuchung des Global Carbon Projects aus dem Jahr 2008 zufolge ist in den Jahren 2000 bis 2007 der CO2-Ausstoß viermal schneller gestiegen als noch im Jahrzehnt davor.
(Quelle: Wikipedia)
Zusammengefasst: Der CO2-Gehalt stieg. Das Gas wurde von uns in signifikanten Mengen produziert. Die natürlichen Kohlenstoff-Senken konnten es nicht aufnehmen. Es akkumulierte in der Atmosphäre. Der Planet wurde langsam, aber sicher (und exponentiell) wärmer. Also warum zum Kuckuck sollte man nicht versuchen, den CO2-Ausstoß zu regulieren? Mein Gott, sogar Schulze kapierte das, wenigstens das:
Eine Antwort ist: Der Mensch kann die anderen Faktoren, zum Beispiel Sonne, Wolken, Schnee oder kosmische Strahlung, nicht beeinflussen. Was er beeinflussen kann, ist der CO2-Ausstoß - den Flügelschlag eines Schmetterlings im komplexen Klimasystem der Erde.
Yeah, und es war kein Schmetterling, sondern ein Vorschlaghammer. Also warum nicht das Ding nehmen und beiseite legen, anstatt eine Wand nach der anderen einzuhauen? Ja, warum eigentlich nicht?
Die vermessene Idee, um beinahe jeden Preis die globale Durchschnittstemperatur regulieren zu wollen, enthält drei Grundannahmen, die mir nicht einleuchten.
Erstens: Wir verursachen den Klimawandel, also können wir ihn auch wieder abstellen. Was ist in diesem Fall mit den anderen Faktoren, die eine Rolle spielen? Auch sie sind, um im Bild zu bleiben, Schmetterlinge, die mit den Flügeln schlagen. Halten die alle still, nur weil wir die Welt retten wollen?
Die Argumentation als solche war Unsinn: Welchen Sinn hatte es, das Steuer eines Wagens herumzureißen, um an einem entgegenkommenden Baum vorbeizusteuern, wenn auf den Straßen andere Fahrzeuge, Lastwagen gar, unterwegs waren, die wir nicht beeinflussen und die uns jederzeit rammen und ums Leben bringen konnten? Tja, wozu überhaupt noch handeln? Tatsache war, dass der Anstieg der CO2-Konzentration und die Realität der globalen Erwärmung wissenschaftlicher Konsens waren, und dass es Mittel und Wege gab, dagegen anzugehen. Besser als das wurde es nicht. Mehr Sicherheit konnte man nicht erlangen, und nur deshalb gegen eine erkannte Gefahr nicht vorzugehen, weil es noch viele andere gab und diese vielleicht auch ihre Finger im Spiel hatten, war Unsinn. Es war sogar mehr, es war zutiefst fahrlässig. Und auch für fahrlässige Tötung konnte man in den Knast gehen.
Zweitens: Wer die Klimaerwärmung seit Beginn der Industrialisierung pathologisch nennt, muss eine Vorstellung davon haben, was normal ist. Was ist ein normales Klima? Diese Frage muss offenbleiben, denn normal ist nur eines: Das Klima ändert sich fortwährend. Seit Jahrmillionen, auch ohne menschengemachtes CO2.
Auch das war so irrelevant, wie es richtig war. Sicherlich änderte sich das Klima fortlaufend. Im Devon-Zeitalter war es lauschig warm, im Pleistozän eher kalt. Im einen von beiden zu leben würde allerdings keinen großen Spaß machen. Der Verweis auf natürliche Klimavariation war Unsinn, denn um diese ging es hier nicht: Es ging vielmehr um die Möglichkeit, 6,8 Milliarden Menschen recht und schlecht überleben zu lassen, und wenn man diesen Ansatz zugrundelegte, dann nützten Klimavarianz und Konsorten gar nichts, dann musste man zusehen, dass der Meeresspiegel bleib, wo er war, im Großen und Ganzen zumindest, und genügend Nahrung zur Verfügung stand (was schon wieder ein ganz anderer und ebenso schlimmer Problemkomplex war). Aber so zu tun, als könne man sowieso nichts machen, war wiederum nichts Anderes als fahrlässig oder zumindest faul, und von beidem hatte keiner was, nicht einmal der Faule selbst.
Drittens: Trotz aller Freiheiten, die das Klima sich nimmt, haben viele Klimaschützer einen ganz bestimmten Bezugspunkt, und das ist die Zeit vor Beginn der Industrialisierung. Damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, endete in Europa die vorläufig letzte Kaltperiode, die sogenannte Kleine Eiszeit. An ihr scheiterte die Expedition Sir John Franklins auf der Suche nach der Nordwestpassage, von ihr erzählt die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie sorgte in ganz Europa für Hunger und Not. Die Winter waren lang und kalt, die Sommer verregnet, die Ernten schlecht. Vor dieser Eiszeit begünstigte eine lang andauernde Warmzeit die Geschicke Europas. Sie brachte eine nie da gewesene kulturelle und wirtschaftliche Blüte, sie erlaubte bis in den hohen Norden hinauf den Weinbau und andere Annehmlichkeiten. Würden Klimaschützer diese Warmzeit in ihr Normalitätsmodell mit einbeziehen, hätten wir kein Problem. Es wäre nicht wärmer, als es schon einmal war, und niemand müsste sich Sorgen machen.
Die Kleine Eiszeit als globale Erscheinung war mittlerweile umstritten, umstrittener jedenfalls als die globale Erwärmung. Wen es genauer interessierte, der mochte auf Wikipedia nachlesen (>>). Aus der Perspektive der Nordhalbkugel war wärmer sicherlich ganz toll: Wein für alle, schneefreie Winter und Kulturelle Blüten! Wie großartig. Was Herr Schulze geflissentlich ausblendete, waren die vorliegenden Daten, die als solche nicht disputabel waren:
Seit wenigstens 650.000 Jahren lag der Anteil jedoch immer unterhalb von 280 ppm. Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008).
(Quelle: Wikipedia)
Das CO2 war da. Sein Anstieg fiel mit der Industrialisierung zusammen. Es wurde mehr. Wir kannten den verdammten Mechanismus des Triebhauseffekts, und man konnte extrapolieren, wie sich die Temperaturen verändern würden. Das bedeutete nicht nur Wein in Schweden, es bedeutete auch schmelzende Gletscher, schmelzendes Eis an den Polarkreisen, auftauende Tundra-Permafrostböden, freigesetzt werdendes Methan (ein Treibhausgas, gegen das CO2 ein billiger Witz war), steigende Meeresspiegel, all solche Dinge. Aber Hauptsache, Europa hatte es warm und gemütlich. Mir fehlten die Worte angesichts solcher Unverfrorenheit.

Der von den Klimaschützern erwartete dramatische, unheilvolle, katastrophale Klimawandel beruht auf Prognosen, Computersimulationen und einer selektiven Auswahl von CO2-Messwerten, wie Kritiker ebenfalls beklagen.
Worauf sollten sie denn sonst beruhen, Himmelherrgott? Sollten wir warten, bis die Hütte unbestreitbar brannte, bevor wir uns Gedanken über die Feuerwehr machten? Benutzten Sie Ihr Hirn, Schulze! Es befand sich vermutlich irgendwo zwischen Ihren Ohren!
Mithilfe solcher spekulativen Daten wird dann zum Beispiel vorausgesagt, dass die Malediven demnächst im Meer versinken. Aktuell sind sie jedoch nicht vom Untergang bedroht, da der Meeresspiegel viel geringfügiger ansteigt als vorausgesagt. Auch der Klimawandel selbst macht seit einigen Jahren eine Pause, es wird nicht mehr wärmer.
Wieder das gleiche: Weil ich es jetzt nicht sehen kann, wird es auch in der Zukunft nicht eintreten. Das war lineares Denken, und es war einer der größten denkbaren logischen Kurzschlüsse. Was kümmerte mich die Sintflut morgen! War doch hier und jetzt noch alles in Ordnung mit dem verdammten Ding! Die Malediven gingen jetzt nicht unter, also würden sie es auch morgen nicht tun. Wer wollte einer solchen Logik widersprechen?
Das Argument mit der angeblichen Pause des Klimawandels war hingegen schon so oft wiedergelutscht worden, dass man annehmen sollte, inzwischen hätte sich herumgesprochen, dass nichts daran war. Aber als Strohmannargument diente es offenbar noch immer vorzüglich. Die vollständige Widerlegung des Pseudoarguments gab es hier auf RealClimate (>>).
Trotz aller berechtigten Zweifel an der Idee des Klimaschutzes findet ein Diskurs nicht statt. Aber wie lange noch lässt sich eine Diskurskultur fortführen, in der Skepsis beschimpft und offen gefragt wird, ob Demokratien überhaupt geeignet sind, den Herausforderungen des Klimaschutzes zu begegnen?
Die „berechtigten Zweifel“ waren, wie wir gesehen hatten, unberechtigt. Ein Diskurs fand statt: ein Blick in die entsprechenden Journals und Veranstaltungen sollte genügen, um das zu erkennen. Skeptiker wurden nicht beschimpft, sondern durften offenbar sogar in der WELT publizieren. Und die Frage nach der angeblichen Eignung oder Nicht-Eignung von Demokratien war reine Augenwischerei, dazu gedacht, den Diskurs aus dem Bereich wegzunehmen, wo der Autor Schulze verlieren musste, nämlich dem Reich der Fakten, und ihn ins wertend-politische zu überführen, wo man weiterhin hervorragend um den heißen Brei reden konnte. Kein Klimaforscher forderte eine Klima-Diktatur, und nicht einmal der kleine Mann auf der Straße. Das war alles, was es zu diesem Phantasiegebilde Schulzes zu sagen gab.

Ich kürzte nun ein bisschen ab, neue Argumente von Seiten Herrn Schulzes kamen sowieso nicht mehr. Er endete schließlich mit den pathetischen Worten:
Wir sind die Geldgeber, und wir sind das Volk. Und je mehr auf dem Spiel steht, je mehr man uns abverlangt, desto mehr sind alle Beteiligten, also Wissenschaftler, Politiker und ihre Wähler zum Diskurs verpflichtet. Dieser findet jedoch nicht statt. Noch tragen wir brav alle Anstrengungen mit, aber die Anzeichen verdichten sich, dass wir unser gutes Geld für eine fixe Idee ausgeben. Es spricht alles dafür, dass das Klima bleibt, was es immer war: ein sich selbst regulierendes System.
Ach wie hehr, und ach wie edelmütig. Nochmal: der Diskurs fand statt (beispielsweise hier (>>) ). Auf Politiker und Wähler zu verweisen, hatte wenig Sinn, denn das Problem gestaltete sich insgesamt folgendermaßen: Die Wissenschaft stellte fest, anhand der wissenschaftlichen Methode (>>), die das Beste war, was wir hatten und jemals gehabt hatten, dass die Temperatur stieg. Global. Ebenso wie der CO2-Gehalt der Atmosphäre. Sie überlegte sich, was das bedeuten und nach sich ziehen könnte, und die Folgen waren nicht so toll (siehe oben). Also schlugen sie Alarm, wie der Hahn auf dem Mist. Aufgabe erledigt. Das war es, wozu Wissenschaft da war: die Realität zu untersuchen und systematische Zusammenhänge zu erkennen. Sie war nicht da zum Kaffeekochen, nicht zum Wäscheaufhängen und auch nicht für die politischen Entscheidungen. Sie war dazu uns zu sagen, wie die Realität möglicherweise aussah und was auf uns zukam. Für die Entscheidungen waren wir zuständig, das Volk, und die Flaschen, die wir gewählt hatten. Was aber machten die und wir? Wir führten folgende Diskussion:
„Ach nö, die ist ja scheiße, die Vorhersage. Die stimmt doch sicher eh nicht“, „Mein Onkel/Schwippschwager/Freund eines Freundes meint, dass das sowieso nicht stimmen kann (eigentlich: darf)...“, „Und dann nich mehr Auto fahren oder was?“, „Belastungen der deutschen Industrie sind mit mir nicht zu machen“, und so weiter und so fort.
Sicherlich, wir konnten uns dafür entscheiden, und falsch zu entscheiden. Scheiß aufs Klima, scheiß auf den Rest der Welt, war ja alles nicht erwiesen (wenn man sich dafür entschied, die Fakten zu ignorieren), Rotwein für alle, auch in Schweden, und weiter wie bisher! „Nach uns die Sintflut!“ – und vermutlich ahnte wieder mal keiner, wie Recht er oder sie damit letztendlich haben würde...
Das Klima war nämlich ein selbstregulierendes System, sicherlich - nur leider nicht mit einem anthropozentrischen Balancepunkt. Auch zu Zeiten der Dinosaurier war es hier auf Erden gemütlich - für die Dinosaurier.

Artikel wie dieser Essay Gerhard Schulzes leisteten einen wertvollen Beitrag zu dieser sich der Realität verschließenden Realitätsauffassung (>>). Im Nachgang muss man jedenfalls feststellen: Herr Schulze hatte sich entweder
a) einen Scheißdreck um das Eruieren der vorliegenden Fakten gekümmert, dann ließ er jegliche Sorgfaltspflicht vermissen, um ein Tendenzstück zu konstruieren, oder
b) die Fakten zwar erkannt, sich aus persönlichen oder politischen Gründen jedoch dafür entschieden, sie zu ignorieren und das Gegenteil zu propagieren.
Beides war, gelinde gesagt, unlauter und unverantwortlich. Schulze hatte einen einzigen Strohmann-Artikel geschrieben, und kaum eines seiner "Argumente" entsprach der Wahrheit, er drehte sie nur immer so, wie er sie gerade brauchte. Verdummung war für diesen Essay noch gar kein Ausdruck. Aber er stand ja auch in der WELT.

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Sonntag, November 22, 2009

Verdummungswarnung: Klimawandel noch nicht abgesagt

Ich hatte echt die Schnauze voll, aber so richtig. Man konnte langsam ein eigenes Blog aufmachen, um die Verzerrungen des SPIEGEL zu beobachten *), aber ich wollte verdammt sein, wenn ich es wäre, der sich mit der ganzen Scheiße herumschlug.

Seit einigen Tagen bemühte sich der SPIEGEL auffällig, den Klimawandel zu leugnen, hier (>>) und hier (>>) beispielsweise. Der erste Artikel behauptete, dass der Klimawandel Pause machte - was es hingegen war, war eine Fehlinterpretation und Vorauswahl der vorliegenden, fehlerhaften Daten, beispielhaft erklärt hier (>>), auf RealClimate.org (>>). Der andere war quasi ein offenes Forum für Leugner des Klimawandels. Gut, auch die brauchten Publicity. Sie mussten das Geld der Strom-, Öl- und Autokonzerne ja irgendwie verdienen. Aber auch dieser Artikel war ein reines Strohfeuer, dem hier (>>) der Wind aus den Segeln genommen wurde. Wenn man keine Ahnung von Wissenschaft hatte, musste man einfach mal einen fragen, der sich damit auskannte, bevor man seine Tendenzartikel schrieb; und wenn man Ahnung hatte und trotzdem so einen Mist verzapfte, na, dann war ja klar, wes Geistes Kind man war.

Der SPIEGEL hatte eindeutig seine Agenda: Er war immmer mehr ein neoliberales Kampfblatt, für den status quo und ansonsten gegen alles, und von wem er sein Geld bekam, wurde mit jedem Tag eindeutiger. Man musste sich nicht einmal mehr die Anzeigen anschauen, um das herauszukriegen.

Die ganze Angelegenheit mit dem Datenklau auch noch einmal hier (>>), auf Telepolis, wenn man auf englische Webseiten keine Lust hatte.

- - - - -
*) Für die BILD-Zeitung gab es sowas ja schon (>>). Und für den SPIEGEL wurde es langsam höchste Zeit.

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Freitag, November 20, 2009

Alte Links, noch immer aktuell

Es war erstaunlich, was ich alles bookmarkte (Achtung, Neudeutsch) - und noch erstaunlicher war, was ich alles gebookmarkt (dito) und danach nicht nochmal gelesen hatte.

Wenn ich mich diesem ganzen alten Krempel dann aber nochmal zuwandte, dann sprossen die Ideen wie die Blümchen im Mai. Die nächsten Tage und Wochen konnten interessant werden hier auf dem Blog, wenn ich die Zeit dazu fand.

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Der (Denk-)Fehler im System

Es gab eine Sache, die begriff ich nicht. Ich konnte mich auf den Kopf stellen wie ich wollte, grübeln, bis mir die Birne rauchte, nüchtern oder stockbesoffen sein, für mich allein oder in heißer Diskussion mit Freunden oder Feinden, aber diese eine Sache ging mir nicht auf. Ich war, so dachte ich, nicht blöd – vielleicht nicht unbedingt ein Genie, aber auch nicht zu blöd, um mir die Schuhe zu binden, meinen Haushalt selbst zu führen und mein Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen, im Großen und Ganzen. Also ein ganz normaler Typ, und als solcher verstand ich es nicht:

Warum sägte der kleinere Teil unserer Gesellschaft so eifrig an dem Ast, auf dem er ganz komfortabel saß?

Nein, die Rede war hier nicht von den Hartz-IV-Empfängern, die sowieso schon am Arschloch unserer Gesellschaft angekommen waren, von all jenen biertrinkenden, faulen, vaterlandslosen Gesellen, die ja schon könnten wenn sie wollten, nicht wahr, Herr Baron? Nein, ich meinte das andere Ende der Skala, jene Menschen in unserem Land, die hervorragend gebettet waren und ohnehin schon genug hatten, den Hals aber offenbar noch immer nicht voll genug bekommen konnten und gerade dabei waren, sich so richtig zu verschlucken – und das Heimlich-Manöver, dass da am noch Ende noch retten konnte, musste erst noch erfunden werden.

Wir waren zu dieser unserer Zeit die Zeugen einer großen Spaltung: in jene, die immer mehr, und die anderen, die immer weniger hatten. Die letzteren waren die Habenichtse, deren Zahl immer mehr zunahm; die anderen waren die oberen Zehntausend, denn sehr viel mehr würden sie am Ende, wenn das Spaltungs-Spiel bis hin zur letzten Konsequenz gespielt war, auch nicht sein. Dem Spiel zugrunde lag eine Ideologie, ein Denksystem, das die Hirne und Herzen der Menschen erobert und vergiftet hatte. Es nannte sich „Profit“ oder einfach nur „Mehr“, oder, wenn man es komplizierter haben wollte, landläufig „Neoliberalismus“. Es bedeutete, dass auf alle Regeln, die ein gemeinsames Miteinander in der Gesellschaft möglich machten, sukzessive geschissen wurde; dass Dinge, die einmal allen gehörten, nun wenigen gehören sollten, die mit diesem Besitz dann den anderen das Geld aus der Tasche angelten; und dass es ein gemeinsames Interesse nicht mehr gab, sondern nur noch die Interessen der einzelnen. In letzter Konsequenz waren diese Interessen der einzelnen natürlich dann die Interessen jener, die die Kohle hatten.

Ich dachte also wirklich angestrengt hierüber nach, und ich versuchte, mich auch in die Rolle jener zu versetzen, die da profitierten – man musste die Welt ja auch mal durch die Augen seiner (moralischen) Feinde zu betrachten versuchen. Naja, eines war sicher: Jene Menschen waren der Sphäre der banalen Notwendigkeiten längst enthoben – wenn man ein Vermögen von 13+x Milliarden Dollar sein eigen nannten, wie es beliebigerweise herausgegriffen die Otto-Familie tat (>>), dann musste man sich über Alltäglichkeiten keine Gedanken mehr machen. Man bewegte sich in anderen Dimensionen, man hatte vermutlich andere Bewertungsmaßstäbe, zuerst für andere, vor allem aber für sich selbst. Geld verlor den Charakter einer (Lebens-)Notwendigkeit (irgendwie mussten die Rechnungen ja bezahlt werden, nicht wahr?), es wurde zu einem Code, der direktes Feedback über den eigenen Lebenserfolg hab, ganz nach dem Vorbild des seligen Calvinismus und seiner Arbeitsethik (>>). Und um immer erfolgreicher, immer wertvoller, immer besser zu sein, für alle zu sehen, brauchte man natürlich mehr von dem, was dem Code zugrunde lag – also mehr Geld. Woher nehmen und nicht stehlen? Natürlich von den anderen, die (noch) welches hatten, womit wir bei der heutigen, aktuellen Situation unserer Gesellschaft angekommen waren.

Und jetzt zurück zur Frage: Warum machten sie es?

Sie hatten doch kange Jahre gut gelebt, auch im sogenannten „Rheinischen Kapitalismus“. Sicherlich, 25 Prozent Rendite waren das nicht gewesen, aber naja, unter Freunden, und wenn man sowieso schon ein paar Milliönchen auf der Kante hatte... Sie waren oben, die anderen waren unten, in paar in der Mitte, und alle jene hatten gedacht, dass sie es ja vielleicht bis oben schaffen konnten, vielleicht... Das System war in der Balance gewesen, bis, ja bis die Ideologie und der Code sich änderten.

Dabei war der Code die eine Sache, das Untergraben der Grundlagen der eigenen Existenz eine ganz andere. Je mehr Geld man hatte, umso mehr musste man, natürlich, zuerst von anderen genommen haben. Tatsächlicher Wert entstand ja nicht aus dem Nichts, außer an der Börse; wenn man allerdings von anderen nahm, hatten die immer weniger. Solidarität wurde kleingeschrieben, warum sollen wir (Besserverdienende) für euch zahlen? Also zum Teufel mit Sozialhilfe und Arbeitslosengeld; zum Teufel mit Arbeitgeberanteilen, gleicher Medizin für alle, also wirklich, warum sollen wir die Unterschicht finanzieren? Ja, warum?

Dabei ging es nicht in erster Linie um Finanzierung, egal von wem. Es ging darum, dass ein unmenschlicher Code unsere Gesellschaft unterwandert hatte. Unmenschlich deshalb, weil er mit dem Menschen nichts zu tun hatte – einen Menschen konnte man nicht auf einen Euro-Wert reduzieren, egal, wie sehr manche das auch versuchten. Es ging um ganz andere, augenscheinlich viel kleinere und tatschlich viel größere Dinge als das – um ein menschenwürdiges Leben, gerechte Chancen, soziale Gerechtigkeit, ein Begrenzen des Auseinanderklaffens zwischen ganz oben und ganz unten (die ganz oben konnten ihr Geld sowieso nicht ausgeben), um eine Gesellschaft, die ihren letzten noch so behandelte, dass es dem ersten nicht zur Schande gereichte. Sicher, manche nannten das „utopisch“ oder „sozialromantisch“ oder einfach nur „links“, und deshalb waren wir auch in dieser Situation. Ich nannte es gesunden Menschenverstand. Wir hatten (oder taten jedenfalls so) zu dieser Zeit nur noch das Geld als Messinstrument *), und alles, was nicht in Geld, auf Heller und Pfennig, messbar war, fiel unter den Tisch. „Zahlen | Nicht zahlen“ war laut Luhmann die Leitdifferenz der Geschäftswelt, die alle anderen Welten vereinnahmt hatte, und so wenig ich von Luhmann als Theoretiker hielt, so musste ich ihm bei diesem dennoch zustimmen: Wer nicht mehr zahlen konnte in unserer Welt, der war draußen.

Und jetzt endlich zum Fehler, der eigentlich ein ganz offensichtlicher war: Wer andere Menschen an die Wand drückte, der kam vielleicht einige Zeit damit durch, vielleicht sogar sehr gut. Aber je mehr andere er ausgrenzte, abzog, marginalisierte, desto größer wurden der Groll, die Wut und am Ende die Rache. Mein Gott, die Sozialgesetzgebung war unter Bismarck aus keinem anderen Grund eingeführt wurden, als die Arbeiter im Zaum und befriedet zu halten (>>); nun wurde all das in den Gully gekehrt, die Tricks des großen konservativen Lehrmeisters selbst, weil man dachte, den anderen Menschen noch mehr zumuten zu können – und vielleicht konnte man das, vielleicht sogar noch einige Zeit, aber am Ende wäre irgendwann die Grenze erreicht, und dann half vielleicht kein Geld mehr, dann war der Code am Ende, dann war alles am Ende – das Geld, der Code, die oberen Zehntausend und das ganze System, das ihnen bei ihren Raubzügen zu Diensten gewesen war. Und dann würde eine andere Zeitrechnung beginnen; ob sie besser werden würde, das stand in den Sternen (und eine Menge Wolken waren am Himmel). Ein geteiltes Haus jedenfalls konnte nicht stehen, das war die eine Sache, die so sicher war wie das Amen in der Kirche.

Die Frage aber, die ich nicht beantworten konnte, die lautete:
Warum sägten diese Idioten an ihrem eigenen Ast?

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*) Interessant: andere Bemessungsgrundlagen für den Zustand der Gesellschaft als Geld allein – Joseph Stiglitz et al. Im Bericht an den französischen Präsidenten (>>).

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Donnerstag, November 19, 2009

Verdummungswarnung: Alles diskutiert die SZ, nur das Gerücht selbst nicht

Gerade erst geschaffen, ging mir diese Rubrik schon wieder auf den Geist: Es wurde so viel verdummt, dass ich zu gar nichts anderem mehr kam. Jetzt war die Süddeutsche Zeitung an der Reihe, mit diesem vordergründig nachdenklichen Artikel (>>).

Es ging darin um die Frage, wann, und wenn ja, wie man über das Privatleben von Politikern, in diesem Fall Lafontaine, berichten durfte. Nico Fried dachte hin und her, um manche Ecke und wieder zurück, und kam dann zu dem Ergebnis, dass... Ja, was denn eigentlich? Ach ja, dass das Argument, dass Privates berichtet werden durfte, wenn es politische Folgen hatte, eine Krücke sei, deren Stabilität davon abhing, wie stark man sich darauf stützte. Was für ein Satz. Letztlich läge die Entscheidung beim Journalisten. Es sei seine Freiheit und seine Verantwortung.

Das war ja soweit ganz toll. Was Nico Fried allerdings auch schrieb, waren Absätze wie dieser:
Der Fall Lafontaine hat nun eine besondere Note bekommen, weil der Linken-Chef mittlerweile eine Krebserkrankung öffentlich gemacht hat. Das lässt den Artikel über sein Privatleben peinlich erscheinen, obgleich der Vorwurf in diesem speziellen Punkt ungerechtfertigt ist, weil ja das eine das andere nicht widerlegt.
Na, merkte man da was? Lafontaine hätte "mittlerweile" eine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Der vorher bereits geschriebene Artikel, der ihm eine Affäre anhängte (und über den ich schon genug geschrieben hatte, zum Beispiel hier (>>)) war also peinlich. Er sei aber durch den Krebs nicht widerlegt worden. Nicht widerlegt? Augenblick mal!

Der Artikel der SPIEGEL-Schmierer musste nicht widerlegt werden, denn er war gar nicht bestätigt. Die Nullhypothese galt, bis die Alternativ-Hypothese bestätigt war, oder umgangssprachlich: Im Zweifel für den "Angeklagten". Wenn irgendeiner in der Schmierenbrigade einen Beleg für eine wie auch immer geartete persönliche Liebesbeziehung hatte, dann her damit. Aber den hatten sie nicht. Was sie hatten, war ein politisches und monetäres Ziel, politisch deshalb, weil sie die LINKE offenbar nicht mochten, und monetär, weil sie für ihren Unfug ja wahrscheinlich bezahlt wurden. Aber einen Beleg gab es offenbar nicht, sonst hätten wir den mittlerweile schon alle gekannt.

Was machte Nico Fried hier also? Er tat implizit so, als sei an dem Gerücht was dran und die Affäre existent, denn das eine widerlegte das andere ja nicht, und wer Krebs hatte, hatte ja vielleicht genau deswegen auch gleich noch eine Affäre, Torschlusspanik sozusagen.
Was man Herrn Fried vorwerfen konnte, war auf jeden Fall sprachliche Ungenauigkeit, gerade soviel Unschärfe, dass implizit das Unausgesprochene gestärkt wurde - und das war, soviel musste man der SZ lassen, auf jeden Fall schonmal um Welten eleganter als alles, was der SPIEGEL in den letzten Wochen und Monaten zustande gebracht hatte. Chapeau!

Und selbst wenn an all den Gerüchten etwas dran gewesen wäre, es hätte mich nicht interessiert. Alle Vorwürfe der Wählertäuschung liefen ins Leere, und das auf eine Weise, die sich all jene, die nun Zeter und Mordio schrien, wohl nicht vorstellen konnten. Ich hatte die LINKE gewählt, und ich hatte das nicht getan, um Oskar Lafontaine in Berlin als Fraktionsvorsitzenden zu sehen, auch wenn das schön gewesen wäre. Ich hatte es getan, weil ich nach wie vor an Dinge wie Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und an die Gestaltungsmacht des Staates und seines Souveräns, also uns, glaubte. Wer immer die Kärrnerarbeit im Bundestag machte, war da nebensächlich.

Aber solche Dinge wie Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und so weiter waren für das Personal mancher Zeitungen wohl so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln. Und nicht nur für jene.

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Mittwoch, November 18, 2009

Verdummungswarnung: Was man nicht sieht, das gibt es nicht

Kaum zu glauben, aber wahr: Unter dem Link, unter dem gestern noch der politische Rufmord an Lafontaine zu finden war, hatte der SPIEGEL nun diesen Artikel gepostet (>>) - der eine weitere Abrechnung mit dem Politiker und Menschen Lafontaine war, natürlich, der nun aber Textstellen wie diese nicht mehr enthielt:
Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.
Ha ha ha, ein Schenkelklopfer sondergleichen. Dass solche Epistel nach der aktuellen Nachrichtenlage nicht mehr opportun waren, war nun offenbar sogar Markus Deggerich und seinen Kumpanen aufgefallen.

Man konnte dem SPIEGEL nur Glück damit wünschen,
die eigene track record zu fälschen - am Ende kämen ihm ansonsten noch Leser anhanden! Also sowas.

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Last Man Standing: Politische Gestaltungsmacht vs. gelebte Ohnmacht

No peace for the wicked: Die Meinungsmache ging ordentlich weiter, jetzt wieder im stern, worauf ja auch schon Albrecht Müller selbst auf den Nachdenkseiten hingewiesen hatte (>>).

Den stern-Artikel gab es hier (>>): In ihm demontierte ein gewisser Tilman Gerwien die Präsentation von "Meinungsmache" letzten Donnerstag hier in Berlin (>>). Vielleicht war das Ganze witzig oder ironisch gemeint, immerhin lief es unter der Überschrift "Abwasch der Woche", die sowas implizieren konnnte; das entzog sich meiner Kenntnis. Da der kurze Text aber viele Tatsachen vollkommen verdrehte und sämtliche Teilnehmer außer Hans-Ulrich Jörges als realitätsfremd darstellte, war eine Antwort fällig.

Das Publikum war sich laut Gerwien einig mit Müller und Lafontaine, ewig Gestrige, die zurück in die siebziger Jahre wollten, eine Zeit, da alles besser gewesen sei:
Die Renten waren sicher, die Bundeswehr blieb in ihren Kasernen (andere vergossen im Zweifel ihr Blut für unser Öl), der öffentliche Dienst war fett und im Fernsehen gab es nur drei Programme, ab 23.00 Uhr hieß es: Ab in die Heia, aber ganz schnell, da kam nämlich nur noch das Testbild.
Ich fragte mal provokant: und? Wo war das verdammte Problem hierbei? Seien Sie mal nicht so wählerisch, Herr Gerwien, Ihr Bild der "alten Bundesrepublik" war unvollständig. Es war außerdem die Zeit, da nationale Politik noch etwas beschließen und bewirken konnte; da die Menschen noch nicht von Existenzangst bedroht in beschissenen "Jobs" ausharrten; da die gesellschaftliche Ideologie in Zeiten des sogenannten "Rheinischen Kapitalismus" noch nicht "Mehr, mehr, mehr!" lautete oder "Geiz ist geil", und da es, dem Hörensagen nach wenigstens, auch noch so etwas wie Anstand und Moral in den höheren Etagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegeben haben soll, ab und an zumindest. Eine Scheißzeit, nicht wahr? Heute war alles besser, der Rubel rolllte, und wenn er weiter brav das berichtete, was von ihm erwartet wurde, dann rollte er vielleicht sogar zu Herrn Gerwien und rieb sich zutraulich an seiner Wange.
Aber das war ja nichtmal das eigentliche Problem, weder das Personal beim stern, noch der dämliche Rubel.

Denn was erstaunlicherweise während der Veranstaltung nicht in den Kopf von Jörges und später offenbar nicht in den Kopf von Gerwien wollte, war, dass das Publikum vielleicht Recht gehabt haben könnte. Noch auf der Veranstaltung posaunte Jörges immer wieder vom Podium, "die Leute sind nicht so dumm wie Sie [angeblich] denken", aber das Publikum der Veranstaltung war ihm offensichtlich zu dumm. Es erkannte seine Weisheit nicht und sah offenbar nicht ein, sich irgendwelchen postulierten Sachzwängen zu beugen zu müssen, wenn man die Gegenwart und Zukunft auch anders gestalten konnte.

Wofür Lafontaine als weiterer Teilnehmer der Diskussion in meinen Augen stand, war, dass er als einer der letzten auf Bundesebene tätigen Politiker noch an so etwas wie die Gestaltungsmacht des Staates glaubte. Er war kein Getriebener, er war kein Erfüllungsgehilfe irgendwelcher Sachzwänge, und er hatte sich, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach, nicht dem blinden Wirtschaftsglauben und den mit ihm einhergehenden "Werten" (absichtlich in Anführungszeichen gesetzt) unterworfen.

Und tatsächlich hatte er Recht: Letztendlich entschied der Souverän in seiner Gesamtheit, wir alle, wie wir leben und welchen Götzen wie dienen wollten, und nicht jene, die sowieso schon am Besten dastanden qua Milliardenvermögen, Medienbesitz, Managerpositionen mit goldenen Fallschirmen etc. pp. Naja, so sollte es wenigstens sein. Mit Realitätsverweigerung hatte das nichts zu tun, und auch nicht mit einer Rückreise in die siebziger Jahre, wie es offenbar Jörges und Gerwien schien - eher damit, dass wir die Realität, in der wir leben, gestalten konnten und noch immer wollten.

Dafür standen Albrecht Müller als Mahner und besonders Oskar Lafontaine als Politiker, jener gewissermaßen als "last man standing". Ich hoffte ehrlich, dass er in der Lage sein würde, diesen seinen Mann noch etwas länger zu stehen. Denn der Glaube an die tatsächliche und noch immer vorhandene Gestaltungsmacht des Staates war es, der uns bitter fehlte; er war das Gegenteil zu dem, was in den letzten elf Jahren unter Rot/Grün und Schwarz/Rot geschehen war und jetzt unter Schwarz/Gelb wohl weiter geschehen würde. Diese Nachlassverwalter des demokratischen Staates verkörperten nichts weiter als gelebte Ohnmacht, ohnmächtig in ihren Rollen, in denen sie eigentlich Handelnde und Gestaltende sein sollten, in unser aller Interesse, und doch allzu oft nichts Anderes waren als Diener des Geldes und der Sach- und Gewinn"zwänge", die man ihnen ins Ohr gesetzt hatte.

Wir brauchten wieder Politiker, die zu uns allen sprachen. Das war ein kaum noch bestelltes Feld.

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Herzlichen Dank an Margareth Gorges (>>) für die Motivation zu diesem Post.

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Mein ursprünglicher Bericht über die Präsentation fand sich übrigens hier (>>).

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Und das Video der Veranstaltung, heute von den NDS hochgestellt, hier (>>).

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Verdummungswarnung: Der SPIEGEL setzt weiter auf tote Pferde

Oskar Lafontaine war an Krebs erkrankt, und alle berichteten darüber - wenn auch die meisten distanziert und matter-of-fact (eine Ausnahme war der stern (>>)). Auch der SPIEGEL sah sich gezwungen, die Fakten anzuerkennen, mehr als das jedoch nicht: Noch im Artikel über Lafontaines Krankheit (>>) wurde das Gerücht einer Beziehung zu Sahra Wagenknecht gleich wiederholt:
Lafontaines Erklärung kommt kurz nach einem Bericht des SPIEGEL, zu dem er sich vergangene Woche vor Drucklegung nicht äußern wollte und der an diesem Montag zu einem Krisentreffen von führenden Linken in Berlin führte. Nach Informationen des SPIEGEL wurden in der Parteispitze andere Gründe für Lafontaines Rückzug ins Saarland diskutiert: Lafontaine sei seiner Parteigenossin Sahra Wagenknecht nicht nur inhaltlich näher gekommen, hieß es, von einem Verhältnis sei die Rede. Daher habe er sich auf Druck seiner Ehefrau vom Vorsitz der Bundestagsfraktion in Berlin zurückgezogen.

Das Ehepaar Lafontaine und sein Parteikollege Gregor Gysi wollten zu den Gerüchten keine Stellung nehmen, Wagenknecht dementierte eine private Beziehung.
Wieder: Konkrete Quellen wurden nicht genannt, zu Nachfragen würde "keine Stellung genommen", als sei irgendein Mensch verpflichtet, solchen Humbug, egal ob wahr oder unwahr, auch noch zu kommentieren - hier wurde versucht, noch über den Krebs hinaus die Stellung eines unangenehmen Politikers weiter zu beschädigen. Wenn man die Lüge nur lange genug wiederholte, dann setzte sie sich auch fest - das schien mir die Hoffnung dieser Lohnschreiber zu sein. Ein Genesungswunsch an den Menschen Lafontaine übrigens? Fehlanzeige.

Das Schmankerl am Rande: Auch diesen Artikel verfasste federführend - Markus Deggerich. In Sachen Rufmord musste man sich diesen Namen merken. Slander, anyone?

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Dienstag, November 17, 2009

Lafontaine hat Krebs, wird gemobbt

Das (den Krebs) berichtete zumindest die SZ (>>). Na toll. Ich erinnerte mich an ein Zitat meines Deutschlehrers aus gefühlt vorgeschichtlicher Zeit:
Du lebst, und einer wie Goethe musste sterben.
Oskar Lafontaine hatte Krebs, und Merkel war Bundesmatrone und Schröder arbeitete über eine Ecke für einen lupenreinen Demokraten.
Manchmal war das Leben wirklich zum Kotzen.

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Das Schmierentheater, das dieser Meldung vorausging, konnte man übrigens beim Spiegelfechter (>>) und dem Oeffinger Freidenker (>>) bewundern. Mir fehlten die Worte. Wer jetzt noch SPIEGEL-Leser war, kaufte auch bald keinen mehr.

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Der bodenlose Tendenzartikel des SPIEGELS, verfasst von den Herren Stefan Berg und Markus Deggerich, fand sich übrigens hier (>>), auch wenn er bei SPON dann ganz schnell in den hinteren Schubladen verschwunden war.

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Warum kein Journalismus mehr stattfindet

Ich beklagte es oft, und (formalige) Leitmedien wie der SPIEGEL und sein Ableger SPON, die Süddeutsche Zeitung, die taz, die Zeit, die FAZ und wie sie alle hießen gaben alle mehr oder minder Exempel für die Situation ab, die ich da bedauerte: Richtiger Journalismus fand kaum noch statt. Zeitungen, die ich hier vergessen hatte, standen nur aus Mangel an Lust nicht hier: Die meisten von ihnen konnte man in denselben Sack stecken und zumachen, so schlimm war die Lage.

Was meinte ich mit richtigem Journalismus?
Zum Teufel, einfach, dass Dinge und Behauptungen und Versicherungen und Entwicklungen kritisch begleitet und, wo nötig, auch hinterfragt wurden, dass sich einer auf seinen Hosenboden setzte und recherchierte, dass den Dinge auf den Grund gegangen und nicht nur die immer selben Presse- und Agentur-Meldungen wieder und wieder wiedergekäut wurden. Vielleicht war ich blauäugig, aber gemäß der Auffassung von Journalismus als der vierten Gewalt (>>) im Staate durfte man auch ein paar Ansprüche haben, fand ich. Aber wie es aussah, hinterfragte keiner mehr, keiner kontrollierte; Pressemitteilungen wurden unkommentiert abgeschrieben, Gewäsch von Think Tanks und Vereinigungen gleich welcher Couleur kritiklos wiedergegeben (solange es nicht etwa von Links kam, denn Links war böse, Links besaß nicht das Geld), und die Politik konnte oftmals machen, was sie wollte - nicht immer, so weit waren wir noch nicht, aber viel zu oft, und die immer öfter auftretende „Hofberichterstattung“ mancher Medien (>>) machte die Sache nicht besser, sondern setzte ihr die Krone auf.

Woran lag es also? An dieser Stelle gab ich die Bühne frei für Tom Schimmeck (>>), laut dem DLF (>>) ehemaliger Spiegel-Redakteur, taz-Mitbegründer und renommierter freier Autor, der die Dinge aus der Innensicht des Journalisten hier (>>) hervorragend beim Namen nannte. Die vollständige Lektüre war wärmstens empfohlen. Kostprobe:
Honorare stehen nur selten noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zum betriebenen Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen – wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie nochmal losfahren und richtig hingucken, sind Sie ökonomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch „Qualitätszeitungen“ zahlen wahrlich keine Qualitätshonorare mehr.
Und so ging es weiter:
Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten für sogenannte Überprüfungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. Für die Kontrolle der Glaubwürdigkeit und Richtigkeit von Quellen und Informationen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit beläuft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, könnte man folgern, ist der letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.
Geld war noch da. Es wurde nur nicht mehr ausgegeben. Sicher, man war immer groß am Jammern was das Geldverdienen anging diese Tage, aber in den meisten Fällen, jedenfalls am oberen Ende der Einkommensskala, mehr aus Gier denn aus Not. Zeitungen mochten keine Gelddruckmaschinen mehr sein angesichts des Internet und der informationstechnischen Quellenfragmentierung, aber vom Mediensterben der USA (was immer dort dran war) waren wir noch immer weit entfernt. Wie Schimmeck es ausdrückte:
Das notorische Endzeit-Gezeter der Verleger aber ist nicht konstruktiv. Es dient vor allem dazu, besser Kasse zu machen. Im dritten Quartal 2009 wurden laut IVW 115,79 Millionen Publikumszeitschriften verkauft – etwa 1,8 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Der Kioskverkauf ist um 5,9 Prozent gestiegen. Pro Erscheinungstag konnten außerdem 23,25 Millionen Tageszeitungen einschließlich Sonntagszeitungen abgesetzt werden. Das sind gerade mal 1,17 Prozent weniger als im Vorquartal. Der Einzelverkauf ist mit aktuell 7,16 Mio. Stück sogar leicht gestiegen.

Auf den Milliardärs-Listen von Forbes finde ich neben Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, neben Schlecker und Thurn und Taxis weiterhin auch Hubert Burda, Friede Springer, Heinz Bauer, Anneliese Brost (WAZ), drei Holtzbrincks sowie die Familie des im Oktober verstorbenen Reinhard Mohn. Wir müssen also vielleicht doch nicht sofort sammeln.
Journalismus richtig zu betreiben war immer auch eine politische Entscheidung, und zwar ganz oben im Medienunternehmen, dort, wo das Geld tatsächlich saß. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte.

Abschließend eine Bemerkung von John Cusack, der schlaueste Satz aus einem Interview mit dem SPIEGEL (>>), der sich zwar nicht exakt auf den Journalismus per se bezog, jedoch dennoch gut passte. John Cusack kritisierte ausdrücklich die Filmkritik, aber zugleich war es Lagebeschreibung für das journalistische Handwerk allgemein:
Ich denke jedenfalls, dass sich Politikjournalismus und Filmkritik mittlerweile sehr ähneln. Ernsthafte Stimmen gehen inmitten billiger Kommentare unter, die sich den Strategien des Spiels widmen, aber kein größeres Bild dessen entwerfen, was das Spiel selbst überhaupt ist. Die Leute drehen die immergleichen Spin-Argumente hin und her, das ist fauler Journalismus. Dabei kann die Demokratie ohne wirkliche Journalisten gar nicht überleben. Aber wie sollen die gehört werden zwischen all den Image-Sprechpuppen und den O-Ton-Schnipseln von Politikern?
Wenn man Hans-Ulrich Jörges vom stern bei Albrecht Müllers Buchvorstellung der
Meinungsmache in Berlin (>>) gesehen hatte, wusste man genau, wovon Cusack da sprach.

So war die Lage.
Richtig gut war sie nicht.

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[Bild: Daniel R. Blume (>>) bei
Wikipedia]

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Montag, November 16, 2009

Nach dem Parteitag

Analysen gab es von berufeneren Seiten als der meinen; siehe der Spiegelfechter hier (>>), die Nachdenkseiten da (>>), Feynsinn obendrauf (>>), und fixmbr zum Abrunden (>>), alle mit anderen Meinungen, alle sicherlich diskutabel.

Ich mochte lieber noch auf diesen Artikel (>>) in der FR hinweisen, eine Analyse eigentlich, der das Dilemma der SPD, die verfehlte Arbeit ihrer abgeschotteten Führungsriege und den Vertrauensverlust dieser einstmals sicherlich wichtgen und großen Partei großartig zusammenfasste:
Das Ausmaß dieses Vertrauensverlustes wurde insbesondere nach dem 14. März 2003 offensichtlich, als SPD-Kanzler Schröder seine als "Agenda 2010" gefasste Konzeption einer Reform der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in Berlin vorstellte. Es handelte sich dabei um die konsequente Folge des in der SPD seit dem Rücktritt ihres Vorsitzenden Lafontaine nicht ausgehandelten Streits zwischen sogenannter Marktorientierung und sozialer Gerechtigkeit.

Dieser Konflikt wurde in einem geradezu dezisionistischen Akt der engsten SPD-Parteiführung entschieden und von vielen Parteimitgliedern, Gewerkschaftern und Wählern als Preisgabe der sozialen Gerechtigkeit empfunden, die nach wie vor als der ureigene programmatische Kern der Sozialdemokratie wahrgenommen wird. Ohne innerparteiliche Diskussion und ohne eine diese Entscheidung begleitende konsistente Politik und Vermittlung nach außen war mit dieser grundlegenden Verschiebung des sozialdemokratischen Koordinatensystems das Fünfparteiensystem auch in Westdeutschland angekommen.
Sicherlich, sie würden weiter so tun, als gäbe es nichts auszusetzen, außer vielleicht an den Verständnisfähigkeiten des gemeinen Wählers, des alten Dummkopfs. Das alte Personal, die alten Seilschaften, Lippenbekenntnisse in der Opposition, und dann, schließlich, wahrscheinlich wieder das Gegenteil an der Regierung, wann auch immer: "An ihren Taten sollt ihr sie erkennen."

Aber wenn in den nächsten Jahren die Wogen der Geschichte über dem Haupt der SPD zusammenschlugen, nun, so konnte keiner sagen, er hätte es nicht wissen können - es stand alles hier, für jeden zu sehen.

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Sonntag, November 15, 2009

Schlafes Bruder, Volkstrauertag

Ich war, unter anderem, Psychologe. Ich hatte auch schon gute Freunde und Verwandte an den Tod verloren, wie wahrscheinlich jeder von uns. Gerade vor diesem Hintergrund machte mich ein Artikel wie dieser (>>) fassungslos. Man musste ihn gar nicht mehr kommentieren. Wer es verstand, der verstand ohnehin; wem man es erklären musste, der würde es sowieso nicht verstehen.

Und das alles am sogenannten Volkstrauertag (>>). Es war so ironisch, dass ich erstmal einen trinken musste.

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Verdummungswarnung: Langguth bei SPON

Es wurde langsam Zeit für eine neue Rubrik, die "Verdummungswarnung" - denn wenn ich mir die Medien da draußen so anschaute, dann konnte ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass sie (außer Geld, Geld, Geld und Sex) vor allem eines im Sinn hatten: uns zu verdummen. Das folgende Beispiel möge genügen.

SPIEGEL Online, seines Zeichens nicht gerade ein Fackelträger des aufgeklärten und unabhängigen Journalismus, sondern eher in einer Riege mit der BILD-Zeitung zu sehen, postete heute einen neuen Artikel, ein Lob der Kanzlerin und ihrer Machtpolitik (>>). Beliebige Zitate aus diesem:
Angela Merkel sitzt als Kanzlerin und Parteivorsitzende fester im Sattel als Helmut Kohl in seinen besten Zeiten. Diese Aussage mag viele überraschen, erst recht angesichts des "fluiden" Parteiensystems der Bundesrepublik und der Tatsache, dass die Wählerschaft immer unberechenbarer wird. "Abstrafaktionen" bei Landtags- und Bundestagswahlen sind heute in einem nie dagewesenen Ausmaß möglich - und eben auch und erdrutschartige Verschiebungen um zehn Prozentpunkte und mehr.

Meine Vorhersage lautet trotzdem: Angela Merkel ist in der Lage, zeitlich an die Amtszeit von 16 Jahren von Helmut Kohl heranzukommen.

Worauf sich diese beiden Thesen gründen? Zunächst ist die CDU als "bürgerliche Partei" der Mitte eine sehr pragmatische, zugleich regierungszentrierte und machtorientierte Partei. So lange die Meinungsumfragen den Unionsparteien auf Bundesebene den Verbleib an der Macht signalisieren, so lange dürfte Merkel nicht gefährdet sein. Sie ist Vorsitzende einer Partei, die sich nicht durch ein Höchstmaß an theoretischen Auseinandersetzungen aufreibt, sondern die pragmatisch Mehrheitspositionen - wenngleich in Koalitionen - erarbeitet.
Oder wie war es hiermit:
Die Kanzlerin umgibt sich mit sehr effektiv arbeitenden, selber politisch nicht im Rampenlicht stehenden Abteilungsleitern. Insgesamt hat sie bei deren Auswahl eine gute Hand bewiesen, auch bei der Auswahl des Regierungssprechers. Das Kanzleramt läuft reibungslos, was nicht zuletzt auch der Verdienst ihres ersten Chefs des Kanzleramtes, Thomas de Maizière, ist. Die Scharnierfunktion zwischen Kanzleramt und Partei beziehungsweise Fraktion wird durch die Merkel-Getreue Beate Baumann vorgenommen, in Staatsgeschäften vertraut Merkel auf den neuen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla.
Nun war derlei Lobhudelei gleich besser zu verstehen, wenn man sich den Werdegang des Autors, Gerd Langguth (Wikipedia (>>)), anschaute - sogar SPON kam nicht darum herum, diesen wenigstens anzudeuten. Beim SPIEGEL las sich das dann so:
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, unterrichtet Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestages und des CDU-Parteivorstandes. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.
Demgegenüber las sich die bei Wikipedia frei zugängliche Vita des Herrn Politologen, wie er bei SPON gelabelt wurde, so:
Gerd Langguth besuchte das Humanistische Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Wertheim am Main (Baden-Württemberg).

Während des Studiums war Langguth von 1970 bis 1974 Bundesvorsitzender des RCDS. Anschließend arbeitete er im Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung in Stuttgart.

Gerd Langguth war von 1976 bis 1980 Bundestagsabgeordneter der CDU. Er war Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und zweier Grundsatzprogrammkommissionen der Union. Zwischen 1981 und 1985 war Langguth Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Zwischen 1986 und 1987 war er Staatssekretär und Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund. Anschließend wurde er von 1988 bis 1993 Leiter der Vertretung der EG-Kommission in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Zwischen 1993 und 1997 war Gerd Langguth geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin. 2003/04 engagierte er sich als Geschäftsführender Vorstand beim Verein Bürgerkonvent.

Heute lehrt Langguth Politische Wissenschaft an der Universität Bonn.
Ein in der Wolle konservativ gefärbter Politologe wurde als Kronzeuge für die Gloria Angela Merkels bemüht, seine CDU-Verbindungen im Seitentext angedeutet. Hurrah, das war SPIEGEL-(Gast-)Journalismus, wie ich ihn mittlerweile erwartete, aber noch immer bedauerte. Als nächstes wartete ich mal auf eine Heiligsprechung der LINKSpartei, am besten durch einen ehemaligen Kommunisten, im Idealfall ein Mitglied des Zentralkommittees - ich meinte, fair war fair, oder was?

Aber vermutlich kämen die Tage nur wieder die gleichen unsäglichen Gestalten der INSM zu Wort und zum Einsatz. Es war so vorhersagbar, wie es erbärmlich war.

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Samstag, November 14, 2009

Genug ist genug - sogar für die FAZ (!)

„Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Herrliches erlebt! Über alles Irdische erhaben, ruhig und sicher dahinfliegend, kommt man sich wie ein Gott vor! Tief unten auf der Erde lag es wie ein Kranz von Rauch um die Stadt: nichts als krepierende Granaten. Und dann denkt man an die Soldaten, die da unten kämpfen und sich jeden Meter blutig erobern müssen, und an die Verluste! - und ich? Wie ein Gott schwebt man über all diesen Schauern und schleudert seine Blitze auf den Feind! Man denkt an keine Gefahr, fliegt ruhig seine Bahn und tut seine Pflicht.“ *)
Dass ich das noch erleben darf (muss)! Die FAZ disst den SPIEGEL (>>) wegen (festhalten!) Hofberichterstattung seiner Majestät Freiherr von und zu gegelt sei er ewiglich Karolus Theodorus undsoweiter, seine Wahl zum Monarch möge kommen (>>)... Verkehrte Welt, oder andererseits der Beweis, dass mittlerweile der SPIEGEL die FAZ als tendenziell rechte Rechtfertigungs- und Arschwisch-Journalität weit hinter sich gelassen hat.

O tempora o mores!

- - - - -
*)Von der FAZ dem SPIEGEL in den Mund gelegt. (>>) So ehrlich muss man sein.

Dank auch an Feynsinn, der den feynsten Geruchssinn hat (>>).

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Freitag, November 13, 2009

Meinungsmache in Berlin

Ein friedlicher Donnerstagabend in Berlin. Albrecht Müller stellte sein neuestes Buch vor (>>): "Meinungsmache" (>>). Das klang erstmal recht beschaulich, wurde es aber nicht. Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung war die Schlange vor dem Palais in der Kulturbrauerei lang, und der Saal selbst wurde gerammelt voll. Es gab ja auch interessante Beteiligung: Mit am Start an diesem Abend waren außer dem "großen Kritiker" Albrecht Müller der "große Populist" Oskar Lafontaine und der "große Neoliberale" Hans-Ulrich Jörges, das alles mehr oder minder moderiert von Sabine Adler, der Hauptstadt-Korrespondentin des Deutschlandfunks.

"Mehr oder weniger" in Sachen Moderation deshalb, weil es recht unmittelbar sofort beinhart zur Sache ging. Es gab da oben auf dem Podium aber auch alles, was eine gute Story braucht: einen hehren Helden in verzweifelter Mission (Albrecht Müller), einen üblen Bösewicht (Hans-Ulrich Jörges, der die Rolle eigentlich gar nicht wollte, sich dank Publikum und seiner eigenen unversöhnlichen Impulsivität aber dennoch sehr bald in dieser wiederfand und sie dann auch vorzüglich ausfüllte), einen strahlenden Ritter in weißer Rüstung (Oskar Lafontaine, der tatsächlich eine Glanzleistung ablieferte und auch eingefleischte SPD-Mitglieder im Publikum zu begeistern wusste (ich saß neben einem)), und eine Frau (Sabine Adler), als Quotenerfüllung sozusagen, ähnlich wie in jedem Katastrophenfilm. Zu moderieren hatte sie nämlich nicht viel, das erledigten die drei Herren gleich selbst, allen voran Hans-Ulrich Jörges, der besonders dadurch auffiel, dass er die anderen nicht ausreden lassen wollte, sondern immer noch verbal inkontinent ein paar Tröpfchen der eigenen Meinung nachschieben musste. Sein Mikrophon in Tateinheit mit seiner sonoren Stimme waren auch am lautesten, so dass es ihm allzu oft gelang.

Albrecht Müller präsentierte seine bekannten Thesen (nachzulesen unter anderem auch hier (>>), auf den Nachdenkseiten), die durch die ständige Wiederholung leider immer noch nichts an ihrer Aktualität eingebüßt hatten. Lafontaine war wohl vorgesehen als Kronzeuge, entzog sich dieser Rolle jedoch durch wiederholtes (und in meinen Augen sehr angenehmes) Verweisen auf die Meta- oder Strukturebene der Probleme: Ja, sicherlich könne man sich beklagen über die Medienbarriere gegenüber der LINKEn, über die Hetze gegen seine Person, über diesen oder jenen einzelnen Sachverhalt, ABER... darum ginge es ja gar nicht. Es ging ihm viel mehr um die Struktur von Macht in unserer Gesellschaft, frei nach dem Motto "cui bono" und warum es jenen so leicht gemacht wurde. Er wollte sich nicht beklagen, er wollte tatsächlich zum Nachdenken anregen, uns, das Publikum, und das gelang ihm recht gut. Ehrlich gesagt, es war für mich der erste Politiker, der mich tatsächlich zum Nachdenken aufforderte und nicht nur mit Worthülsen um sich schmiss. Das tat er nämlich nicht. Je älter Lafontaine wurde, umso staatsmännischer wirkte er auf mich und verhielt er sich auch - ein ganz schöner Effekt, den man einigen der anderen Greise an der Spitze anderer politischer Parteien auch wünschen würde bzw. gewünscht hätte, aber dort war Alterssturheit die verbreitetere Ausprägung des Silberhaars.

Soviel Vernunft konnte und wollte sich auch Hans-Ulrich Jörges nicht verschließen, vorneherum jedenfalls. In vielen Einzelheiten stimme er Albrecht Müller zu, Oskar Lafontaine habe ja politisch auch schon viele Erfolge errungen, etc. pp., und man fragte sich anfangs, warum dieser Mann als "Neoliberaler" in die Runde eingeführt worden war. Den Grund dafür bemerkte man dann allerdings doch noch sehr schnell, denn bei allem Nachgeben in Einzelfragen war Jörges doch um so ideologiefester in grundsätzlichen Dingen, egal, wie empirisch belegt und nachprüfbar sie sein mochten - was in seinen Augen Geltung hatte, war oft und zuvörderst die ideologische Linie: die Rente KONNTE nicht sicher sein, die Medien KONNTEN "das Volk" nicht manipulieren, das Land HATTE nach Links zu rutschen *), und wenn vorsichtige und nicht ganz so vorsichtige Nachfragen aus dem Publikum seine Strohmann-Argumente ins Wanken brachten, überschüttete er den Fragesteller und die diesen unterstützenden anderen Zuhörer mit Hohn und Schmähungen. Ein guter Stil war das beileibe nicht, sondern eher wie bei einem Kind, dem man die Lebenslüge wegnehmen will. Am Ende hatte er das Publikum fast geschlossen gegen sich, und wenn man beobachtete, wie er sich weiterhin entrüstete, dann konnte man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier einer nach der Devise "viel Feind, viel Ehr'" verfuhr. Als Besetzung für den Bösewicht war er jedenfalls vorbildlich.

Albrecht Müller, Oskar Lafontaine und Sabine Adler bemühten sich nach Kräften, die loose cannon Jörges versöhnlich wieder einzufangen, und tatsächlich endete der Abend, ohne dass jemand verletzt worden wäre. Lafontaines Personenschützer konnten die Hände in den Taschen lassen, und auch Hans-Ulrich Jörges soll heute morgen schon wieder in den Büros des STERNs gesichtet worden sein, die Hände seinerseits in den Hosentaschen und verbittert vor sich hin murmelnd.
Das wirklich Interessante, wiederum an der Person Jörges', war allerdings Folgendes: Charakterlich mochte er Mängel haben, jedenfalls wenn seine gestrige Darbietung seinem alltäglichen Benehmen entsprach, aber ein böser Mensch war er sicher nicht, und genausowenig war er dumm. Er schrieb auch gute Artikel, in Einzeldingen wich seine Meinung nicht viel ab von der Albrechts und Lafontaines, da gab es einen gemeinsamen Nenner zwischen Links und Rechts - jedoch schien er nicht imstande, den alles bedeutenden zusätzlichen Schritt zurück, hinter die Dinge zu machen und seine Grundannahmen selbst zu hinterfragen: Brauchen wie diese Form von Staat? Brauchen wir diese Form der Organisation? Brauchen wir tatsächlich diese Werte? Dieses Unvermögen war umso bedauerlicher, als viele im Publikum zu dieser Leistung imstande waren und mit ihren Fragen auch in diese Richtung gingen, und natürlich fragten sie Jörges als angenommenen Vertreter des "Systems", der jedoch wiederum vollkommen außerstande war, auch nur die Fragen zu verstehen, was jedes Mal in einem hochroten Kopf und den angesprochenen Schimpfkanonaden gipfelte.

Alles in allem ein wunderbarer Abend, und bessere Unterhaltung (und zu einem geringeren Preis) als jeder Kinofilm. Das Grundproblem blieb jedoch das gleiche: dass auch jene in der Verantwortung, in Führungspositionen, an der Spitze von Zeitungen, Unternehmen und Verbänden, offenbar allzu oft unfähig waren, die richtigen Fragen zu stellen, sie zu verstehen und in letzter Konsequenz auch zu beantworten. Jene also, von denen man es noch am ehesten verlangen zu können meinen sollte. Mehr als ein variiertes Weiter-So und Mehr-desselben war von diesen Figuren nicht zu erwarten. Man musste sich ja neben Jörges nur die aktuelle Regierungsriege
und das Gedöns der Regierungserklärung anschauen.

In Berlin also nichts Neues.

- - - - -
*)Zu all diesen Fragen bieten die Nachdenkseiten (>>) eine Menge Material.

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Donnerstag, November 12, 2009

Die falsche Regierung zur falschen Zeit


Oskar Lafontaine redet Klartext.
Und wer den Lissabon-Vertrag (>>) noch immer für eine ganz tolle Sache hält, der sollte ab 4:05 nochmal genau hinhören (und selber nachlesen).

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Montag, Oktober 12, 2009

Zerschlagt Bertelsmann!

Ein Schritt in die richtige Richtung (>>) - aber dass ausgerechnet die Medienkonzerne auf ein demokratiegerechtes Maß zurückgestutzt werden, das wage ich nicht zu hoffen, nicht bei dieser kommenden Regierung. Wahrscheinlich wird eher die Bahn filettiert, nebst der Rentenversicherung... Aber gut, die Hoffnung stirbt ja zuletzt, sogar noch nach den Schattenmännern (>>).

Allerdings, für die Demokratie ist es inzwischen sowieso schon fast zu spät, wir haben ja mittlerweile schon fastfastfast den Vertrag von Lissabon (>>). Mein Gott, es kann einem schwummrig werden - in was für einem Land leben wir eigentlich?!?

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Mittwoch, Oktober 07, 2009

In a Kuhnian reality, we might be fucked already

Everyone knows Thomas Kuhn (>>), at least by name, whose essay “The Structure of Scientific Revolutions” (>>) made him world-famous back in 1962. He has unfortunately passed away in the meantime, but his observations and analysis remain a valid argument and still hotly debated in the scientific community. I think that his work not only is of importance for the scientific realm, but, unfortunately, for reality at large as well. Here’s what this would mean.

In his famous essay, Kuhn states that science does not progress in a linear, ever-improving way, as it was conceptualised up until then, but as a series of changing paradigms of reality and distinct paradigm shifts. A paradigm was a model of thought that affected the way reality was perceived and could be explored. The most famous case in his favour he cited at the time was the Copernican Revolution (>>)(>>), the shift in thought and perception from an earth-centric solar system (and universe) to a helio-centric model. According to Kuhn, a shift in paradigms (and thus scientific development) happens when the data accumulated do not longer match the old paradigm in place until then. In a phase he termed “revolutionary science”, a few scientists and researchers are willing to take up the new data instead of explaining it away and to develop a new approach to the scientific problem at hand. The old and the new paradigm then exist in parallel, until the new paradigm becomes the new scientific consensus of its time. This phase he called “normal science”.

The tricky part is during the “revolutionary science” phase, when the two (or more) paradigms exist in parallel. The way a new paradigm prevails is not by consensus in the first place, and not by the proponents of the old paradigm suddenly recognising their misperceptions and conceding the flaws of “their” theory. People in general and scientists in particular tend to highly identify with their world view, the way they explain the world to themselves and others, and usually have invested quite an amount of life time, work and prestige into their conception of reality. New paradigms eventually take over in the course of time because the proponents of the old simply die off. It
s a biological, not a logical take-over. Not very “scientific”, but that’s the way it is.

And that’s the interesting part that is of importance for all of us, and especially right now at this point in time. We are (and for years have been) in the midst of massive, multiple shifts in paradigms, not only within the scientific realm, but in society at large. The paradigms, i.e. conceptions of reality and its workings, we have been acting by in the last decades, do no longer correspond with the actual facts and the actual outcomes of our actions. Take so-called neo-liberalism and free-market economics as an example – the assumed trickle-down theory has never worked; the Laffer-Curve (>>) is a piece of fiction; privatisation has seldom benefited the public at large as it was theorised, but the stakeholders of the privatised companies only; and the way the mechanisms of the financial markets were conceptualised completely missed the possible outcome of a world-wide financial crisis. The same holds true for sociological contexts: a society based purely on egoic notions of its members cannot stand, no matter what the proponents of such a society assert, an issue that has been proven again and again throughout the history of man.

The thing is, whatever the “truth”,
proponents of the old and, in the eyes of many, dysfunctional paradigms (economists like Raffelhüschen and Sinn; politicians like Westerwelle and Steinmeier; parties like the US republicans in their actual state) are highly unlikely to concede any mistakes or misperceptions and embrace a new and more sustainable way of thinking. More probable, all these adherents of the old will continue to cling onto their beliefs and belief systems and fiercely defend them.

Why is that so? Because what someone beliefs is central to who he or she is. We do not have rational minds that strictly logically decide on the course to be taken, open for new input and falsification of data. We invest a lot into our worldview: our personality, our self-perception, our ego. Conceding “defeat” would mean to give up that strawman we have built for ourselves and re-think our very being, the very way we are and perceive ourselves. Furthermore, the old is where the money and the power are. People think they have everything to lose on a personal basis and do not know what they are to gain, except perhaps on a general level. They would have to give up on influence, status, comfort, and only for such schemes like “an inhabitable planet”, “a clean environment”, “less poverty”. Taken that and the threat to their ego, they do not have any convincing incentives to change their ways, to question their perception of reality and to reconsider their values and actions.

Coming back to the beginning, in a Kuhnian reality we might be fucked. Change (mainly for the worse) is happening on a faster and faster rate, and we simply cannot wait for the adherents of the old paradigms to die of old age, because they would take the world along into their graves.
So am I talking about some sort of (violent) revolution? Certainly not. Violence in itself is a paradigm of old, more suitable to the obviators than to the innovators. So what can be done? I am unsure of that myself. It looks like we need a new way of arguing itself, significantly less ego, and considerably more intrepidity on both sides of the trench. We need the audacity to do the right thing and to unconditionally argue over the right course, whatever our beliefs, whatever we may have invested. Is that probable or even possible? Again, I do not know.

As I said: In a Kuhnian reality, we might be fucked already.

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Dienstag, Oktober 06, 2009

Was geht mich mein eigenes Leben an?

Das Problem war nicht nur ein deutsches, nein, es war international, nun auch ganz offiziell in Irland beispielsweise. Laut den NachDenkSeiten (>>), die aus den MM News zitierten, hätte sich dort keineswegs die Mehrheit der Bevölkerung für den Lissabon-Vertrag ausgesprochen. In absoluten Zahlen seien nur knapp 39% der Iren für ein Ja zu haben gewesen. Des Rätsels Lösung lag natürlich wieder einmal bei den Nichtwählern, denn fast die Hälfte der irischen Wahlberechtigten bewegte sich erst gar nicht an die Urne.

Das war das große, gegenwärtige Problem der Demokratie: das, mal freundlich formuliert, fortgesetzte Desinteresse eines Teils ihrer Bürger an den Umständen des eigenen Lebens und Erlebens. Frustration und Resignation waren sicherlich verständliche Reaktionen auf die Art und Weise, in der Politik dieser Tage betrieben wurde, aber sie nutzten nichts, sie nutzten ja nicht einmal den Frustrierten und Resignierten selbst. Solange dieser Zustand anhielt, solange war es in der Tat möglich, dass 5% der Bevölkerung die anderen 95% übers Ohr hauen konnten (>>), wie es ihnen gefiel. Die wehrten sich ja nicht. Sie kamen nicht einmal mehr hinter dem Ofen vor. Das ganz konkrete Resultat dieser Haltung: Schwarz-Gelb in Deutschland, und der Lissaboner Vertrag in absehbarer Zukunft in Europa (>>). Prost Mahlzeit.

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Montag, Oktober 05, 2009

Nachbars Mund tut Wahrheit kund

Mittlerweile musste man schon auf die schweizerische Presse zurückgreifen, um die ehrlichen Fakten über die deutschen Zustände zu erfahren, ohne dass sie vorher geschönt, herumgedreht oder sonstwie ins Gegenteil verkehrt wurden. Gerade angesichts der momentan laufenden Koalitionsverhandlungen interessant:
Die Unternehmen und die Reichen müssen weiter entlastet werden. Das haben Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP), Merkels Wunschpartner für eine schwarz-gelbe Koalition nach dem 27. September, unisono verkündet. Sie wollen die Firmen und Wohlhabenden um fünfzehn Milliarden Euro entlas­ten, denn: «Leistung muss sich wieder lohnen.» Dem Staat, so signalisieren sie mit ihrem Vorhaben, gehe es trotz Wirtschafts- und Finanzkrise finanziell erstens gar nicht so schlecht, und zweitens seien die Steuern noch immer zu hoch. Und so kursiert noch immer eine Mär in den Medien – die vom Hochsteuerstaat, von der Steuerwüste Deutschland. Ein Hochsteuerland ist die Bundesrepublik tatsächlich – für den schlechter gestellten Teil der Bevölkerung.
Herzlichen Dank an die eidgenössische WOZ, Artikel in Gänze hier (>>).

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"Momentan versuchen 5% unseres Landes, 95% zu betrügen"

Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!
(Kurt Tucholsky)
Es gab Zeiten der Geschichte, ob es einem gefiel oder nicht, da musste der einzelne über sich hinauswachsen, sich dem stellen, was ihn und seine Mitbürger bedrohte und Stellung beziehen gegen das, was Unrecht war, egal, wie es von seinen Nutznießern genannt wurde.
Dr. Döllein schien mir einer von diesen, und seinen Text, den ich heute entdeckt hatte und in dem er uns alle zu Wachsamkeit und Handeln als Bürger aufrief, mochte ich an dieser Stelle gerne teilen:
Ich glaube, mittlerweile sollte klar geworden sein, dass hinter dieser politischen Entwicklung leider nicht mehr das gesamtgesellschaftliche Verantwortungsgefühl von konservativen oder sozialdemokratischen Volksvertretern steckt, sondern nur noch das, politisch sehr ökumenische, Gewinndenken des Geldmarktes. Und da kommen unsere „Eliten“ ins Spiel, deren elitäre Eigenschaft leider nur im finanziellen Reichtum zu bestehen scheint, denn weder im ritterlichen Schutz für den Schwächeren noch im Fühlen für unser Gemeinwohl kann ich hier besondere Stärken entdecken.
Auch völlig ohne Pathos konnte die Lektüre nicht schaden. Den kompletten Text als PDF gab es hier (>>). Danke an Demokratie-ist-wichtig.de (>>). Zum Eliten-Thema siehe auch der Schattenmann (>>).

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Was passiert, wenn der Schattenmann stirbt?

Eigentlich wollte ich die Reihe zur Moral (>>)(>>) fortsetzen und endlich zu ihrem wohlverdienten Abschluss bringen, aber die Ereignisse überschlugen sich mal wieder. Naja, worüber ich jetzt schreiben würde, hatte mit Moral auch etwas zu tun – irgendwie und irgendwo.

Es gab eine Gesellschaft hinter der Gesellschaft, und ihre wahre Geschichte spielte im Verborgenen. Sicherlich, ihre Akteure waren auch öffentliche Figuren, doch wer sie wirklich waren und als wer oder was sie sich darstellten oder dargestellte wurden, das unterschied sich voneinander wie die zwei Seiten einer schmutzigen Medaille.

Vielleicht war das ein deutsches Phänomen. In Italien, um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen, lagen die Dinge offener, fast schon ehrlicher zutage: Sie hatten dort einen großen Zampano, dem die Medien gehörten, der sich dank derselben als Regierungschef immer und immer wieder wählen ließ und dann die Macht genoss und ansonsten durchdrückte, was immer er brauchte, um seine Geschäfte erfolgreich und ungestört weiter zu tätigen. Italien war das Musterbeispiel eines privatisierten Staates, eines Staates, der im Großen und Ganzen hauptsächlich nur noch dem Verwirklichen von Geschäftsinteressen diente. Italien war, wie gesagt, ein beliebiges Beispiel – und, wie wir alle wussten, ohnehin ein chaotischer, liebenswerter Staat, in dem sogar damals der Duce gegenüber unserem zeitgleichen Führer noch den Charme der Folklore gehabt hatte. Hier in Deutschland war Ordnung Trumpf und Disziplin und Leistung das Motto. Hier lagen die Dinge natürlich anders, nicht wahr?

Ganz wie man’s nahm. Auch wir hatten unsere zwielichtigen Gestalten – zwielichtig vor allem hinten herum. Nach vorne strahlten sie wie ein Becher spaltbares Material im Dunkeln, waren Wohltäter, Patriarchen, Förderer der Gesellschaft. Tatsächlich bestimmten sie die politische Agenda, und ihre Ziele hatten vor allem eines im Auge: den eigenen Nutzen. Ich nannte sie die Schattenmänner, denn ihre wirklichen Agenden spielten sich im Hintergrund, in den Schatten ab.

Die Medien gehörten ihnen, und sie verbreiteten im Großen und Ganzen jene Meinungen, die genehm waren, und jene nicht, die es nicht waren. Sie waren untereinander verbunden, man kannte sich, man lachte und scherzte beim Tee, beim Golf, beim Bestimmen der Richtung, in die wir alle gehen sollten. Sie stellten angeblich objektives Wissen und Entscheidungshilfen zur Verfügung, um jene, die wir gewählt hatten, um uns zu dienen, davon zu überzeugen, ganz ohne Druck natürlich, dass es noch besser wäre, wenn sie ihnen dienten – mediale Vorzugsbehandlung inklusive.

Sie sprachen von Mitbestimmung und meinten Verantwortungs- und Risikodelegation, sie betrachteten sich als Patriarchen und waren doch wie Sektenführer. Sie gaben vor, die Gesellschaft voranzubringen, durch Stiftungen, Forschung, Aufklärung, und brachten doch nur die eigenen Interessen voran, die eigene Gewinnschöpfung, die eigene Einflussnahme. Sie waren einzelne und dachten von sich als von jenen wohlmeinenden Königen, denen die Führung der Gesellschaft zukam. Sie wollten Geld, und wenn sie’s schon hatten, nun, dann wollten sie mehr Geld, mehr Einfluss, mehr Macht, denn davon konnte man ja nie genug haben, nicht wahr?

Doch auch sie waren nur Menschen. Auch wie alle anderen wurden sie alt, verfielen, starben am Ende, und nach allem, was ich wusste, galten die physikalisch-biologischen Gesetzmäßigkeiten auch für sie, egal welche Medienmacht sie hatten, welchen Einfluss, welche Stiftungen und welches Steuersparmodell. Dorthin, wo auch sie am Ende hingingen, gingen auch sie allein. Sie konnten es nicht mitnehmen: nicht das Geld, nicht den Einfluss, nicht die Macht, nicht das Ego, nicht das Selbstverständnis von ihrer Großartigkeit, wenn sie ein solches hatten. Sie gingen nackt und allein und tot, und falls sie sich im Licht der letzten Momente gefragt haben sollten, Moment, wozu dann das alles, nun, so erfuhren wir es nicht. Was sie aber geschaffen hatten, das blieb zurück, und es wirkte weiter – der schöpfende, erschaffende Magier tot, das Zauberwerk noch immer auf Erden, nun von den letzten Fesseln des Patriarchen befreit, außer Rand und Band.

Ich fragte mich eines heute: Was passiert, wenn der Schattenmann stirbt?


Nachrufe:
  • Süddeutsche Zeitung (>>)
  • Tagesspiegel (>>)
  • TAZ (>>) (der einzig auch nur verhalten kritische in der Presse)
  • Nachdenkseiten (>>)
Über den Einfluss der Bertelsmann-Stiftung (PDF) (>>).

Und eine Geschichte zu fast demselben Thema der Schattenmänner:
Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd (>>).

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Sonntag, Oktober 04, 2009

Hurrah, das neue Ermächtigungsgesetz ist da!

Gestern war ein großer Tag für Europa: Der letzte irrationale Widerstand gegen die neue Feudalherrschaft wurde überwunden, das neue System Europa ist zum Greifen nahe. Der Vertrag von Lissabon kommt!

Erst hieß er wichtig und großspurig Verfassung, dann nur noch Vertrag, aber in der Sache änderte sich nicht viel. Nun ist der Vertrag von Lissabon da, beinahe jedenfalls, auch in Irland nun durchgepeitscht (man lasse das Volk einfach so lange abstimmen, bis es votiert wie gewünscht), und wenn die letzten bedächtigen Nachzügler auch noch umfallen, was sie bestimmt tun werden, dann ist es endlich soweit und wir können alle zusammen rufen: Hurrah, das neue Ermächtigungsgesetz ist da!

Ein paar Schmankerl aus dem Vertragswerk als kleiner Vorgeschmack, zum auf der Zunge zergehen lassen gewissermaßen:

Endlich mehr Geld ins Militär
Das wurde aber auch Zeit. Die Amerikaner machen was sie wollen, die nehmen uns ja schon gar nicht mehr ernst. Wie auch, wenn wir nichtmal in Afghanistan ein paar Turbanträger in Schach halten können. Mehr Militärkompetenz und -material sind dringend vonnöten. Jetzt auch per Vertrag, endlich, denn wie es in Artikel I-42 (3) so schön heißt:
Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern. Die Agentur für die Bereiche Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten, Forschung, Beschaffung und Rüstung (im Folgenden "Europäische Verteidigungsagentur") ermittelt den operativen Bedarf und fördert Maßnahmen zur Bedarfsdeckung, trägt zur Ermittlung von Maßnahmen zur Stärkung der industriellen und technologischen Basis des Verteidigungssektors bei und führt diese Maßnahmen gegebenenfalls durch, beteiligt sich an der Festlegung einer europäischen Politik im Bereich der Fähigkeiten und der Rüstung und unterstützt den Rat bei der Beurteilung der Verbesserung der militärischen Fähigkeiten.
Die Pazifisten können uns mal, auch die Hochrüstung ist nun europäische Kernzuständigkeit.

Und damit die schöne Rüstung auch nicht umsonst ist, gibt es Artikel I-43 (1):
Die in Artikel 42 Absatz 1 vorgesehenen Missionen, bei deren Durchführung die Union auf zivile und militärische Mittel zurückgreifen kann, umfassen gemeinsame Abrüstungsmaßnahmen, humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze, Aufgaben der militärischen Beratung und Unterstützung, Aufgaben der Konfliktverhütung und der Erhaltung des Friedens sowie Kampfeinsätze im Rahmen der Krisenbewältigung einschließlich Frieden schaffender Maßnahmen und Operationen zur Stabilisierung der Lage nach Konflikten. Mit allen diesen Missionen kann zur Bekämpfung des Terrorismus beigetragen werden, unter anderem auch durch die Unterstützung für Drittländer bei der Bekämpfung des Terrorismus in ihrem Hoheitsgebiet.
Das erlaubt so ziemlich alles, wenn man es nur schön verpackt – besonders der Terrorismus ist ein wunderbarer Joker, der Wolfgang Schäuble nicht besser hätte einfallen können. Und im Verpacken hat man in der EU ja zum Glück Übung, siehe Irland - unwiderstehliche Argumentationen (>>)(>>).

Freie Marktwirtschaft für alle!
Artikel III-119 (1):
Die Tätigkeit der Mitgliedstaaten und der Union im Sinne des Artikels 3 des Vertrags über die Europäische Union umfasst nach Maßgabe der Verträge die Einführung einer Wirtschaftspolitik, die auf einer engen Koordinierung der Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten, dem Binnenmarkt und der Festlegung gemeinsamer Ziele beruht und dem Grundsatz einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb verpflichtet ist.
Das war’s mit „sozialer Marktwirtschaft“ oder ähnlichem Gedöns. Es ist offiziell: freier Wettbewerb, und unverfälscht bitteschön – was das bedeutet, weiß ein jeder, der es wissen will. (>>) Das ist die Zukunft!

Aufstände? Was für Aufstände?
Am besten allerdings: die sogenannten Solidaritätsklausel, Artikel V-222 (1):
Die Union und ihre Mitgliedstaaten handeln gemeinsam im Geiste der Solidarität, wenn ein Mitgliedstaat von einem Terroranschlag, einer Naturkatastrophe oder einer vom Menschen verursachten Katastrophe betroffen ist. Die Union mobilisiert alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel, einschließlich der ihr von den Mitgliedstaaten bereitgestellten militärischen Mittel, um
a) – terroristische Bedrohungen im Hoheitsgebiet von Mitgliedstaaten abzuwenden;
– die demokratischen Institutionen und die Zivilbevölkerung vor etwaigen Terroranschlägen zu schützen;
– im Falle eines Terroranschlags einen Mitgliedstaat auf Ersuchen seiner politischen Organe innerhalb seines Hoheitsgebiets zu unterstützen;
b) im Falle einer Naturkatastrophe oder einer vom Menschen verursachten Katastrophe einen Mitgliedstaat auf Ersuchen seiner politischen Organe innerhalb seines Hoheitsgebiets zu unterstützen.
Das ist großartig! Terroristische Bedrohungen! Was man da alles drunter verstehen kann – man denke nur an die linken Terroristen, die in Heiligendamm protestieren wollten. Der Zorn des Rechtsstaats traf sie gerecht wie rechtzeitig! Nur gut, dass kompetente Politiker über solche Dinge entscheiden, egal, wer der Terrorist so ist: Artikel V-222 (2):
Ist ein Mitgliedstaat von einem Terroranschlag, einer Naturkatastrophe oder einer vom Menschen verursachten Katastrophe betroffen, so leisten die anderen Mitgliedstaaten ihm auf Ersuchen seiner politischen Organe Unterstützung. Zu diesem Zweck sprechen die Mitgliedstaaten sich im Rat ab.
Zu deutsch: Die Regierungen kungeln unter sich. Wer immer sich an den Warschauer Pakt, an Ungarn oder die Tschechoslowakei erinnert fühlt, der sieht Gespenster. Besonders im Licht der Erläuterungen zu Artikel 2 der Grundrechte-Charta der Europäischen Union, die mitsamt dem Lissabon-Vertrag verbindlich für die Mitgliedsstaaten wird. Diese „Erläuterung“ lautet folgendermaßen:
3. Die Bestimmungen des Artikels 2 der Charta entsprechen den Bestimmungen der genannten Artikel der EMRK und
des Zusatzprotokolls. Sie haben nach Artikel 52 Absatz 3 der Charta die gleiche Bedeutung und Tragweite. So müssen die in der EMRK enthaltenen „Negativdefinitionen“ auch als Teil der Charta betrachtet werden:
a) a) Artikel 2 Absatz 2 EMRK:
„Eine Tötung wird nicht als Verletzung dieses Artikels betrachtet, wenn sie durch eine Gewaltanwendung verursacht wird, die unbedingt erforderlich ist, um
a) jemanden gegen rechtswidrige Gewalt zu verteidigen;
b) jemanden rechtmäßig festzunehmen oder jemanden, dem die Freiheit rechtmäßig entzogen ist, an der Flucht zu hindern;
c) einen Aufruhr oder Aufstand rechtmäßig niederzuschlagen“.
Wer immer einen unrechtmäßigen Aufruhr oder Austand durchführt, soll sehen, was er davon hat (>>)!

Spaß beiseite
Unsere Parlamentarier und Parlamentarierinnen haben diesen Vertrag größtenteils ungelesen durch den Bundestag gewunken (>>). Sein Name wurde von Verfassung hin zu Vertrag geändert, um ihn durch Frankreich und die Niederlande zu bringen. Die Iren mussten so lange abstimmen, bis das Ergebnis passte. Der freie Wettbewerb hat nun Quasi-Verfassungsrang; die Aufrüstung ist verpflichtend; der gegenseitige Beistand der Regierungen in Europa ermöglicht. Der Vertrag kann niemals wieder geändert werden, außer, natürlich, „einstimmig“ durch alle ratifizierenden Staaten, in Zeiten der PR, Bestechung und politischen Abhängigkeit und Käuflichkeit ein leichtes Unterfangen.

Was immer passiert, man konnte es kommen sehen. Vielleicht passiert gar nichts, außer dass unser Europa und sein politischer Apparat noch technokratischer, menschenfremder, selbstbezogener wird als ohnehin schon. Vielleicht blicken wir aber auch in zwanzig Jahren zurück und schütteln den Kopf voller Unglauben, dass so etwas möglich war, ähnlich wie wir heute auf das Ermächtigungsgesetz vom 23.03.1933 zurückblicken und uns fragen, wie die Parteien im Reichstag ihrer eigenen Entmachtung zustimmen konnten.
Wir werden sehen.

[Zu den Iren und der Abstimmung an sich: Ad sinistram (>>), Öffinger Freidenker (>>)]

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Samstag, Oktober 03, 2009

Das Problem mit der Moral (Teil 2)

[Das Problem mit der Moral (Teil 1) >>]

Auf die vier weit verbreiteten Stufen der Moralentwicklung folgten im dritten Stadium noch zwei weitere Stufen:
Stufe 5, die Stufe des Sozialvertrages oder des Nutzens für alle und der Rechte des Individuums, und Stufe 6, die Stufe der universalen ethischen Prinzipien.
Die Stufe 5 wäre schon ein großer Schritt voran in die richtige Richtung gewesen: „Richtiges Handeln wird in erster Linie im Sinne allgemeiner, individueller Rechte und der von der gesamten Gesellschaft kritisch geprüften und gebilligten Normen definiert. Der Mensch ist sich des Relativismus der persönlichen Werte und Meinungen klar bewußt, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, Verfahrensregeln einzuhalten, die zu einem Konsens führen. Abgesehen von dem, worauf man sich verfassungsmäßig und demokratisch geeinigt hat, ist das Recht eine Angelegenheit der persönlichen ‚Werte‘ und ‚Meinungen‘. Die soziale Perspektive ist auf dieser Stufe der Gesellschaft vorgeordnet, wobei Konflikte zwischen einzelnen legalen
Handlungen erkannt und integriert werden können.“ (>>)

So gut und lobenswert die fünfte Stufe gegenüber allem vorangegangenen war, so offensichtlich war dennoch, dass jene sechste Stufe die einzige war, die tatsächlich der Rede wert war. Hier urteilte der einzelne nicht mehr nach dem Prinzip von Strafe und Nichtstrafe, Eigennutzen und Fremdnutzen oder Regelkonformität und Regelverstoß, sondern nach allgemeingültigen ethischen Prinzipen, frei nach dem Kantschen Kategorischen Imperativ. Diese Prinzipien waren abstrakt und ethisch ("goldene Regel", "Kategorischer Imperativ"); es waren keine konkreten moralischen Regeln wie die zehn Gebote. Im Grunde waren es allgemeingültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Reziprozität, der Gleichheit der Menschenrechte und der Achtung vor der Würde des Menschen als Einzelwesen. Auf dieser Stufe hatte das Individuum die Perspektive eines moralischen Standpunktes, dass jeder Mensch seinen (End-)Zweck in sich selbst trug und dementsprechend behandelt werden sollte.
Die Rede war hier nicht von einer postmodernen Beliebigkeit, sondern von einer Ethik, die höher stand denn jedes Gesetz. Zudem war die Existenz einer solchen Stufe kein Hirngespinst, sondern eine empirische Tatsache, das Ergebnis ungezählter Testreihen und ihrer Entschlüsselung. Allerdings war es für Kohlberg schwierig, entsprechende Individuen zu finden, besonders dann solche, die beständig auf dieser Stufe agierten. Die sechste Stufe mochte zwar existieren und ein erstrebenswertes Ziel für die moralische Entwicklung sein, doch kaum jemand schaffte es so weit.
Und das war die Gesellschaft, in der wir lebten.

Im postkonventionellen Stadium lag die Antwort auf all die Probleme der menschlichen Ko-Existenz, des Zusammenlebens, des Funktionierens der Gesellschaft. Die goldene Regel, der Kategorische Imperativ – die Art und Weise, in der eine Gesellschaft funktionieren konnte und sollte und musste, die Art und Weise, in der sich ihre Akteure und Mitlieder, ihre „Bürger“, zueinander verhalten sollten. Nun gut, wir alle wussten, in was für einer Gesellschaft wir tatsächlich lebten, und welche Werte ihre Mitglieder, uns selbst eingeschlossen, anzutreiben schienen. Was die Gesellschaft selbst anging, operierte sie auf Stufe 4; was die Mehrheit ihrer Akteure mit egal welcher gesellschaftlichen Stellung anging, in der großen Mehrzahl der Fälle irgendwo darunter.
Es war klar, dass daraus nichts Neues wachsen konnte, dass kein Umschwung, keine Entwicklung und keine Verbesserung aus dem schlichten Befolgen der existierenden Regeln (Stufe 3 und 4) resultieren konnten. Auch Egoismus und Auge-um-Auge-Mentalität (Stufen 1 und 2) halfen uns hier nicht weiter. Das Neue und Bessere wurde nur geschaffen, indem wir über uns selbst hinauswuchsen und das Existierende transzendierten, und dafür standen die Chancen im Augenblick schlecht und vermutlich immer schlechter, so wie die Dinge lagen, gerade jetzt. Auf welcher Stufe operierten wohl unsere Parteien, wenn man sie als Akteure auffassen wollte: auf welcher die K
onservativen und Neoliberalen, die wir soeben gewählt hatten, die neue und die alte SDP, die Grünen und LINKEn?
Die Beantwortung dieser Frage sei dem Leser überlassen.

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Die Rückkehr des Königs

Passend zum Nationalfeiertag: Heute Abend bei WettenDass... In Sachen Glamour bei Tommy G. an diesem Tag zu Gast: seine königliche Hoheit, unser Freiherr von und zu Guttenberg. Die Fanfaren ertönten, das Tor öffnete sich, atemlos das Publikum, dann war es soweit, seine Hoheit erschien, und der Glorienschein der Göttlichkeit umspielte die gelgeglätteten Haare. Die Münder des Volkes waren atemlos geöffnet, die Begeisterung brach sich Bahn: Vivat! Es leben der König! Gutti, befiel...

Hier vor dem Fernseher brach sich eine ganz andere Atemlosigkeit Bahn, die Atemlosigkeit des mündigen Bürgers - die Begeisterung der Deutschen (oder jedenfalls der Deutschen in Tommys Fernsehstudio) für ihre Adeligen, ihre Eliten, ihre Führer verschlug einem den Atem. Guttenberg nebst Gattin ("Barbi und Ken") saßen einfach nur auf dem Sofa, sonderten ein paar Sprechblasen ab, und die Menge raste, das Volk rastete aus, Klatschen nach jedem noch so belanglosen Satz - sehet den kommenden Monarchen... Jede Wette: In vier oder acht Jahren wäre der Kanzlerkandidat ein gewisser Spross aus ach so adeligem Hause.
"Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 11. August 1919 wurden alle Vorrechte des Adels abgeschafft (Artikel 109 Abs. 2 WRV)" (Wikipedia (>>)) - doch was nützte alles Gesetz gegen die tiefsitzenden Sehnsüchte des deutschen Volkes.

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Freitag, Oktober 02, 2009

Das war's - Goodbye, SPD? (ctd.)

Es gab noch eine Ecke Vernunft im Wahnsinn, Gott sei Dank: Der linke Flügel der Thüringer SPD sperrte sich gegen Schwarz-Rot (>>). Letztendlich ging es hier (außer um die Befindlichkeiten der Thüringer Sozialdemokraten und ihrer Funktionäre und eventuelle moralische Implikationen - zum letzteren später mehr) vor allem um eine erste Entscheidung hinsichtlich der Frage:

Wäre die SPD von nun an wieder links oder würde sie vollends rechts?

Im letzteren Fall ständen uns richtig harte Zeiten bevor angesichts der Unentschlossenheit der Grünen in derselben Frage, der Dämonisierung der LINKEn durch den kompletten Medien-Mainstream und die anderen vier Parteien, und der sowieso schon weitestgehend (Scherzkekse würden sagen: brutalstmöglichen) Durchsetzung „rechter“ (d.h. unsere neuen Feudalherren bevorzugenden) Politikinhalte in den letzten elf Jahren...

Der Thüringer Landesverband sollte sich der Tragweite seines Narzissmus voll bewusst sein. Es ging hier und jetzt um mehr als nur Matschies Selbstgefälligkeit und den Beissreflex gegenüber den, so traurig es war, letzten Sozialdemokraten LINKS von der SPD. Es ging um sehr viel mehr. Schonmal was von „Signalwirkung“ gehört?

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Das Problem mit der Moral (Teil 1)

Die Probleme dieses Landes, seiner Parteien, seiner Bevölkerung saßen um einiges tiefer als man gemeinhin so dachte. Aber wäre es offensichtlich, nun, dann wäre es ein öffentliches Problem gewesen – man hätte darüber diskutieren, sich ihm stellen, nach Lösungen suchen können, wenn, ja wenn nicht alle zusammen bis zum Hals und über den Kopf selbst darin verwickelt gewesen wären. Wir hatten ein Problem mit der Moral. Und verbauten derzeit alle Möglichkeiten, da jemals wieder herauszukommen.

Ich mochte ein bisschen weiter ausholen; das war zweifellos notwendig zum Verständnis des gesamten Problemkomplexes. Es gab einmal einen schlauen Mann, Lawrence Kohlberg, einen amerikanischen Psychologen, der sein Leben (
>>) dem Studium der Moral, genauer gesagt: der moralischen Entwicklung, gewidmet hatte. Von 1968 bis 1987, dem Jahr seines Todes, war er Professor an der Havard University.
In dieser Zeit führte Kohlberg eine Menge an Versuchen durch, konfrontierte die Versuchspersonen mit immer neuen moralischen Dilemmata, zeichnete iher Antworten und Argumentationen auf und versuchte, aus diesen Ergebnissen allgemeingültige Aussagen über die moralische Entwicklung und Entwicklungsstadien des Menschen abzuleiten (>>)(>>).
Die Ergebnisse gefielen nicht jedem. Ein schneller Blick auf das resultierende Modell Kohlbergs mochte erklären warum.

Kohlberg nahm drei Stadien der moralischen Entwicklung an
(>>), die in insgesamt sechs Stufen unterteilt waren. Das erste, präkonventionelle Stadium war unterteilt in Stufe 1: die heteronome Stufe (gut ist der blinde Gehorsam gegenüber Vorschriften und gegenüber Autorität, Strafen zu vermeiden und kein körperliches Leid zu erdulden) und Stufe 2: die Stufe des Individualismus, des Zweck-Mittel-Denkens und des Austauschs (gut ist es, eigenen oder anderen Bedürfnissen zu dienen und im Sinne des konkreten Austauschs fair miteinander umzugehen). Dies sind die Stufen, die man vor allem (mit einigen wenigen Ausnahmen in der Erwachsenenwelt) im Kindesalter vorfindet: Anfangs ist die Unterscheidung gut-schlecht allein durch die Folgen der eigenne Handlung gekennzeichnet, konkret beispielsweise eine Ohrfeige des Erziehungsberechtigten; dann erwacht die erste Kenntnisnahme der Gefühle und Motivationen anderer, noch immer aber gekennzeichnet vom Vorherrschen der Befriedigung eigener Ziele und Bedürfnisse.
An das präkonventionelle Stadium schloss das konventionelle Stadium an, die Entwicklungsstufen der meisten Jugendlichen und Erwachsenen. Dieses war allgemein vom Erfüllen famliärer oder gesellschaftlicher Normen gekennzeichnet: Stufe 3 war die Stufe gegenseitiger interpersoneller Erwartungen, Beziehungen und interpersoneller Konformität; gut ist es, eine gute (nette) Rolle zu spielen, sich um andere zu kümmern, sich Partnern gegenüber loyal und zuverlässig zu verhalten und bereit zu sein, Regeln einzuhalten und Erwartungen gerecht zu werden. So weit so gut, so konventionell. Stufe 4 war die Stufe des sozialen Systems und des verlorenen Gewissens, und gut ist hier, seine Pflichten in der Gesellschaft zu erfüllen, die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten und für die Wohlfahrt der Gesellschaft sorge zu tragen.

Eine kurze Zusammenfassung: Das Erreichen der beiden letztgenannten Stufen sorgte für das Fortführen sozialer Systeme, des Gesellschaftsvertrags, des Miteinanders, und tatsächlich kamen die meisten Probanden Kohlbergs über Stufe 4 im Allgemeinen nicht hinaus (und erreicht wurde dieser Stufe von signifikant mehr Frauen als Männern). Die beiden Stufen des ersten Stadiums waren hingegen die des reinen Eigeninteresses, was im Gesamtzusammenhang menschlicher Entwicklung betrachtet erst einmal keine schlechte Sache war, sondern die Grundlage für alles weitere – wenn, tja wenn eine weitere Entwicklung denn stattfand.
Kohlberg und seine Ergebnisse wurden angefeindet, weil nicht sein konnte was nicht sein durfte. Die meisten Menschen waren von konventioneller Moral? Die Entwicklung konnte unterbrochen werden? Im Zeitalter der political correctness waren das gewagte Aussagen, und viele versuchten, seine Ergebnisse und abgeleiteten Annahmen zu widerlegen. Es gelang keinem. Die Ergebnisse hielten allen weiteren Untersuchungen (auch durch Kohlberg selbst) stand, ja sie erwiesen sich sogar im Großen und Ganzen als kulturübergreifend gültig. Es gab noch zwei weitere Stufen im Stadium der Post-Konventionalität, aber zu diesen würde ich ein anderes Mal mehr sagen, die letzte Stufe der allgemeingültigen Moral wurden sowieso von kaum jemandem erreicht (Ghandi und Martin Luther King waren Kohlbergs Beispielpersonen für die letzte Stufe).

Und jetzt, in diesem ersten Teil, zur Schlussfolgerung, die ich anhand der Kohlbergschen Theorien und unser aller Beobachtungen des Ist-Zustands unseres Landes und unserer Welt zu ziehen wagte: Die moralische Entwicklung unserer Gesellschaft als Ganzes erschien mir rückläufig. An das Gemeinwesen verschwendete kaum noch einer einen Gedanken, egal auf welcher gesellschaftlichen Stufe oder Position – sei es im Lager der „Bürger“ oder im Führungspersonal der Parteien. Eigennutz war die Devise, und vermieden wurde nur noch Verhalten, das direkt unter Strafe stand (Stufe 1) und manchmal nicht einmal das. Ab und an mochte sogar noch einer oder eine an andere denken, aber oft nur unter dem Vorbehalt des Eigennutzes (Stufe 2). Klang das bekannt? Konnte man einige (oder nicht sogar die meisten, ja alle) der aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Entwicklungen anhand dieser Annahme einordnen und besser verstehen? Ich dachte ja, und es besorgte mich sehr.

(Zu einer parallelen Einschätzung des Ist-Zustands unserer Gesellschaft hat ad sinistram ebenfalls etwas sehr Substantielles zu sagen (>>).)

[Das Problem mit der Moral (Teil 2) hier >>]

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Donnerstag, Oktober 01, 2009

Das war's - Goodbye, SPD

Schwarz-Rot in Thüringen, Steinmeier als Fraktionsvorsitzender, Siggi Pop und Andrea Nahles in ergänzender Rollenteilung - das war's, goodbye, SPD. Die einzige, weil letzte Chance für einen Neuanfang diese Partei ist jetzt, genau jetzt, und so, wie es aussieht, wird sie den Bach 'runtergehen wie alles andere in den letzten elf Jahren Sozialdemokratie. Eine Schande.

Schade drum, wirklich schade. Aber vielleich hat es auch einfach nur noch immer nicht weh genug getan - kaum begreiflich, aber dennoch...

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Dienstag, September 29, 2009

Analyse: Eine persönliche Politikfolgenabschätzung

Wir lebten in interessanten Zeiten. In einem Fantasy-Roman hätte es geheißen: „Die Wolken der Dunkelheit zogen auf über dem Land.“

Am Sonntag waren Astrid und Gregor und Jan bei uns zum Abendessen. CDU und FDP gewannen die Wahl. Wir saßen in der Buchkantine, als die ersten Prognosen verkündet wurden. Ich trank meinen Wein aus, und Jan verging der Appetit auf sein Schinkensandwich. Wir gingen schnell nach Hause. Wir fühlten uns mit einem Mal nicht mehr wohl in unserem Land. Wenn es noch unser Land war.

Es war faszinierend. Ein Drittel der Bevölkerung wählte überhaupt nicht mehr (>>) und ließ sich das eigene Schicksal aus der Hand nehmen, und die knappe Mehrheit des Rests der Menschen in diesem Land wählte gegen die eigenen Interessen. Das verrieten jedenfalls die Umfragen, die der Wahl vorangegangen waren (Link folgt): Die Menschen wollten mehrheitlich Atomausstieg, Mindestlöhne, Ende der Kampfeinsätze der Bundeswehr. Dann wählten sie die Parteien, die all diesem diametral gegenüber standen. Mir graute vor den nächsten vier Jahren, und meinen Freunden ging es ebenso, nach allem was ich sagen konnte jedenfalls. So viel war nun möglich, so viele Fehler: Die Atomkraftwerke würden nun länger laufen, um die Gewinne der Energiekonzerne zu steigern; mehr Atommüll würde produziert, der noch in fünfzigtausend Jahren strahlen würde, und die Folgen würden wir und alle kommenden Generationen ausbaden müssen – nicht jene, die es zuließen, um weiterhin die Gewinne zu steigern. Die Bahn würde privatisiert werden, der letzte Rest des sogenannten Volksvermögens hinausgeramscht, um die Gewinne von Investoren und Invenstmentbanken zu steigern. Jene, die auf die Bahn angewiesen waren, und jene, die bei der Bahn arbeiteten, und das Land als Ganzes würden die Folgen ausbaden müssen. Man kannte die Folgen ja: Man musste nur nach Großbritannien schauen, nach Neuseeland, in die USA. Die Finanzmärkte würden nun nicht reguliert werden, und sie waren bereits eifrig dabei, die nächsten zu bilden. Auch sie würden letztlich kollabieren, und wir alle würden auch für diese Krise wieder aufkommen müssen, wenn das überhaupt noch möglich war. Vier Jahre konnten für all das ausreichen. Vermutlich würden auch zwei Jahre schon genügen, wenn die neue Regierung sich ein bisschen ranhielt.

Es war die falsche Politik zur falschen Zeit. Sie beruhte auf Ideologien und Weltanschauungen, die längst überholt waren, auf dem Prinzip des maximierten Eigennutzes; sie passten nicht mehr in diese Zeit, wenn sie überhaupt jemals in irgendeine Zeit gepasst hatten. Doch es waren verlockende Ansichten, und die Menschen entschieden sich mehrheitlich für sie, obwohl ise ebenfalls mehrheitlich unter ihnen leiden würden – denn diese Ansichten waren einfach, sie waren linear, und sie versprachen simple Lösungen für komplexe Probleme. Die Lösungen würden natürlich nicht funktionieren. Jeder, der einen Kopf zum Denken hatte, konnte es wissen. Aber die Menschen dachten nicht, sondern sie folgten den einfachen Lösungsversprechen, und sie würden die folgende Suppe auslöffeln müssen, besonders jene, die sich nicht dagegen würden wehren können – und dennoch würden sie auch in Zukunft wieder falsch wählen, wieder falsch entscheiden, und das war das eigentlich Traurige daran, das war die menschliche Krankheit des unbeherrschten Geistes (>>).

Ich freute mich wirklich nicht auf die nun folgenden Jahre. Die Zeit lief uns davon, und wir als Bevölkerung hatten uns für den dümmstmöglichen Stillstand entschieden. Ich musste an Heinrich Heine denken, der unter anderen, von der heutigen Warte aus auch nicht mehr sehr viel schlimmeren Umständen gedichtet hatte:
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“
Ich selbst schlief auch schon ganz schlecht.

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Montag, September 28, 2009

Hello Mister Westerwave - no English spoken hier

Vor der Analyse noch ein bisschen Erheitend-Ernüchterndes zu einer der den neuen Galionsfiguren der bundesdeutschen Politik. Wie der SPIEGEL schreibt (>>), weigerte sich Guido auf seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahl gegenüber einem BBC-Reporter vehement, eine Frage auf Englisch zuzulassen:
Bei seiner ersten Pressekonferenz nach dem Wahlsieg hat sich FDP-Parteichef Guido Westerwelle geweigert, eine Frage auf Englisch zu beantworten - nicht einmal anhören wollte er sie. "Wir sind hier in Deutschland", schalt er den Reporter.
"Warum" lautet die Frage - ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Antwort ist ganz simpel:

Hello, Mister Outsideminister. Nice to meet you.

*UPDATE*
Gut, auch der SPIEGEL selbst verlinkte bereits auf dieses Video. Wer alles liest, ist klar im Vorteil. Wer Englisch kann allerdings auch.

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Nach der Wahl

Tja, sieht so aus, als hätten die Nichtwähler diese Wahl entschieden (>>). Was nun zu erwarten ist in diesem Land, davon später mehr. Für den Moment gelten die unsterblichen Worte Clancy Wiggums (>>):
"Oh Mann, jetzt wird's erstmal schlimmer, bevor's wieder besser wird."

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Samstag, September 26, 2009

TVtotal: Der Trend für Morgen?

TVtotal fragt heute Abend um und nimmt für sich in Anspruch, Trends vorherzusagen, so geschehen letztes Jahr. In dieser Hinsicht sind die "Ergebnisse" von heute Abend natürlich besonders interessant. Die lauten nämlich so:
CDU: 26,6
SPD: 17,7
FDP: 19,9
Grüne: 15,4
LINKE: 20,5

Die FDP macht mir Sorgen, aber die LINKE macht mir Freude (>>). Natürlich, die Alten und Lahmen haben sich an diesem neumodischen Firlefanz nicht beteiligt und werden morgen auch noch wählen gehen - trotzdem bin ich sehr gespannt. Ich werde morgen wählen. Ihr alle hoffentlich auch.

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Nochmal zur FDP und dem, was hinterher wieder keiner gewusst haben will

Ich hatte ja Post von Guido Westerwelle bekommen (>>), in der er eine Menge Dinge behauptete - drei Dinge, um genau zu sein, Gründe, warum ich seine Sekte wählen sollte. Mehr an vermeintlich Positivem gab vermutlich das Wahlprogramm gar nicht her. Die SZ (>>) rechnete es vor.

Wer immer also für die Liberalen stimmen muss, der sage hinterhier nicht, das habe er nicht gewusst. Die FDP wählen ist eine klare Aussage - gegen den Sozialstaat, gegen Solidarität, gegen Gerechtigkeit im althergebrachten Sinn.


*UPDATE (28.09.2009)*

Ad sinistram hat hierzu auch noch etwas zu sagen... (>>)

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Wer LINKS wählt, wird gefeuert...

...so kommt es einem beim Betrachten der Wahlempfehlungen der BLÖD-Mitarbeiter zumindest vor (>>).
Andererseits: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um - und wer bei BILD arbeitet, stellt das Denken wohl irgendwann einfach ein. Vielleicht aus Selbstschutz.

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Freitag, September 25, 2009

Westerwelle spammt uns zu

Ich fand heute eine Email in meinem Junk-Ordner. Es war leicht ersichtlich, warum ich sie dort und nicht in meinem Posteingang fand: Der Absender war Guido Westerwelle.

Es war ein Bettelschreiben der FDP, die meine Zweitstimme wollte, um eine linke Regierung zu verhindern. Eine linke Regierung? Mein Herz machte einen kleinen Sprung, aber... las der Mann keine Zeitung? Konnte er so abgeschnitten sein von den politischen Vorgängen im Raumschiff Berlin? Ich meine, eine linke Regierung wäre gut und schön, aber diese Stimmungsmache kam offensichtlich aus einem Paralleluniversum. Nun gut, er gab nicht auf, sondern versuchte weiter, mir die FDP schmackhaft zu machen mit einer Auswahl an Rosinen aus dem zu verteilenden Kuchen nach Wahlgewinn:

Sie würden die Steuern gerechter gestalten und kleine Einkommen, den Mittelstand und Familien entlasten - bitte? Die FDP? Waoh. Aber dann natürlich die hohen Einkommen dementsprechend stärker besteuern, nicht wahr? Nein? Hmm...

Sie wollten auch den Respekt vor den Bürgerrechten wieder stärken. Das war super. Dann würden sie sicherlich auch für Würde und Gerechtigkeit auch für den kleinen Mann eintreten, versuchen, ihm zu voller Teilnahme an der Gesellschaft zu verhelfen und so weiter. Das fand ich gut. Wie? Nein, würden sie nicht? Hmm...
Und sie wollten die besten Schulen und Hochschulen der Welt für Deutschland. Warum auch nicht. Gute Bildung, da weiß man, was man hat. Und jeder dürfe sich bilden, umsonst natürlich, Bildung als Menschenrecht und... Naja, ich wusste schon, wie auch hierauf die Antwort lauten würde.

Das Komische war, ich hatte gar nicht um Post gebeten. Ich hatte auch nie der FDP meine Email-Adrese verraten, das fiele mir im Traum nicht ein. Folgendes fand ich dann im Footer der Email, hier in der Original-Formatierung:

Diese Nachricht wurde an die E-Mailadresse xxxxxxxxx@xxxxxx.de verschickt.
Der Absender ist:

SuperComm Data Marketing GmbH
Auguststr. 19
53229 Bonn
Geschäftsführer: Sven Nobereit
Amtsgericht Bonn HRB 12603

Sie erhalten diese E-Mail, da Sie sich auf einem unserer Portale (www.netwerbung.de) oder durch uns gesponserten Projekte angemeldet haben. Die auf den Seiten jeweils hinterlegten AGB fanden Ihre Zustimmung.

Hinweis: Die Firma SuperComm Data Marketing GmbH ist technischer Versender dieser E-Mail. Bei Fragen zu den beworbenen Produkten/Dienstleistungen wenden Sie sich bitte direkt an den jeweiligen Anbieter.

Ich fasste zusammen: Die FDP schrieb mir Post, um die ich nie gebeten hatte, tischte mir Lügen auf, auf die ich nichts gab und die nach dem Wahltag wieder vergessen wären, und hatte letzten Endes meine und sicherlich tausende weiterer Email-Adressen von einem Spam-Versender, einem der blutleeren Vampire des Internets, einfach gekauft. Um Zweitstimmen zu gewinnen. Hmm...

Ein jeder urteile für sich selbst, wes Geistes Kind diese Menschen waren. Naja, gut, man wusste es schon zuvor. Trotzdem.


*UPDATE*
Und Heise war schon vorher dran (>>).

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Neues aus dem Irrenhaus: Verfassungsschutz wird Polizei?

Neues in der SZ: Das Reichsinnenministerium hat eine Wunschliste für die nächste Legislaturperiode. An der Spitze: Polizeiliche Befugnisse für den Verfassungsschutz (u.a. Online-Durchsuchungen, Zugriff auf Vorratsdatenspeicherung, Lausch- und Spähangriffe). Das klingt jetzt so nett, das dürfen die doch eh alles schon, oder? Nur zur Erinnerung: Der Verfassungsschutz hat einen putzigen Namen, aber es handelt sich dabei um den deutschen Inlandsgeheimdienst. Ja, wir haben so einen. Und wir hatten auch schon mal eine Verquickung zwischen Polizei und Geheimdienst, das hieß damals GeStaPo.
Die beiden Funktionen auseinanderzuhalten hatte und hat aber einen guten Grund. Kein Mensch kontrolliert die Geheimdienste, jedenfalls kein Richter - wie sollten sie sonst ihre so geheime Arbeit tun? Und Geheimdienst und geheimdienstliche Methoden bedeuten: der Betroffene erfährt nichts. Kein Richter kontrolliert, kein Einspruch ist möglich. Hallo 1984. Das ist bizarr, und es ist ein Skandal - wir leben in einem Rechtsstaat, jedenfalls noch. Doch dessen größte Feinde scheinen nicht mehr nur äußerst rechts und äußerst links zu sitzen, sondern offensichtlich auch im Innenministerium selbst.

Es gibt noch einiges mehr auf dieser Wunschliste des Innenministeriums, die angeblich von unteren Chargen ganz ohne Weisung oder ähnliches, quasi in der Freizeit wahrscheinlich, zusammengestellt wurde (siehe unten) - unter anderem Straffreiheit für V-Männer, die, um sich zu beweisen, "szenetypische Straftaten" begehen "müssen", vielleicht einen Türken oder Linken zusammenstiefeln beispielsweise.

Wie in der SZ (>>) zu lesen ist:
Bruno Kahl, der Büroleiter von Minister Schäuble, erklärte auf Anfrage, es handele sich um ein Papier, das bisher nicht zur Leitungsebene des Hauses gelangt sei. Es gehe um eine Art Wunschzettel der Referate des Ministeriums am Ende der Legislaturperiode. Das Papier sei kein Koalitionsverhandlungs-Papier, sondern ein "Ministeriums-Internum". Es sei nur im Auftrag von Referatsleitern aufgeschrieben worden, was man in der laufenden Legislaturperiode nicht geschafft habe, was also nun für die nächste Legislaturperiode noch auf dem Tisch liege.
Großartig. Das alles hätte bereits passieren sollen, jetzt passiert es eben nach der Wahl. Wer die Regierungskoalition wählt, der sage nicht, er hätte nicht gewusst, worauf er sich einließ. Willkommen im KapitalFaschismus.


Heribert Prantl schreibt schon dagegen an (>>). Sein Wort in Gottes Ohr.

*UPDATE*
Und auch Telepolis zieht nach (>>).

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Ich wähle LINKS.

Je mehr von uns darüber sprechen, umso eher durchbrechen wir die Meinungsmache (>>) der etablierten Medien. Deshalb sage ich: Ich wähle LINKS.
Ein jeder kann und darf ja in diesem Land wählen was er will
. Warum ich mich entschieden habe, meine Stimme für DIE LINKE abzugeben:

Ich betrachte mich als tief überzeugten Humanisten, der in einer lebenswerten Gesellschaft leben will. In einer Gesellschaft, in der sowohl die Begriff Verantwortung und Solidarität noch etwas bedeuten, in der über den Tellerrand u
nd nicht nur an sich selbst gedacht wird, und in der jeder eine Stimme hat und diese Stimme zählt.

Früher wählte ich SPD, bis Gerhard Schröder Kanzler wurde und durch seine Politik für die Bosse diese Episode beendete. Er entpuppte sich als Parvenü ohne jeden Sinn für die Gesellsch
aft als Ganzes, der Erfinder der "Sachzwänge", und das war das.
Dann wählte ich die Grünen, bis sie Hartz VI mittrugen, ohne jede eigene Idee unter Fischer zum Abnicker der immer weiter nach rechts driftenden SPD degenerierten und offenbar vergaßen, woher sie kamen und warum wir sie eigentlich gewählt hatten.

Dann kam die Große Koalition, und was soll ich sagen:
Sie war noch schlimmer als all die Ahnungen, die man zuvor hatte.
Die CDU hat eine Kanzlerin, die nichts
tut außer abzuwarten und ihr Fähnchen dann nach dem Wind zu hängen; der Wirtschaftsminister hat einen großen Namen und sonst nicht viel; der Innenminister ist paranoid und hätte längst eingeliefert werden sollen; der Verteidigungsminister ist einer der prominentesten Ausüber von Neusprech, und so fort.
Die aktuelle SPD ist eine CDU in Rot, mit dem unfähigsten Finanzminister aller Zeiten (>>), der erst selber mithalf, den Brand zu legen, und sich jetzt als Feuerwe
hrmann inszeniert; einem Parteivorsitzenden, dem die Verbindung zur Realität offenbar schon seit Längerem abhanden gekommen ist; und grundsätzlich mit Führungspersonal, das offenbar für jeden möglichen Auftraggeber arbeitet, aber nicht für die eigene Partei (>>).
Zur aktuelle
n FDP sage ich nichts viel: Sie sind die Apologeten all dessen, was in unserer heutigen Gesellschaft falsch ist, was sie vernichtet - Sozialdarwinisten über alles, jeder ist sich selbst der Nächste, frei nach dem Motto: "Eure Armut kotzt mich an!"

Was bleibt mir noch? Eine Partei, der
en Vorsitzender wenigstens etwas von Volkswirtschaft versteht; die einen bescheidenen Mindestlohn einführen will; die die Ausgrenzung der Benachteiligten verringern will; die die Profiteure der Katastrophen der letzten Monate mit in die Verantwortung nehmen will; und die sich nicht der modernen Religion des Neoliberalismus unterworfen hat. Wichtiger noch: eine Partei, die noch an das Primat der Politik zu glauben scheint und sich den Sachzwängen nicht beugt, die von allen anderen Seiten herbeiphantasiert werden im Interesse einiger weniger. Eine Partei, die, wenigstens für den Augenblick, noch wagt, jene Dinge beim Namen zu nennen, die falsch, und jene, die richtig sind. Ich stimme nicht mit allem überein, zugegeben, und in Berlin lebend habe ich auch noch eine andere Seite der LINKEn kennengelernt - aber mir liegt an einem lebenswerten Land, und mir liegt an einem lebenswerten Leben, und deshalb will und muss ich mit den mir verbleibenden bescheidenen Mitteln endlich ein Zeichen setzen.

Ich wähle LINKS. Diese Wahl gibt es keine Wahl.


P.S.: Zu allem Für und Wider betreffs der LINKEn gibt es einen hervorragenden Post mit einer Menge Kommentaren drüben beim Spiege
lfechter (>>) - ich erspare es mir also, all das an dieser Stelle zu wiederholen. Wer immer will wird dort fündig.

(100 Blogs für DIE LINKE: Hier gibt es mindestens 99 weitere gute Gründe fürdie richtige Wahl. Eine Inititive von Frank Benedikt.)

[Rechte an Lafontaine liegen bei der ZEIT]

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Dienstag, September 22, 2009

Was für ein Wahlkampf, oder: Not gegen Elend

Es ist ja nicht so, als ob die Bundesrepublik in ihrer Geschichte nicht schon ein paar ordentliche und teils sogar originelle Wahlkämpfe erlebt hätte, Richtungskämpfe und Schicksalsentscheidungen quasi par excellence - der momentane hingegen stellt wohl sowas wie den absoluten Tiefpunkt des nachkriegsdeutschen Demokratieversuchs dar: Man besehe sich die obigen corpus delicti, angetroffen auf einem ganz normalen Berliner Spaziergang.

Please: "Unser Land kann mehr" - was mehr? Mehr als Herr Steinmeier? Gut möglich, das hoffe ich sehr. Jedenfalls ist das die erste Interpretation, die mir zu Bewusstsein kommt. Wer immer diesen Text verbrochen hat, sollte keine zweite Gelegenheit dazu bekommen.

Schlimmer geht aber immer: "Wir wählen die Kanzlerin." Wer, wir? Die CDU? Ja davon bin ich ausgegangen, das überrascht mich nicht. Falls ich mich in diesem zugemuteten "Wir" allerdings impliziert selbst wiederfinden soll, so möchte ich Einspruch einlegen - über meine Stimme bestimme noch
immer ich, wenn vielleicht auch über sonst nicht mehr viel. Oder, die interessanteste Fassung, vielleicht ist es ein königliches "Wir", ganz klassisch à la "Wir, Majestät von Gottes Gnaden" - das erklärte einiges andere und scheint, angesichts der Selbstzufriedenheit der Hauptdarstellerin auf obigem Plakat, vielleicht sogar eine valide Deutung.

Nun, es entscheide ein jeder für sich selbst (das nennt sich Demokratie). Aber gerade bei unseren beiden "Volxparteien" erscheint's dieses Mal wahrhaftig wie eine Wahl zwischen Not und Elend, und sei es nur auf den Plakaten.

*UPDATE*:
Wirklich interessant allerdings, dass weder bei CDU noch SPD der Name des/der Kandidaten/in auf dem Plakat prangt, und das in Zeiten der angeblich absoluten Personalisierung - wo "Willy Brandt muss Kanzler bleiben!" anno '72 wenigstens noch den Charme des persönlichen Bezugs hatte (vom Charme Willy Brandts ganz zu schweigen), da haben wir heute - nichts. Da hat das "Spitzenpersonal" beider Parteien offenbar - ebenfalls nichts. Es geht entweder über Funktionen ("Kanzlerin") oder über - na, nichts! Damit ist es sozusagen offiziell: Wir haben einen Nullwahlkampf.

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Von iGoogle aus posten...

...und siehe da, es funktioniert. Was sagt man dazu.

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Polizeibrutalität im Bud-Spencer-Remix

Drüben bei Telepolis (>>) gibt's das Für und besonders das Wider in Hinblick auf Polizistenprügel bei der Anti-Überwachungs-Demo am 12.09.2009 in Berlin hervorragend aufbereitet.

Die remixte Fassung des Beweisstücks A gibt es allerdings auf Youtube (das Original hier (>>)):



Was soll ich sagen - so schlimm ich den Sachverhalt finde, so lustig (und natürlich politisch so was von unkorrekt) ist in meinen Augen des schlechten Geschmacks das Terence-Hill-Voice-over, aber ich finde ja auch die ersten beiden Filme der Nackte-Kanone-Trilogie wirklich und ehrlich komisch.
Mein ehrliches Beileid gilt dem Herrn in Blau. Vielleicht (wenn auch unwahrscheinlich) kommt einer der Grünen ja dafür in den Bau.

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Great Places to Work (I): Buchkantine in Berlin-Moabit

Books on the walls, cold beer in the fridge, wireless for free, 10 minutes from home. Priceless. (>>)




(Picture by Buchkantine.de)

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In den Mund gelegt



Einem Anhänger der politischen Mehr-oder-minder-Rechten dürfte das Video nicht gefallen, doch in der Sache ist es unbestreitbar gut gemacht, und darüber hinaus stutzt es einen der unsäglichsten Wahlwerbespots des letzten Jahrzehnts auf ein mehr "menschliches" Maß - allzu menschlich, aber das heißt ja nicht, dass es nicht wahr ist.
Btw.: Welcher Spot (Original, bekannt aus Funk und Fernsehen, oder "Fälschung") ist wohl näher an der Wahrheit?

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Montag, September 21, 2009

Steuergeschenke und andere Zumutungen

Eine Absicht war's wahrscheinlich nicht, doch die Titelseite der SZ Online entlarvte gestern die ganze Doppelzüngigkeit des momentanen Wahlkampfs unserer Volkspartei(en).

"Seehofer setzt auf schnelle Steuergeschenke" und

"Guttenberg und Steinbrück kündigen Sparkurs an" -

eine famose Arbeitsteilung. Woher bzw. von welchen gesellschaftlichen Gruppen die Kohle kommen wird, die einer anderen Gruppe die Steuersenkungen finanziert, dreimal darf man raten.

Man muss wahrlich kein Hellseher sein, um schwarz zu sehen. Schwarz für dieses Land als Solidargemeinschaft, aber das ist ja sowieso nicht mehr viel mehr als eine Spinnerei, der nur noch ein paar Ewiggestrige anhängen, nicht wahr?

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Sonntag, September 20, 2009

Hybris, oder: Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an

Wenn jemand noch etwas auf die Glaubwürdigkeit der beiden "großen" Parteien halten sollte - mag ja vorkommen -, dann sei ihm dieser Artikel (>>) von Harald Schumann (>>) im Tagesspiegel empfohlen - ein weiteres Mal nur eine der zahlreichen Spitzen des Eisbergs, aber wiederum eine, die wahlweise am gesunden Menschenverstand oder der moralischen Integrität des politischen Führungspersonals dieser beiden Klitschen zweifeln lässt. Anders und im altgriechischen Sinne betrachtet handelt es ich um Hybris im schlimmsten Sinne, frei nach dem Motto: "Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an" (frei nach Adenauer).

Wer sich weiterhin für dumm verkaufen lassen möchte, bitteschön: der weiß ja mittlerweile, wen oder was er wählen kann.

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Journalismus in der Krise - Chapeau dem Bürgerjournalismus

Matthias Geis hat wahrscheinlich seine Gründe - eine Hypothek auf'm Häuschen, den Drang zum Erfolg oder zur Nähe zu den Herrschenden, oder vielleicht auch einfach nen Knick in der Optik, whatever. Tatsache ist, er schreibt eine der unverfrorensten und dümmsten Geschichtsklitterungen der letzten Zeit, zu bewundern hier (>>) in der ZEIT, ausgerechnet. Dass dieser Quatsch zugleich auch noch eine Lobhudelei an die GroKoZ ist, geschenkt, der Mann muss ja auch sein Geld verdienen. Anstatt sich Journalist zu schimpfen, sollte er allerdings vielleicht besser Pressesprecher oder Parteigeneralsekretär werden, das scheint ihm mehr zu liegen. Dann kann er die absichtsvolle Verdummung der Bevölkerung auch quasi legal betreiben, das würde passen.

Das Schöne an der ganzen Geschichte: die Kommentare der ZEIT-(Noch-)Leser. Es lohnt sich, am Ende des Artikels in diese hineinzuschauen, und einen Blick auf die tatsächliche Wahrnehmung der Zustände in diesem unserem schönen Lande zu werfen, in der Wahrnehmung der Nicht-Propaganda-Schreiber, die keinen Blumentopf durch Anbiederung zu gewinnen haben, dafür aber einen wachen Verstand, der dem eines sogenannten "Journalisten" nichts nachsteht.
Ich dachte immer, ein Journalist sollte Dinge aufdecken und, im allgemeinsten aller Sinne, "aufklären", aber ich war wohl naiv. Immer wieder naiv, offenbar. Danke, Herr Geis, für die Aufklärung.

Ein Chapeau! also dem Bürgerjournalismus (wollte man ihn denn so nennen), und wer was über Propaganda lernen will, der sollte zu Albrecht Müller surfen, hier (>>).
Die Wahl ist nächsten Sonntag, und mir ist jetzt schon übel.

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Mittwoch, September 16, 2009

Marc-Uwe Kling: Wer hat uns verraten?



Ich stolperte über dieses Video Anfang 2009, da war es schon ein wenig älter. Damals kam es mir etwas übertrieben vor, aber wie es immer ist, life is stranger than fiction, und mittlerweile wurde dieser Song von der Realität schon mehrfach überholt. Deshalb den Song hier doch noch, weil es so schön war, und weil man damals noch glauben konnte, er sei übertrieben...

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Dienstag, September 15, 2009

Ende einer Volkspartei

Jetzt isses raus: Peer Steinbrück, der unfähigste Finanzminister aller Zeiten (>>), sehnt sich nach einer weiteren GroKo - warum zum Teufel soll man seine Partei, die SPD, dann überhaupt noch wählen? Zitat SPIEGEL (>>):
Zwischen SPD und Union gebe es inzwischen "mehr denn je" Gemeinsamkeiten, die eine Fortsetzung des Bündnisses rechtfertigten.
Ja super, das ist ja toll! Wer braucht da noch Parteien, die ein Spektrum des Volkswillens abbilden oder die gar Alternativen, also wirkliche Alternativen, zur Verfügung stellen? Die einst stolze SPD, die "Arbeiterpartei", in innigster Umarmung mit den "Christ""demokraten" - Entschuldigung, aber mir wird schlecht.

Andere Stellen vermuten ja (>>), dass in der SPD-Führung nur noch bürgerliche Maulwürfe tätig sind - und ja, wenn's nicht so absurd wäre, es spräche einiges dafür. Andererseits - life is stranger than fiction. Die simple Frage cui bono lässt einen schon zweifeln - wer profitiert von so einem groben Unfug? Die SPD als Partei bestimmt nicht. Einige Individuen wie Steinbrück selbst vielleicht schon eher... (>>) Nochmal Entschuldigung, aber wer diesen Mann noch ernst nimmt, der ist selber schuld.
Von anderen politischen Akteuren ("Wir haben die Kraft") will ich hier gar nicht erst reden.

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Montag, September 14, 2009

Weltverbesserung

Die Frage war immer die gleiche: Warum war die Welt in einem derartigen Zustand? Warum war alles ein so unglaubliches Durcheinander?
Nun, das war leicht zu beantworten. Ich saß im Zug und hatte sowieso nichts Besseres zu tun. Wir alle waren Schlafwandler unserer Leben; niemand wusste, was er eigentlich tat. Oh, jeder tat sein Bestes – aber das war auch ein Teil des Problems: Denn jeder tat das, was er für das beste HIELT. Aber die wenigstens wussten, was tatsächlich das Beste oder wenigstens gut WAR.
Im Mittelpunkt der ganzen Geschichte lag der Umstand, dass unser menschliches Bewusstsein imstande war, mit Symbolen umzugehen: sie zu erzeugen, zu manipulieren und von ihnen manipuliert zu werden. Jeder von uns tat das, die ganze Zeit; aber keiner wusste, was er TATSÄCHLICH tat, und kaum einer machte sich die Mühe. es zu hinterfragen und darüber nachzudenken. War es in der Struktur unseres Bewusstseins angelegt? Und wie FUNKTIONIERTE unser Bewusstsein überhaupt?
Naja, wir hielten uns selbst für real. Damit fing es an. Wir hielten die Konzepte, Systeme und Ideen in unserem Bewusstsein für real. Das war das Problem. Wir wollten überdauernde Dinge, an denen wir uns festhalten konnten, und so schufen wir sie uns.

Das war der Punkt, an dem man ansetzen musste, wenn man irgendetwas tatsächlich und überdauernd verändern wollte. LEIDER war das der Punkt. Es lief darauf hinaus, den Menschen das Denken beizubringen, das Beobachten, das Hinterfragen, oder es ihnen wenigstens irgendwie nahezubringen. Ihnen Lust auf das selbständige Denken zu machen. Denken war etwas, was niemand für einen erledigen konnte. Man musste es selber tun, auch wenn es vielleicht zu Beginn keinen großen Spaß machte. Es ging aber nicht anders. Es aß ja auch keiner für einen. Niemand konnte für einen anderen schlafen. Oder leben, wenn wir schon dabei waren. Es war eine dumme und umständliche Geschichte; andererseits war auch das nur wieder eine Repräsentation in unseren Bewusstseinen (wie zum Teufel bildete man eigentlich den korrekten Plural von „Bewusstsein“?), und eigentlich war es halb so wild. Es gehörte zum Leben dazu, wie der Stuhlgang. Auch der war manchmal nicht angenehm, aber er ließ sich nicht umgehen. Ein Teil des Lebens.

Was konnte man also tun? Was bedeutete es für den einzelnen?
Nun, es bedeutete, dass der einzelne erst einmal wissen musste, wie und warum und auf welchen Umwegen er dachte. Dann musste er sich bemühen, einen Überblick darüber zu bekommen, was davon real war. Das klang hohl. Das klang technisch. Also gut, ich würde es erklären. Wenn man schon das Denken lernen muss, dann sollte man es wohl so einfach wie möglich erklären.
Grundannahme 1: „Ich“ bin jemand, und ich bin wie ich bin. Zeitlich stabil, überdauernd, mit festen Grenzen, Überzeugungen, Eigenheiten und Eigenschaften. Alle anderen sind natürlich auch so.
Ausnahme: Ich verhalte mich situationsbedingt, wenn es sein muss. Alle anderen hingegen verhalten sich ihrem Charakter entsprechend.
Grundannahme 2: Ich verstehe den Zusammenhang zwischen A und B.
A -> B. Ich steige in A in den Zug und in B wieder aus. Ich gehe hinaus in den Regen und werde nass. So funktioniert das Leben. So funktioniert auch A -> B -> C. Oder eine beliebige andere Zusammenstellung von Variablen. Die Welt ist linear.
Grundannahme 3: Ich denke genau das, was ich denken will. Ich bin der Herr über meinen Geist, und nichts geschieht, ohne dass ich davon weiß und wichtiger noch, will. Allein der Gedanke, ich wüsste nicht, was ich tue, ist lächerlich. Ich bin es doch selbst.
Oh Mann, das war nicht schlecht. Eine Fundamentalopposition zum Sein, sozusagen. Kein Wunder, dass alles schief ging. Es war eher erstaunlich, dass überhaupt noch etwas auf dieser Welt funktionierte. Andererseits: tat es das?

Mal als Mängelliste ausgedrückt:
Mangel 1: Wir denken, unser Selbst sei real – dabei ist unser Selbst eine Konstruktion des Bewusstseins. Es ist immer genau das, was wir es sein lassen, innerhalb der biologischen Grenzen. Von denen ist allerdings alles andere als sicher, wo sie verlaufen.
Mangel 2: Wir denken, unsere Gedanken und Überzeugungen hätten eine eigene Realität. Wir denken, die Welt wäre so, weil sie so ist – dabei ist die Welt erst so, wie sie ist, weil wir sie dazu machen und so sein lassen. Die Menschenwelt ist konstruiert. Es gibt eine biologisch-geologische tatsächliche Welt, das ist richtig. Die Menschenwelt hingegen ist ein aufgepfropfter Konsens, und nichts Anderes.
Mangel 3: Wir sind unfähig, in komplexen Zusammenhängen zu denken. Wir tun uns schon ab drei Variablen schwer – Dinge wie Klimawandel, die eigene Psyche oder die Weltwirtschaft entziehen sich unserem Verständnis. Wir können mit einem solchen Level an Komplexität bewusst kaum umgehen. Wir denken, wir könnten es, und konstruieren so noch mehr Fehler, die sich nicht nur aufaddieren, sondern aufmultiplizieren. Wir machen die Dinge schlimmer und können es nicht einmal kapieren.
Mangel 4: Wir denken, wir wüssten, was wir tun – das ist die Essenz des Ganzen. Wir verstehen nichts. Wir verstehen uns selbst nicht. Das Bewusstsein spiegelt sich vor, „es“ wüsste, was geschieht, beziehungsweise der Mensch spiegelt sich vor, er wüsste, was im Bewusstsein geschieht – immerhin sei er es „selbst“. Was nicht passt, wird passend gemacht, und was fehlt, wird konstruiert. Es läuft darauf hinaus: Das Leben ist tautologisch. Das Er-Leben.

Wir bewegten uns in drei auf uns bezogenen Welten gleichzeitig:
1. In einer Körper-Welt. Es war die ursprüngliche Welt, die Welt des Tieres, die „unbewusste“ (eigentlich: weniger bewusste, nicht-symbolische) Welt. Die Welt der physischen Realität im weiteren Sinne.
2. In einer Bewusstseins-Welt. Der ungebremste Bewusstseinsstrom, der immer und immer weiter floss, Hindernisse und Dämme einfach beiseite spülte oder umging, sich kaum kanalisieren oder ausrichten ließ und über die Ufer trat, wann immer er wollte. Und wir bildeten uns ein, wir würden ihn kontrollieren. Es war lächerlich. Wir kontrollierten einen kleinen Teil, einen Bewusstseins-Fokus, und manchmal nicht einmal den. Allzu oft waren wir Opfer unseres ungesteuerten Erlebens und Einordnens. Die Bewusstseinsmaschine war nicht anzuhalten.
3. In einer Symbol-Welt. Konzepte, Ideen, Systeme, Symbole. Die ganze Chose. Wir haben sie in die Welt gesetzt – oder haben wir das? Hat nicht unser Bewusstsein sie in die Welt gesetzt, mit oder ohne unser Zutun und unsere „bewusste“ Entscheidung? An beidem war etwas dran; und obwohl sie ihre letzte tatsächliche Bedeutung erst in unserem Bewusstsein erhielten, führten sie doch auch ein Eigenleben. Die Ideen verbreiteten sich ungebremst und ungesteuert, und immer mehr in dieser unserer neuen Zeit. Weltweite Vernetzung bedeutete weltweite Ideen. Meme nannte man sie. Tatsächlich wäre der Begriff „Bewusstseins-Viren“ angebrachter gewesen. Was machte man mit Viren? Man hetzte das Immunsystem auf sie. Genau das war es, was wir brauchen: eine Immunabwehr für das Bewusstsein. Das war es, was Bewusstwerdung, was Denken tatsächlich war.
Das war nicht übel. Darauf konnte man aufbauen.

Mein Zug hatte immernoch Verspätung. Wieder ein klarer Fall eines Systems, das sich selbst nicht verstand: die Bahn hatte zwar Fahrpläne, aber sie konnte sie niemals einhalten. Fast wie die Politik. Ich starrte aus dem Fenster in die Nacht. Alles was ich sah war ich selbst.

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Freitag, September 04, 2009

Real Journalism II

Violence, racism, and the search for meaning - it's all here in a great, well-balanced and considerate article:
A Mugging In Lake Street
(And people keep asking me why I like the American school of journalism so much...)

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Dienstag, September 01, 2009

Kein richtiges Leben im falschen

Please: Die Wahl als drittstärkste Fraktion überlebt, den Status als Volkspartei längst verloren (den sie in Thüringen sowieso nie innegehabt hat), aber jetzt einen auf dicke Hose machen -
Christoph Matschie und seine Thüringer SPD braucht dringend einen Realitäts-Check.

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Real Journalism

If you would like to know what excellent journalism looks like, take a step back from its German "versions" and have a look at the New Yorker:
The Cost Conundrum: What a Texas Town Can Teach Us About Health Care
Trial By Fire: Did Texas Execute An Innocent Man?
Pay a visit - it's really worth it.

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Montag, Juni 22, 2009

Porsche in Bietigheim

Auch ein Resultat der Wirtschaftskrise im weitesten Sinne: Bietigheim-Bissngen in den Nachrichten, wie heute beim Stern. Eine Menge Erinnerungen löst der Bericht über jenes Städtchen im Schwäbischen aus, und auch eine neue Klarheit, warum ich jetzt gerade an dieser Stelle meines Lebens wohl ausgerechnet in Berlin bin...

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Sonntag, Juni 21, 2009

Iran: the Tipping Point

The images of a young woman shot just like that by one of the Iranian regime thugs are going around the world (you can find them here at Breakfornews.com, I won't show them yet another time. The dead have their dignity as well, after all.) What the regime is after and all about has become abundantly clear - no "Islamic republic", no "peace", no "prosperity" for its people, but unfettered, raw power. And as it always goes, it has its thugs and brutes at its command, the kind of people that alwayys rise with the ruthless, be it the Basiji in Iran or the Nazi in Germany back in the Third Reich.

But unlike in Germany in those fateful days of the Nazi reign, we get the pictures from Iran and the people's uprising, and they get them as well. There is no going back now. This is no limited, circumscribed Tiananmen anymore, this is a crackdown on a signficant portion of an entire people. Khamenei, by using brute force, may get his way one more time. But his days and the days of the theocratic regime are counted. And, frankly: I do not believe he may get his way. The Iranian people have awakened. The tipping point has been reached. There are too many of them, and they have been suppressed far too long. This is not about elections and stolen votes anymore. This is about freedom, about rights, about democracy. This is about young people getting killed for no reason but the one that they want to live good and free lives.

The moment some of the thugs started killing, the tipping point was reached. There is no going back to the status quo ante any longer. Regardess whether the uprising is successful or the regime's crackdown is, what little trust had been there is gone for good. Eventually, Iran will be free, out of its own ability.

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Mittwoch, Juni 17, 2009

Nächster Halt: HSH Nordbank

Von SPON:
Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) kündigte an, Flashmob-Partys in der Hansestadt verhindern zu wollen. "Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende unorganisiert feiern und anschließend die Gemeinschaft den Dreck wegräumen und die Folgen bezahlen muss", sagt der Senator.
Ganz meine Meinung: Warum sollten wir ein paar wenige feiern lassen und danach gemeinsam deren Dreck bezahlen? Da kann man für die Folgen der Finanzkrise ja eigentlich nur hoffen... ;)

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Iran: Levels of Conflict Resolution

There's one thing about the current conflict I cannot get out of my mind: that conflict tends to be resolved on the lowest level accepted by the involved parties. In short, there are six general possible levels of conflict solution:
  • Consensus: both parties agree on the topic
  • Compromise: both parties move away from their initial goals and agree on a third position
  • Delegation: a third party rules on the conflict, i.e. a judge or international body or whatever
  • Fight with submission: the two parties fight until one gives in, usually with a bloody head or worse
  • Fight with destruction: this is no game anymore. Fight until, well - destruction. It's a win/loose situation now. There can be only one
  • Escape: the lowest possible level of conflict resolution - one side gives in and lops off. Sometimes the only viable option.
That's about it in conflict theory. Well, my concern is that the Iranian regime is not really interested in a compromise, let alone a consensual solution to the popular uprising. Right now, they are using force, that's the fighting-levels for you. The regime still hopes for submission, but I'm afraid it would accept the "destruction"-option as well. That's why popular support outside of Iran is so important - it shows the regime that the Iranian people is not alone, that they have international support. And that's also why it's very rational by the Obama administration not to take sides too openly - because that would only show the regime that they're with their backs to the wall, and make the "fight with destruction"-option so much more probable... The revolt in Iran is walking a thin line, and I seriously hope they can continue to walk it, all of them.


(For a thorough analysis of the background and all the other stuff concerning the Iranian revolution, please have a look here at CNN, here at Theran bureau, here at TED, and here, again at Theran bureau, and a very touching testimonial. Apart from that, the Dish is great at offering further information.)

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The Leaders of Iran's "Election Coup"

If it's true, the most informative stuff I've read so far on what's going on in Iran and why.
Quoting:
This is a pivotal moment in Iran’s history. If the reformists and the Iranian people cannot reverse the outcome of Iran’s rigged elections, Iran will enter a dark period of dictatorship, with no light at the end of the tunnel. The country will be controlled completely by the military/security forces, with an unelected Supreme Leader as its titular head, and no elections (or extremely meaningless ones). This would be a terrible development for the rest of the world as well.

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Dienstag, Juni 16, 2009

Where will it end? Where CAN it end?


A number of options are on the table in Iran and have been considered, for example by Micheal Ledeen. Everything could transpire from the Iranian second revolution, as I am tempted to call it, from a bloody abatement to a change of the guard to an actual revolution that puts away with the whole theocratic dictatorship you have in Iran. In theory, all of these developments are possible; some would say, the survival of the regime by pure force and even more brutality would be the most probable one.
I do not think so. We have been witnesses to something like a spontaneous uprising in the last three days; all the contempt that built up during the last thirty years and gained more and more momentum in the last few years only needed a good reason to erupt. And the Iranis got the best of reasons: quelled hope and destroyed illusions.
Now they beat the people, they throw them into their dungeons, and they even kill them (for a sad account of what's happening, pay a visit to Andrew Sullivan who covers the events with the help of a lot of Iranis out there). That quality of the conflict originates with the regime, and it will not be forgotten. After all, this is not Tiananmen - not a few thousand Chinese in a country that holds a billion of them; and not just students, as it seems, but a broad cross-section of the Iranian people. They may get killed, they may be suppressed once more. It is possible. But they will not forget who did it, and they will not forget what they dreamed and aspired to during these days. You cannot hold a whole population hostage, at least not in a country like Iran that has fully adopted all the means of modern technology (Iran is the third-largest nation of bloggers, for example; only Twitter is making possible that what is currently happening). And Iran is too important: there's too much oil (not like in Burma or North Korea, for example).

So where will it stop? Can it stop any longer before they have travelled the whole way? Will the regime survive in a new disguise? I think that Ahmadinejad and his likes blew it when they took resort to brutal force and only urged on and itnsified the protests threw it; and then they tried more of the same, more force, and still try it, but it will not help them any more than the first time. They should have let Moussavi win; he would not have changed the system much. Change would have been inevitable anyway; but it would have occured at a much lower pace. Now things have been sped up to the limit, and I do not believe Iranians will settle after all their blood has been spilled for the old status quo, only with someone else at the helm, although he is a "reform candidate". Even it this revolution should get shattered, the Iranian people will have won. The regime has shown its most ugly face. Freedom will come, eventually.
I only hope that not too many of those fighting for it right now will have to give their lives. If I did not believe in humanity but in any deity, believe me, I'd pray.

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Montag, Juni 15, 2009

Not My EU

So much for the Czech EU presidency:
The Presidency of the Council of the EU closely followed the course of the Presidential elections held on 12 June 2009 and notices Mr. Mahmoud Ahmadinejad was re-elected for the second term as the President of the Islamic Republic of Iran.
There was no need to cave in that early, especially now [1] [2]. At least Germany seems to be acting differently for the time being and not following the EU lead. Let's hope the best that Steinmeier can do something right for once.

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Not even counting

From Radio Free Europe:

[...] they didn’t even count people’s votes. They announced the results without opening the ballot boxes. It was sent as a circular to the state television, which announced it. Is it so difficult for the world to understand this?
That would at least explain the swiftness with which the election's "results" were announced - within hours of the closing of the polling places. Either all of this was an ad-hoc reaction by the Ahmadinejad people to an unfavourable development of election results, or a long-since prepared coup d'état - without anyone paying any attention to the actual votes whatsoever, except the people themselves. And now the world, watching...

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Sonntag, Juni 14, 2009

On Iran

No one outside Iran is currently sure what's going on inside - some media plainly speak of an Ahmadinejad-win, others are more skeptical. If you were to ask the people in Tehran, a different picture forms - everyone's convinced the election was rigged.

Another one of those pivotal moments in history, as if we hadn't had enough of those already these days. But the acceleration of everything seems to continue, and politics are no exception there. Another people fighting for its freedom, as it seems, having been cheated upon once too often.

The incidents in Iran are almost non-existent in the German internet-based media, safe for a few platitudes copied from news agencies, but excellent coverage on the events can be found on the Huffington Post, as well as at Andrew Sullivan's, although he's a little slower and mire sparse today than yesterday. A lot of additional links can be found there as well.

Whatever is going on in Iran right now, we should know about it - if another Tiananmen were to take place, which God forbade, at least the world should know... Peace to the Iranian people, and perhaps even freedom, at last.

[Picture from Tehranlive.org]

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Donnerstag, Mai 21, 2009

Interessante Zeiten

Auf den ersten Blick waren es Tage der Untätigkeit, die ich verlebte. In mir drin arbeitete es allerdings ganz gehörig. Ich wurde das dumme Gefühl nicht los, dass wir in „interessanten Zeiten“ lebten, wie der Weise euphemistisch so sagte – sollte heißen, dass vielleicht der Verlauf der nächsten zehn, zwanzig, oder auch hundert Jahre in diesen Tagen, Wochen und Monaten entschieden wurde, mehr oder minder unfreiwillig, oder sehenden Auges durch Menschen, die es nicht besser wussten.
Ich beschäftigte mich jetzt sicherlich schon seit einem halben Jahr mit der verdammten Finanzkrise, die in der Zwischenzeit zu einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise geworden war und, wie ich es sah, noch eine veritable Systemkrise werden könnte. (Aus diesem „könnte“ konnte man auch ein „würde“ machen.) Hatten die Menschen in den Tagen vor der Französischen Revolution wissen können, was auf sie zukam? Hatten es die Menschen vor der Großen Depression geahnt? Ahnten wir es, hier und heute? Denn was immer es war, eines war sicher: Etwas stand uns bevor.
Interessant wie die Zeiten waren, lebten wir tatsächlich in einem großartigen Zeitalter: Alles an Information war (noch) auf die eine oder andere Weise verfügbar und zu haben, und wer wusste, was er sich wo beschaffen und welchen Quellen man vertrauen konnte, was die Anzeichen waren für ehrliches Bemühen und Information und was jene für Wahnsinn und Dogmatismus, der konnte sich ohne Weiteres gehörig auf die Sprünge helfen im langsam zusammengepuzzelten Verständnis dieser großen Welt. Nur dass ihm das, was er dabei vielleicht entdeckte, wohl nicht gefallen würde.

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Sonntag, Mai 17, 2009

Eric Hobsbawm: "Es wird Blut fließen"

Wenn Menschen wie George Soros inzwischen als elder businessman ihren Senf zum Weltgeschehen dazugeben dürfen und andere wie Josef Ackermann noch immer als gesellschaftliche Akteure ernstgenommen werden, dann dürfen auch nicht-systemkonform argumentierende Persönlichkeiten einmal ran, wie hier (ausgerechnet im Stern) Eric Hobsbawm, der sich gegen einen offensichtlich mehr oder minder feindich eingestellten Interviewer auch mit 92 Jahren noch sehr gut behauptet:
Interviewer: US-Präsident Barack Obama pumpt Billionen Dollar in die Wirtschaft, Angela Merkel und die Bundesregierung legen milliardenschwere Konjunkturprogramme auf, auf dem G-20-Gipfel haben sie erklärt: Wir halten zusammen! Wir wissen, was wir tun!
Hobsbawm: Haben Sie das Gefühl, die wissen wirklich, was sie tun? Stecken da Konzepte, Analysen dahinter? Nein, aufgeschreckt wie Krankenschwestern eilen die Politiker ans Bett des Kapitalismus und tun so, als ob sie etwas täten.

Interviewer: Sie wissen nicht, wohin sie gehen?
Hobsbawm: Ja, und das macht die Sache so schrecklich ungemütlich: Sie wissen einfach nicht, was sie tun sollen! Was wir im Augenblick erleben, ist ja etwas, was es nach der radikalen Moraltheologie des Marktes gar nicht geben kann und darf, es ist also etwas, was das Denkvermögen der Akteure sprengt. Wie ein blinder Mann, der durch ein Labyrinth zu gehen versucht, klopfen sie mit verschiedenen Stöcken die Wände ab, ganz verzweifelt, und sie hoffen, dass sie so irgendwann den Ausgang finden. Aber ihre Werkzeuge funktionieren nicht.
Wo sind die Antworten auf die aktuellen Fragen? Wo sind wenigstens die Versuche von Antworten, die etwas Anderes wären als immer nur ein "Mehr desselben"?

Hobsbawm geht bereits in einer interessante Richtung:

Hobsbawm: Die marktradikalen Theorien sind ja wunderbar - wenn man von der Wirklichkeit absieht. Man konstruiert sich ein System, nennt es Freiheit, und in der Theorie funktioniert es: Jedermann, jeder Mensch, jede Firma sucht für sich den Vorteil, den rational kalkulierbaren Vorteil, und der Markt, jenseits des menschlichen Urteils, regelt alles zum Guten. Eine primitive Ideologie. Das Wissen von Leuten jedoch, die den Kapitalismus analysiert und verstanden hatten, wurde dagegen verspottet und vergessen: Leute wie Marx und Schumpeter wussten, dass der Kapitalismus etwas Instabiles ist, dass er sich entwickelt und revolutionär voranschreitet, aber auch zwangsläufig zusammenbricht, dass er stets anfällig ist für Krisen von unterschiedlicher Dauer und bisweilen großer Heftigkeit.
Die Menschheit kann nicht zum Laisser-faire-Kapitalismus der letzten Jahrzehnte zurückkehren. Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit oder auch der Gegenwart sein.
Damit hat er das Wichtigste bereits gesagt.

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Montag, Mai 04, 2009

Soziale Marktwirtschaft

Kaum zu fassen, dass ein solcher Artikel ausgerechnet in der FAZ zu finden ist... >>

Ansonsten sei jedem auch nur entfernt wirtschaftlich Interessiertem das Blog von Thomas Strobl empfohlen, der deutlich mehr weiß, als er zu wissen vorgibt. >>

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Dienstag, April 21, 2009

Pimping XP

You know me - I'm always the first of the last (or the last of the first?) to adapt technical innovations. Anyway, I was one of the first in Germany to get a 8.9 inch netbook, for whatever it's worth. And I love pimping the device, for whatever that's worth again. So here's what I use:

BricoPack's Vista Inspirat for the overall Macish look of my XP system - including the Rocket Dock toolbar (included with Vista Inspirat) at the top of the screen and some Yahoo! Widgets in the bottom right corner (hiding the stupid waste basket, btw.):


The task manager could also use some improvements, and Vista, despite all its shortcomings, has something to offer there as well... So I went for
WinFlip 0.5, an emulation of Vista's "flying windows", and well, I love the effect:


Finally, Firefox 3.0.8 had to be improved as well - why settle for linear tabbing in your favourite browser? So here's what FoxTabs can do for you:


Just as an inspiration - after all, I'm not a nerd (yet). I actually work on this system. In fact, an Acer Aspire One A150x is all you need for daily writing - save for the extended battery, that is.

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Sonntag, April 19, 2009

Like Hem said... (the sun also rises)

Leider hatte Hemingway Recht: die erste Fassung war immer Mist. Ich las die erste Fassung meines ersehnten Buches, und siehe da, es war weder Fisch noch Fleisch, sondern, naja, Mist eben. Falsche Spuren noch und nöcher, und ich behauptete allzu oft anfangs das Gegenteil der Dinge, die am Ende meiner Geschichte standen. Also, es war Mist. Ich musste noch eine ganze Menge Arbeit hineinstecken. Schade. Aber so war es eben.
Trotzdem fühlte ich mich alles in allem gut. Ich wusste nun, dass alles, was ich über das Schreiben gehört und nicht hatte wahrhaben wollen, wahr war. Die erste Fassung war Mist, es waren zehn Prozent Genie und neunzig Prozent Handwerk, und dieses Handwerk musste ich eben erbringen, anders ging es nicht – jedenfalls wenn ich ein Autor werden wollte. Und ich wollte, immernoch.

Schreiben bedeutete eine seltsame „single-mindedness“ – Zielstrebigkeit in der wörtlichen Übersetzung, aber zugleich ein Zustand der absoluten Fokussierung, in dem nichts Anderes mehr Bedeutung hatte als das gesetzte Ziel. Genau so war es beim Schreiben – ein halbes Jahr, ein Jahr mit nichts Anderem im Kopf als das Buch, die Geschichte, mit dem Bemühen, am Ende genau das stehen zu haben, was man am Anfang im (eben) Kopf hatte. Ein seltsamer und ein sehr undankbarer Beruf, wenn man darüber nachdachte. Diese Kunst war eine der am schwersten zu meisternde, kein Zweifel – Chandler hatte auch dies bereits einmal gesagt.


Gut, ich wollte es. Ich wollte es noch immer, trotz meiner verkorksten ersten Fassung. Ich wollte es unbedingt, und ich würde es erreichen. Ich hatte die notwendige Zeit, und ich sah keinen anderen Weg – nichts, was ich lieber wollte, obwohl ich es hasste. Ja, ich hasste den Gedanken, diese ganze Geschichte noch einmal überarbeiten zu müssen, und doch musste ich es tun und wollte es zugleich, denn ich wollte es zu einem Abschluss bringen, auch wenn es noch viel Schweiß und Mühen kosten würde.

Und danach wollte ich etwas Anderes beginnen – nach dem Gesellenstück ein Meisterwerk. Deshalb war es wichtig für mich, das Gesellenstück auch abzuschließen. Nur so konnte ich lernen. Sogar ich sah das ein.

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Sonntag, April 12, 2009

Long Time No See

I was very busy. I was busy living, in fact. Spring was here, as it was everywhere right now; but here in Berlin, spring had a certain quality, like the return of a long-missed friend, easing at last the mercilessness of grey concrete and barren streets. The city was returning to life, and so was I, a few minor health issues not included in the calculation.

I was making progress on a variety of front-lines: my novel was developing greatly, I just had to do the wrap-up and try to revamp my storyline by removing all the dead ends that had piled up. I had started meditation again and discovered to my own surprise that I liked it - in fact, was craving for it. Nothing better than to spend half an hour a day in serious submersion, unfettered from Ego's ravings. And I was getting up early every day and crazy about getting some work done, the more the better.

In general, I felt like I was living in a state of grace - like I was living exactly the kind of life I'd been made for, and could go on from here and tackle the real challenges that were predetermined and meant for me. Might sound strange, but that was the way I felt. I did not have too much of anything, be it money, peace or abundance of any kind, mind you, but I realised that I had
enough, and that I really did not need anything else, but just use my capacities and abilities to the fullest extent possible and see where that might lead. "Enough is a good as a feast", like the saying went. It was true. And it was beautiful.

Some years back, I had a different but comparable instance of an epiphany, that lead me to state something that held true today as it held true then, and that provided me with a deep sense of peace and purpose every time I thought about it. It was very simple:

It was a world of beauty,
it was a world of grace.

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Freitag, März 20, 2009

Die Bundesregierung duckt sich weg

Eine hervorragende Analyse von Wolfgang Lieb auf den Nachdenkseiten. Abriss:

Der gestrige Tag zeigte schlaglichtartig die Strategie der Kanzlerin beim Umgang mit der Krise. Merkel tut in ihrer Regierungserklärung immer noch so, als sei die Krise von außen über Deutschland gekommen, als habe diese nichts mit der vorausgegangenen deutschen Politik zu tun und vor allem, als habe man alles richtig gemacht. Merkel redet von „gemeinsamem Handeln“ und schiebt die Bekämpfung der Krise auf die internationale Ebene und blockt dann dort durchgreifende Maßnahmen ab. Merkel lehnt weitere Konjunkturinitiativen auf europäischer Eben ab; statt internationalen Druck auf Steueroasen zu machen, bekämpft ihre Partei im Innern sogar die schwarze Liste der gewiss wirtschaftsfreundlichen OECD. Passend dazu fordern am Tag der Regierungserklärung die Fraktionen von CDU und SPD ein Gesetz zur Vereinfachung der Umsetzung von Öffentlich-Privaten Partnerschaften (ÖPP). Gleichzeitig treibt die Union mit der Blockade der Neuregelung für die Jobcenters ein übles Spiel auf dem Rücken der Arbeitslosen. Wie in einem Brennglas wird darin deutlich, die Bundesregierung taucht in der Krise weg, schiebt Lösungsstrategien auf die lange Bank internationaler Gremien und wartet auf bessere Zeiten, um weiter zu machen wie bisher.

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Hybris des SPIEGELs wie der FDP

Zitat SPON:
Eine Verstaatlichung der angeschlagenen Hypo Real Estate rückt näher: Der Bundestag hat dem Gesetz zur Enteignung der Bankaktionäre mehrheitlich zugestimmt. Die Opposition spricht von einem "Tag der Unfreiheit".

Die Opposition kritisierte das Gesetz zur möglichen Enteignung von Banken scharf. Unmittelbar vor der Abstimmung sagte FDP-Vize Rainer Brüderle: "Heute ist ein Tag der Unfreiheit, heute wird eine Grundachse verschoben." Das Rettungsübernahmegesetz sei "ein Schlag gegen unsere Wirtschaftsordnung", fügte der Liberale hinzu. Der Staat könne in der Finanzkrise zwar nicht tatenlos zusehen, aber die Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft müssten gewahrt werden.

Hallo, geht's noch?
Die Opposition im Deutschen Bundestag besteht nicht nur aus der FDP, es gibt auch noch die Grünen und die Linke, falls dies der SPON-Redaktion entgangen sein sollte. Es ist unerträglich, wie ausgerechnet diese Partei, die nichts Anderes will als ein "Weiter so", nun auch noch im SPIEGEL zur Gesamtheit der Opposition verklärt wird, während teilweise tatsächlich substantielle Beiträge der LINKEN gemäß der existierenden journalistischen Mengenlehre geflissentlich totgeschwiegen werden.


Zur Person Brüderle will ich mich gar nicht erst äußern, daher zu seinem Zitat nur soviel: Die Soziale Marktwirtschaft dient der FDP nur als ideologisches Deckmäntelchen, wenn opportun. Aber mit einer tatsächlich sozialen Marktwirtschaft hat die heutige FDP nichts, aber auch gar nichts am Hut. Herr Brüderle sollte sich lieber endlich einmal das Grundgesetz zu Gemüte führen, ich wette, es wäre für ihn das erste Mal.

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Montag, Februar 23, 2009

Ende eines Experiments

Fern wie die Zeit ging einfach immer weiter. Ich war dem aktuellen Stand hier im Blog nun schon wieder acht Seiten voraus. Aber es war ein guter Cliffhanger, und so würde ich es erst einmal stehen lassen. Die Sache war die: Niemand, weder Agenten noch Verleger, veröffentlichte gern etwas, das bereits komplett im Internet gestanden hatte. Und das war eine Möglichkeit, die ich mir nicht verbauen wollte, besonders nicht nach der endlichen Überarbeitung. Es waren eine Menge Mist und noch mehr lose Enden bei dem dabei, was ich hier geschrieben hatte. Aber das würde sich ändern.

Sollte sich meine Veröffentlichungseinstellung noch einmal ändern, dann würde ich den Rest vielleicht auch noch posten. Bis dahin dankte ich meinen treuen Lesern - wieviele es gewesen waren, davon hatte ich keine Ahnung, die Kommentarfunktion war einsamer als ein Eremit im Hochgebirge - und das war's erstmal. Natürlich nicht mit dem Bloggen. Nur mit dieser Geschichte.

(Und wer es garnicht aushielt, der konnte mir ja mal schreiben und ums PDF bitten: Frank.Powers[ät]manwithahorn.de)

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Samstag, Februar 21, 2009

Fern wie die Zeit (XXXXI)

Wir ließen uns in dem bekannten Gestühl nieder und stellten die Kaffeetassen auf den dazugehörigen Tisch. Der Raum war nicht anders als gestern, soll heißen nicht viel darin, nur die weißen Segeltücher an den Wänden. Ich warf einen langen Blick auf die Dinger, und auf das, was sich darunter abzeichnete. Ich bildete mir ein zu wissen, was sich dort verbarg.
„Nu mal raus mit der Sprache. Was wird hier gespielt?“
Die Flinte hielt ich schräg über meinem Schoß, mit genügend Sicherheitsabstand zu Tuft, damit ich nicht wieder angesprungen werden konnte. Nicht dass ich bei ihm wirklich damit rechnete. Aber ich dachte mir mittlerweile, dass ich besser auf alles vorbereitet wäre.
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden“, antwortete Tuft.
Gut, wenn er den harten Mann markieren wollte, dann konnte ich ihm gerne auf die Sprünge helfen.
„Ich kann ihnen gerne mal auf die Sprünge helfen“, sagte ich ihm.
„Folgendes ist der Sachverhalt: Letzte Nacht haben mir Frances Henrie und David Zottelhaar in meinem Zimmer aufgelauert. Sie haben mich niedergeschlagen, gefesselt, mir angedroht, mich im Meer zu versenken, dann wieder niedergeschlagen und in Frances‘ Hütte im Wald verschleppt. Eine ganz einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Ich stöhnte auf und trank schnell noch etwas von meinem Kaffee.
„Frances zeichnet Bilder – vom Dorf, von den Menschen hier. Schlechte Bilder in der Ausführung, aber einzigartige Bilder in ihrem Inhalt – dem, was er darin einfängt. Ich habe noch nie solche Bilder gesehen. Eine einfache Frage: Warum?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden.“
Er hörte sich an wie eine kaputte Schallplatte. Aber jetzt war seine Stimme gepresster, die Lüge deutlich herauszuhören, wie ich fand.
„Tuft“, sagte ich, „sie haben hier ne Galerie, und ich weiß genau was für eine. Kommen sie mir also nich blöd. Sie wissen genau, von welchen Bildern ich rede, und sie wissen auch genau, was es mit denen auf sich hat.“
Mit diesen Worten stand ich auf und schritt zum Segeltuchverhang. Mit einem scharfen Ruck riss ich das Ding von den paar Nägeln, an denen es hing. Triumphierend wies ich auf die darunter zum Vorschein kommenden Zeichnungen und Gemälde. Ich hatte Recht gehabt.
„Und was ist das da?“ fragte ich mit dem selbstgewissen Ton des Siegers.
„Es sind Bilder vom Dorf. Aber es können nicht die sein, von denen sie sprechen.“
Seine Stimme war kühl und schneidend. Man musste kein Genie sein, um zu merken, dass er dachte, wieder Oberwasser zu haben. Das gefiel mir nicht. Ich warf einen Blick auf die Bilder, und was ich sah, gefiel mir noch viel weniger. Er hatte Recht. Es waren zwar Bilder, und Bilder vom Dorf und von einzelnen Personen, Panoramen und Portraits und der ganze Mist, aber sie waren nicht wie die Bilder Hendrichs. Diese Bilder waren tot. Es waren ganz gewöhnliche, hundsalltägliche, langweilige Bilder.

„Sie sehen, ich weiß wirklich nicht, wovon sie reden – und nun verlassen sie mein Haus!“
Tuft war aufgestanden und bewegte sich auf mich zu. Es war, als könne er meine Verwirrung und Mutlosigkeit spüren, und wolle daraus das größtmögliche Kapital schlagen. Er war schon fast so nah, dass er nach meinem Gewehr greifen konnte. Ich wusste, er würde es tun, wenn er die Gelegenheit dazu bekäme.
„Noch einen Schritt näher, Tuft, und sie können ihre schönen weißen Wände streichen.“
Der Ton in meiner Stimme machte sogar mir Angst. Ich schien schlimmer erschüttert, als ich mir selbst eingestand. Tuft wich zurück, selbst mit einem Flackern von Angst jetzt in seinem Gesicht, seinen Augen. Die Selbstsicherheit hatte er für den Augenblick wieder eingepackt und im Hinterstübchen verstaut. Meinetwegen konnte es dabei erstmal bleiben.
Ich hatte gedacht, ich hätte etwas verstanden von diesem ganzen Mist hier im Dorf. Aber offensichtlich hatte ich falsch gelegen. Nur: wie sehr hatte ich falsch gelegen?
Ich bedeutete Tuft, sich wieder zu setzen, was er widerstrebend tat – und vermutlich nur, weil ich es ihm mit dem Flintenlauf signalisierte. Ich selber blieb stehen und lehnte mich an die Wand und zog mir eine Zigarette hervor, die ich zerstreut anzündete. Wo hatte ich mich geirrt?
Dass Tuft scharf die Luft einsog, fiel mir nur nebenbei auf, und ich brauchte ein bisschen, um zu merken, dass er was gegen meine Zigarette hatte. Dann sagte er es auch schon selber:
„Rauchen sie hier nicht, bitte! Dies ist ein altes Haus.“
„Ein altes Haus?“ gab ich zurück. „Na, sicherlich ist es alt, aber so, wie es aussieht, ist es nicht eben brandgefährdet. Ist doch komplett aus Stein, das verdammte Ding!“
Ich warf mein Streichholf auf den Dielenboden, was ihm noch weniger gefiel, und trat es aus.
„Lassen sie das!“ entfuhr es ihm.
Ich hörte ihm gar nicht zu, sondern betrieb in meinem Kopf ein bisschen Fall-Arithmetik. Soll heißen, ich stellte die Dinge, die ich wusste, in meinem Kopf um, und die Dinge, die ich zu wissen glaubte, und die Dinge, die unbekannte Variablen für mich waren, und versuchte rauszufinden, bei welchem Rechenschritt ich mich vertan haben konnte. Das dauerte fast die gesamte Zigarettenlänge, während Tuft an seinen Nägeln kaute. Dann verwarf ich mein Kopfrechnen zusammen mit dem Zigarettenstummel und entschied mich für den direkten Weg.
Ich setzte mich wieder Tuft gegenüber an den kleinen Tisch und stellte die Tassen weg. Fast hätte ich sie einfach auf den Boden gefegt, aber ich fing mich gerade noch. Ich war ja kein kompletter Barbar.
Dann zog ich die Zeichnungen hervor, die ich am zweiten Abend aus Hendrichs Hütte hatte mitgehen lassen, und die ich vorhin bei Fanny Gros wieder eingesteckt hatte.
„Was halten sie hiervon?“ fragte ich Tuft.
Ich legte die Zeichnungen auf den Tisch. Dies waren die Zeichnungen, die ich gemeint hatte. Ich besah sie nun zum ersten Mal bei gutem Licht, und sie waren um einiges beeindruckender, als sie mir damals in der Nacht in der Hütte im Wald erschienen waren. Es waren Zeichnungen des Dorfes und der Menschen hier. Einige kamen mir vom Sehen bereits bekannt vor. Auch viele der Aussichten hatte ich mittlerweile kennengelernt. Und all das war lebendig, wie ein Fenster in eine seltsame zweidimensionale, parallele Welt oder Dimension, da auf dem zerknitterten Papier.
Die Veränderung, die eintrat, war beeindruckend. Tufts Gesicht verwandelte sich in einer Maske aus Stein. Jeder seiner Gesichtszüge stand feingemeißelt hervor, im hellen Licht des Tages gewissermaßen, das durch die großzügigen Fenster hereinströmte. Ihm war wohl nicht bewusst, wie er wirkte, aber ich merkte es durchaus. Ich war auf eine Goldader gestoßen. Die Ausreden hätten nun ein Ende.
Im nächsten Moment krallte er nach dem Papier. Ich zog die Zeichnungen vom Tisch, aber da hatte er sie schon an einer Ecke zu fassen gekriegt und zog nun seinerseits.
„Ich bin bereit, die Dinger zu zerreißen“, stellte ich klar. „Wie ist es mit ihnen?“
Umständlich ließ er los, und der Unmut stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich steckte den dünnen Packen wieder in die Hosentasche.
„Um Zeichnungen wie diese geht es hier“, sagte ich, „und sie wussten das, Tuft. Hendrichs, ach, Frances zeichnet diese Bilder, und vielleicht auch sie, hab ich Recht?“
Sein Schweigen sagte mir genug. Er saß still da und hasste mich mit seinen Augen, und bei seinen Exemplaren sah das sehr eindrucksvoll aus. Fast lief mir ein Schauer über den Rücken. Trotzdem fuhr ich fort:
„Jeder hier im Dorf hat so ein Bild – von sich selbst. Tante Emma hat eins, Fanny Gros hat eins, und ich wette, Jenkins und David und Peter und Hinz und Kunz haben auch alle eins. Ein lebendiges Bild. Ein Bild, das anders ist als alle normalen Bilder. Was hat es damit auf sich, Tuft, was? Und vor allem: Warum stecken sie so in Schwierigkeiten, wenn jemand aus der Stadt weiß, wo Frank Hendrichs alias Frances Henrie sich aufhält?“
„Das müssen sie nicht wissen“, drang es aus dem Gang. In der Tür stand Hendrichs, und er hatte eine Pistole in der Hand.

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Donnerstag, Februar 19, 2009

Fern wie die Zeit (XXXX)

Ich hatte nicht viel mitgenommen. Nur meine Geldbörse und das Gewehr. Die eine würde mir zurück in der Stadt wieder nützen, das andere hier. Und natürlich auch eine Kleinigkeit, die ich aus Hendrichs Hütte entwendet hatte, vor gefühlt hundert Tagen, als ich das erste Mal dort war.
Ich stapfte im Schein der niedrig stehenden Vormittagssonne die Klippen hinauf. Der Weg war kaum auszumachen unter dem dicken Schnee, und so ging ich einfach drauflos, vorsichtig, wegen der vielen Unebenheiten des Bodens. Die Wolkendecke war an verschiedenen Stellen aufgerissen, und Lanzen aus Sonnenlicht überglänzten die weiße Welt. Für Fanny Gros war ich noch immer auf dem Zimmer, auch wenn ich tatsächlich das Haus so wieder verlassen hatte, wie ich es betreten hatte. Ich glaubte ihr, dass sie mich decken wollte. Dennoch hatte ich nicht vor, den Rest der Zeit hier auf dem Zimmer zu sitzen, besonders, wenn ich eigentlich an einem ganz anderen Ort sein wollte, an dem ich den Dingen auf den Grund gehen konnte.
Die Strecke oben auf der Klippe zog sich so weit und flach hin wie das Eis am Nordpol. Soll heißen, von Weitem war ich so leicht zu sehen wie ein Elefant auf dem Tanzparkett, aber das konnte ich nicht ändern. Ich beeilte mich, so gut es ging, und konnte ansonsten nur hoffen, dass niemand durch eine der Schießscharten Ausschau hielt, beispielsweise nach Leuten wie mir, sondern nur durch die Fenster zum Meer, durch die sich heute ein großartiges Panorama bot – in der Ferne war frischer Nebel, das Meer lag dunkel und schwarz da, und dazu noch das Sonnenlicht und der Widerschein des Schnees. Es war ein prächtiger Anblick. Auf jeden Fall prächtiger als ich.
Ich hatte einiges abbekommen in den letzten Stunden. Als ich im Badezimmer in den Spiegel schaute, erkannte ich mich erst gar nicht. Ein wundervoller blauer Fleck zog sich über meine rechte Wange, blau und schon ein bisschen schwarz. Mein Hinterkopf fühlte sich ein bisschen eingedellt und weich an, wenn er das nicht schon vorher gewesen war. Außerdem war meine Lippe aufgeplatzt, was ich gar nicht mitbekommen hatte. Es musste geschehen sein, als ich mal für ein paar Minuten k.o. gegangen war. Soll heißen, es hatte eine Menge Gelegenheiten dafür gegeben. Außerdem schmerzten mir der Bauch und die Nieren, auf jene dumpfe, unterschwellige Weise, die signalisiert, dass man den einen oder anderen Tritt zuviel abbekommen hat. Aber ich pisste noch kein Blut, und ich konnte noch gehen, und ich hatte eine Flinte in der Hand und Sonnenschein im Gesicht. Und Tufts Haus kam immer näher. Ich war ganz gut aufgestellt. Gut genug hoffentlich.

Einbruch war noch nie eine Spezialität meinerseits. Sicherlich, ich besaß ein paar gute Dietriche, aber die machten den Kohl noch lange nicht fett. Man brauchte eine ganze Menge Geduld, um ein Schloss zu öffnen, und eine ganze Menge Fingerspitzengefühl. Es war eine lange, schweißtreibende Arbeit, obwohl man nicht viel bewegte außer den Fingerspitzen, und ein paar Tausendstelmilimeter machten im Zweifelsfall den Unterschied aus zwischen einer geöffneten Tür und einem abgebrochenen Werkzeug. Ich war beileibe kein Grobmotoriker. Aber manche Dinge waren eben den Feinmechanikern vorbehalten.
Im Gegensatz zu einem Dietrich war eine Schrotflinte ein hervorragendes Instrument für einen Einbruch. Wenn man es mit einer Tür zu tun hatte, die nicht besonders solide war, konnte man auf das Schloss halten und das Ding einfach aus dem Holz blasen. In allen anderen Fällen musste man das Glück haben, dass jemand zuhause war. Dann konnte man an der Tür klingeln oder klopfen, und demjenigen, der öffnete, die Flinte unter die Nase halten. Es gab keine bessere Methode, um irgendwo reinzukommen. Das mit dem Rauskommen war dann natürlich eine andere Sache.
Ich hatte Glück. Tuft war zuhause. Er erwies sich als echter Künstler: So wie es aussah, hatte sein Tag der Uhrzeit zum Trotz gerade erst begonnen. Er trug einen Pyjama und eine Nachtmütze, und beides in schreiendem Rot. Seine Augen waren noch ganz trüb und harmlos, geradezu langweilig. Er war wirklich noch nicht auf der Höhe. Gut, er hatte auch weniger Glück als ich. Ich meine, eine Kanone unter der Nase war wirklich nicht die beste Art, um einen Tag zu beginnen.

„Darf ich reinkommen?“
Mit diesen Worten schob ich die Tür ganz auf und Tuft aus dem Weg.
„Was... Was...?“
Ich wartete ab, bis er fähig war, einen vollständigen Satz zu bilden, und schloss in dieser Zeit schonmal die Tür.
„Ist außer ihnen sonst noch jemand da?“ fragte ich ihn.
„Was...“
„Sonst noch jemand?!“
Mit diesen Worten hielt ich ihm die Kanone noch enger unter die Nase. Das Ergebnis war erstaunlich:
„Nein, niemand!“
„Prima“, antwortete ich, „wo ist ihre Küche?“
Tuft schaute verständislos. Allerdings nicht lange, in Anbetracht der Umstände. Er führe mich den Gang hinunter und links, und ich stand in einer Küche, die dem Haus alle Ehre machte. Der Raum musste die gesamten Ausmaße der Außenwand an dieser Stelle einnehmen, und er bot alle Annehmlichkeiten, die sich ein Koch wünschen konnte. Ich meinte damit nicht irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesen-Koch, sondern eher den Küchenchef eines Drei-Sterne-Restaurants der gehobenen Preisklasse. Es war alles da, was man brauchte, inklusive einiger Gerätschaften, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gebraucht hatte.
„Kaffee?“ sagte ich.
„Was... was wollen sie hier?“ antwortete Tuft, mit überschnappender Stimme. Sieh an, er hatte sie wiedergefunden.
„Spielen sie nicht den Überraschten, Tuft. Das steht ihnen nicht. Wo sie hier ihren Kaffee haben, hab ich sie gefragt.“ Dazu fuchtelte ich mit dem Gewehr herum.
Aber Tuft berappelte sich jetzt, und seine Augen gewannen etwas von der alten Tiefe zurück.
„Sie!“ drang es aus ihm, „verlassen sie auf der Stelle mein Haus“, und sein Gesicht verzog sich dabei wie das einer räudigen Promenadenmischung. Sein Outfit machte den Effekt allerdings zunichte. Er sah nicht sehr eindrucksvoll aus, sondern nur wie ein geifernder alter Simpel mit einer Nachtmütze.
„Tuft!“ bellte ich zurück. „Sie wissen, was hier in diesem Dorf vor sich geht. Sie wussten, wo sich Frances versteckt hält. Sie stecken mit Jenkins unter einer Decke. Sowieso, ihr steckt hier alle unter einer Decke. Ihr habt mir übel mitgespielt, ihr Schweinehunde. Und wenn ich nich gleich ne Tasse Kaffee krieg, dann dreh ich durch!“ Dazu rollte ich mit den Augen und fletschte die Zähne.
Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr auf Kaffee. Es war nur das erste, was mir eingefallen war, und ich wollte das Eis brechen. Jetzt wurde mir beim Gedanken an Kaffee plötzlich ein bisschen schlecht. Nur hatte ich die Nummer jetzt angefangen, also musste ich sie auch durchziehen, um nicht wie ein Idiot dazustehen.
„Der Kaffee!“ bellte ich nochmal, und kam mir bereits wie ein Idiot vor. Aber Tuft kuschte, und am Ende bekam ich einen weiteren Kaffee, diesen sogar mit Schuss, nachdem ich die Regale nach ein paar Flaschen durchwühlt hatte. So gefiel er mir schon wieder fast. Ich sorgte dafür, dass auch Tuft eine ordentliche Portion von dem Gebräu abkriegte. Er konnte sie brauchen.
„Kommen sie, wir ziehen um. Ich bin mir sicher, die Aussicht heute ist fantastisch.“
Mit diesen Worten dirigierte ich Tuft in das Galleriezimmer, in dem er mich das letzte Mal empfangen hatte, also in den Gang und bis ans andere Ende und dann immer der Sonne entgegen. Es war kein faires Spiel, was ich hier trieb, das war mir klar. Er war ein alter Mann, und unbewaffnet, und ich ein weniger alter Mann mit einer Kanone. Dennoch traute ich ihm alles zu. Wie ich bereits sagte, sie steckten hier alle gemeinsam unter einer Decke. Ich war mir nur nicht sicher, unter was für einer. Aber das würde ich rauskriegen. Und aus keinem anderem Grund als aus gekränkter Eitelkeit. Wenn ich schlau gewesen wäre, hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Aber, andererseits, hätte es anders kommen können, als es schließlich kam?
Wie immer war das verdammt schwer zu sagen.

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Mittwoch, Februar 18, 2009

Fern wie die Zeit (XXXIX)

Ich ließ mir Zeit, um mit dem Rührei fertig zu werden. Dazu trank ich meine zweite Tasse Kaffee. Langsam fühlte ich mich wieder menschlich. So sehr menschlich, dass ich mir eine Zigarette ansteckte.
Fanny Gros hatte nicht viel gesagt bisher. In der Pfanne war tatsächlich Rührei gewesen, gerade auf den Punkt. Sie hatte zwei Teller auf den Tisch gestellt, selbst dann kaum etwas gegessen und mir dabei zugesehen, wie ich den Löwenanteil verspeiste. Kaffee hatte sie auch keinen getrunken. Und die Polizei hatte sie nicht gerufen, nicht Zeter und Morddio geschrien, und sich ansonsten grundsätzlich sehr zivilisiert verhalten. Sogar einen Aschenbecher hatte sie mir hingestellt. Was sollte ich sagen. Sie hatte mir bis jetzt noch nicht mal das Frühstück in Rechnung gestellt.
Eine ganze Menge Fragen hingen unsausgesprochen zwischen uns im Raum, und ich ließ sie erstmal hängen. Ich mochte Antworten. Aber ich mochte auch Frühstück.
Ich brach schließlich das Eis:
„Danke, dass sie sich um mich gesorgt haben, Mam“,
Sie ließ den Satz verklingen, dann fragte sie:
„Wo kommen sie her?“
Sie sprach mit einer müden, kleinen Stimme, die ganz anders war als zuvor.
„Im allgemeinen oder jetzt gerade?“
„Jetzt gerade.“
„Die Hütte im Wald. Frances‘ Hütte.“
„Sollte David nicht auf sie aufpassen?“
„Er wollte es wohl. Aber er hat nicht gut genug aufgepasst.“
„Geht es ihm gut?“
„Als ich von ihm wegging, war er ganz okay. Er hat einen Schädel aus Eisen. In mehr als einer Hinsicht.“
Wir nahmen noch eine Portion Schweigen, und ich nahm noch eine Portion von dem Rührei. Die Pfanne war leer jetzt.
„Haben sie sie angegriffen?“
„Sie waren nicht da gestern Abend, oder?“
„Nein. Nein, ich war im Café, bei Raoul. Bei Jenkins“, verbesserte sie sich. „Ich habe dort übernachtet.“
„Hat Jenkins sie abgeholt?“
Sie nickte.
„Ich hab eine über den Schädel gekriegt, bevor ich auch nur wusste, was los war. Könnte natürlich dran liegen, dass ich David in die Hütte gesperrt hatte. Damit hat Jenkins Recht.“
„Warum tun sie diese Dinge?“
„Naja, das ist nicht so leicht zu erklären. Ein Ding führte zum anderen...“
„Was machen sie hier?“ unterbrach sie mich, mit mehr Nachdruck dieses Mal.
Jetzt ließ ich ein bisschen Schweigen einsickern. Ich hatte noch keine Lust, darauf zu antworten.
„Sie kennen Jenkins gut?“
Ich aß die letzte Gabel Rührei und trank einen Schluck Kaffee und rauchte die Zigarette zuende. Fanny Gros sah aus dem Fenster hinaus in den Schnee.
„Nachdem mein Mann gestorben ist, hat er sich um mich gekümmert. Wir verstehen uns gut.“
„Es war ein bisschen mehr als das, oder?“
„Was denken sie, junger Mann?“
Ich nickte.
„Was ist mir ihrem Sohn passiert? Dem, den sie mit ihrem Mann hatten?“

Das gelegentliche Schweigen gewann eine andere Konsistenz jetzt. Seine wattige Aufgebauschtheit gerann zu einer Wand aus Beton. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir gerade die Zähne ausgebissen hatte.
„Ich meine Michael“, fasste ich nach.
Fanny Gros sah auf.
„Was wissen sie über Michael?“
„Er ist nicht mehr hier im Dorf. Und eine Menge Leute haben jede Menge Angst vor ihm, aus dem einen oder anderen Grund. Das Dorf hat ihn verstoßen, nicht wahr?“
Sie ließ meine Frage in der Luft hängen und offenbarte keinen großen Antrieb, darauf zu antworten.
„Es liegt an den Bilden, die Hendrichs zeichnet, oder?“
„Hendrichs?“
„Verzeihung, Frances. Es sind die Bilder von Frances und Tuft.“
Es war eine Feststellung meinerseits, keine Frage. Das merkte auch sie. Sie wurde deutlich vorsichtiger jetzt. Sie sank auf ihrem Stuhl zusammen, wie ein kleines Tier, das fürchtet, in die Falle zu gehen.
„Was wissen sie von den Bildern?“
„Mam, ich habe keinerlei Absichten mit ihren Bildern. Mir fällt nur auf, dass eine ganze Menge Dinge hier in diesem Dorf auf die ein oder andere Art und Weise mit diesen Dingern zusammenhängen. Manche hier im Dorf würden töten, um ihr kleines Geheimnis zu wahren. Es ist mehr an den Bildern als nur ihre Lebendigkeit – auch wenn die außerordentlich ist. Ich hab noch nie bisher solche Bilder gesehen. Sie sind nicht gut, aber das müssen sie auch nicht sein, denn sie sind völlig anders als alle anderen Bilder. Wegen dieser Bilder will David mich in einem Sack im Meer versenken, und wegen dieser Bilder wurde ihr Sohn aus dem Dorf getrieben, wenn ich das richtig verstanden habe. Also frage ich mich, was es auf sich hat mit ihnen.
Ich selbst sollte nur Frances suchen, wegen Schulden angeblich. Ich glaube inzwischen, dass ich aus einem ganz anderen Grund nach ihm Ausschau halten sollte. Dabei wäre ich um ein Haar im Wald erschossen worden, wahrscheinlich, um ihn zu schützen. Danach hat man mich mehrmals verprügelt, mir Angst eingejagt, und mich in eine Hütte im Wald gesperrt. Sie verstehen also, dass mein Interesse an der ganzen Sache inzwischen ein ziemlich persönliches geworden ist.“
„Sie sollten nicht diesen Bildern nachforschen. Sie sollten das Dorf verlassen und dorthin zurückkehren, von wo sie gekommen sind, junger Mann. Das meine ich ernst.“
Sicherlich meinte sie das ernst. In ihren Augen schwamm ein ganzer See von Ernst, gesprenkelt mit kleinen Inseln der Eindringlichkeit. Sie sah mich eine ganze Weile so an, während ich nichts sagte, sondern nur eine neue Zigarette ansteckte.
„Nehmen sie den Bus heute Mittag. Sie haben noch Zeit, ihn zu erreichen. Nehmen sie den Bus und verlassen sie das Dorf. Es ist besser so.“
„Mam, ich habe den Eindruck, dass das Dorf in ziemlichen Schwierigkeiten steckt, weil ich Frances gefunden habe. Ich würde gerne wissen, warum. Und ich würde gerne versuchen, das...“
„Gehen sie! Verstehen sie denn nicht! Sie können hier gar nichts tun, und sie sollten nichts tun. Das Dorf ist immer alleine mit allem zurecht gekommen, und so wird es auch diesmal sein. Denken sie an sich und gehen sie. Sie schulden dem Dorf nichts, und viele hier werden froh sein, wenn sie weg sind. Und selbst wenn wir dieses eine Mal nicht zurechtkommen sollten, wen kümmert es. Es läuft schon so lange so. Sie sollten gehen, junger Mann. Nehmen sie den Bus.“
Neben dem Ernst war jetzt eine deutlich flehende Note in ihrer Stimme. Es war zehn am Vormittag.
„Der Bus fährt um halb zwei, nicht wahr?“ versuchte ich mich zu erinnern.
Fanny Gros nickte, froh, dass ich einzulenken schien.
„Ich werde den Bus nehmen, Mam. Sie haben eahrscheinlich Recht. Ich habe hier nichts mehr verloren.“
„Endlich nehmen sie Vernunft an. Sie können hier bleiben. Heute Nachmittag trifft sich das Dorf im Café. Wenn bis dahin niemand nach David und ihnen schaut, sind sie so lange sicher. Es geht ihm doch gut, oder?“
Ich versicherte ihr, dass es David gutginge, und dann stand ich auf und sagte noch einmal Danke und ging ins Bad. Ich konnte eine kleine Auszeit gut gebrauchen.

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A Salute to Those

A Salute to those
who ventured ahead.
A Salute to those
who have advanced
through the thinning ranks.
A Salute to those
who, awhile,
have formed the vanguard
of our march through time.
A Salute to those
who have taken
that single, singular step
behind the curtain
billowing in the winds of transience.
A Salut to those,
to all their fears,
their hopes,
their memories -
left behind, sleeping,
but not forgotten.
A Salute to those.
A Salute to all.

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Dienstag, Februar 17, 2009

Fern wie die Zeit (XXXVIII)

„Ich kann’s nur nochmal sagen, Fanny. Es tut mir Leid, was gestern Nacht hier passiert ist.“
Es war Jenkins‘ Stimme, dem ganz offensichtlich eine Last auf dem Herzen lag. Dann Kratzen in der Pfanne, Metall auf Metall.
„War es nötig, dass sie das ganze Zimmer auseinandernehmen? War es nötig, dass sie den jungen Mann gleich mitnehmen?“
Ich hatte mich noch nie so alt gefüht wie zurzeit. Umso surrealer kamen mir diese Worte aus dem Mund Fanny Gros‘ vor.
„Fanny, er hat sie angegriffen. Sie wollten mit ihm reden. Das erste, was er tat, war, David auf die Bretter zu schicken. Überhaupt, davor hat er David im Wald angegriffen, bei Frances‘ Hütte. Dort hat er ihn dann eingesperrt, nachdem er ihn um ein Haar erschossen hätte. Viel gefehlt hat nich. Frances hat ihn dann dort gefunden. Ich denke, dass der Kerl uns eine Erklärung schuldet.“
Fanny Gros sagte nichts, sondern kratzte weiter in der Pfanne herum.
„Fanny, du kennst mich. Ich würd den Sheriff rufen, aber jetzt gerade sind wir eingeschneit. Die Straße ist so gut wie dicht, und das Telefon ist kaputt. Hab’s heute Morgen probiert. Der Schnee muss die Leitung unterbrochen haben. Und bis dahin halten wir ihn eben fest. Bis wir den Sheriff rufen können.“
Noch mehr Schweigen. Auf seine Weise war es fast beredter als Worte. Auch Jenkins kriegte das mit. Das ganze begleitet von der bekannten Sinfonie auf Bratpfanne.
„Fanny, machst du dir Sorgen um diesen Kerl?“
Kratzen.
„Fanny. Fanny! Ich werd nich zulassen, dass ihm was passiert, okay? Wenn du das willst, dann gut, dann kümmer ich mich drum.“
„So, wie du dich bei Michael gekümmert hast, Raoul?“
Das war das erste Mal, dass ich Jenkins‘ Vornahmen zu hören bekam. Ich lernte nicht aus. Jenkins seinerseits schien den letzten Satz in den falschen Hals bekommen zu haben.
„Herrgott nochmal, Fanny“, drang es aus der Küche, „das is ne völlig andere Geschichte, und das weißt du auch. Du weißt, wie ich über Michael denke. Ich hab den Jungen genauso gern gehabt wie du. Aber du kannst doch nich ernsthaft behaupten, dass Michael es nich herausgefordert hat. Verdammt, er hat alles aufs Spiel gesetzt. Er hat alles aufs Spiel gesetzt, was wir sind!“
„Ich weiß, Raoul. Ich weiß das alles sehr gut.“
Was immer sie in der Pfanne hatte, musste bald fertig oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt sein.
„Aber hast du einmal darüber nachgedacht, wer und was wir sind? Hast du einmal darüber nachgedacht, ob es das wert war?“
„Fanny, was redest du?“
„Ich hab drüber nachgedacht, Raoul. Ich hab manche Nacht drüber nachgedacht. Hast du drüber nachgedacht?“
„Verdammt, Fanny! Michael is vielleicht sogar dran schuld, dass wir diesen Kerl überhaupt am Hals haben. Er ist immernoch auf die Bilder aus, Fanny. Noch immer!“
„Und warum geben wir sie ihm nicht einfach?“
Dann war in der Küche Stille, eine tiefe, erschütterte Stille, jene Stille, die entsteht, wenn etwas Unfassbares, etwas Verbotenes, etwas Blasphemisches ausgesprochen wird. Es war die Stille, die in einer katholischen Kirche entsteht, wenn man über die Verwandlung der Hostie lacht oder die jungfräuliche Geburt anzweifelt. Nicht dass mich die katholische Kirche jemals besonders interessiert hätte. Ich war katholisch. Aber das kam in den besten Familien vor.
Dann wurde ein Stuhl zurückgeschoben. Ich wusste die Zeichen zu deuten und machte einen eiligen Rückzug in Richtung meines Zimmers, und keine Sekunde zu früh. Jenkins rauschte ab wie eine Lokomotive unter Volldampf, und mit ein bisschen Phantasie konnte man sogar die Rauchfahne sehen, die seinem hochroten Kopf entströmte. Er steuerte Richtung Haustür, und mit einem schauerlichen Quietschen und einem eindrücklichen Türenschlagen war er weg.
Ich wartete ein bisschen ab, dann schlich ich wieder auf meinen Horchposten. Drinnen in der Küche war jetzt kein Wortwechsel mehr und kein Kratzen in der Bratpfanne, nur das leise Schluchzen einer müden, sehr alten Frau. So klang es jedenfalls. Ich wusste noch gar nicht, wie sehr ich Recht damit hatte.
Jenkins war weg, und ich war hungrig und mir war sowieso alles mehr oder weniger egal gerade. Wenn man keine große Chance hatte, wurde jeder übermütig. Also spazierte ich einfach in die Küche. Fanny Gros hörte meine Schritte. Sie starrte mich an, als sähe sie ein verdammtes Gespenst.
„Ein Rührei wär nicht schlecht, Mam. Und sehr gern auch ein Kaffee, wenn sie haben.“

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Eingestellt von MwaH Am/um 0 Kommentare Links zu diesem Post